Bundesliga

Fredi Bobic zur Corona-Krise: Es geht nicht um Recht, es geht um Vernunft

Gastbeitrag von Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic

Es geht nicht um Recht, es geht um Vernunft

Fredi Bobic

Es geht nicht um Sport und Meisterschaften, es geht um die Gesundheit: Fredi Bobic. picture-alliance

Es ist schwer für jeden Verantwortlichen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, weil niemand weiß, worum es eigentlich genau geht. Dieser unbekannte, unsichtbare Gegner namens SARS-CoV-2, bekannter als Corona, versucht die Gesellschaft zu zerreißen. Seit ich im Sport Verantwortung trage, habe ich immer gesagt, dass ich am liebsten nur über Sport rede. Nun aber ist ein Punkt gekommen, an dem wir in den Führungspositionen ohne genaue Faktenlage Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen müssen, bei denen es um die Gesundheit aller unserer Mitarbeiter, ja aller am Produkt Fußball Beteiligten geht. Und das Schlimmste: Eine Entscheidung, die am Vormittag aus Überzeugung getroffen wurde, ist am Nachmittag schon Makulatur. Das konnte man am vergangenen Mittwoch in Frankfurt beobachten, als die Behörden am Vormittag die Entscheidungslage hatten, anderntags gegen den FC Basel mit Fans spielen zu lassen, und am Nachmittag den Fans den Zutritt dann doch verwehren mussten.

In großer Einmütigkeit haben die Deutsche Fußball Liga und alle 36 Profivereine am Freitag die einzig richtige Entscheidung getroffen, den Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung auszusetzen. Es waren viele, teils auch sehr konträre Diskussionen auf dem Weg zu dieser Entscheidung, was in Anbetracht der Lage absolut nachzuvollziehen ist. Am Ende aber stand ein völlig alternativloser Beschluss. Denn es geht hier nicht um Sport. Nicht um eine Meisterschaft. Es geht um die Gesundheit aller.

Eintracht-Familie emotional und verantwortungsbewusst

Als wir von Eintracht Frankfurt uns am Samstag mit allen aus dem sportlichen Bereich, allen Trainern, Spielern und Betreuern zusammengesetzt haben, habe ich eine sehr fokussierte, sehr gewissenhafte, sehr emotionale und sehr verantwortungsbewusste Gruppe erlebt. Aber es war auch eine enorme Verunsicherung zu spüren. Die Spieler haben sehr intelligente Fragen gestellt und wir, vorrangig das Ärzteteam, versucht, Antworten zu geben. Wir haben diskutiert auf dem gemeinsamen Weg, ein wenig Klarheit zu erlangen. Wir sind nach einigen Stunden auseinandergegangen in der Hoffnung, dass sich in der enorm aufgeladenen, teils auch überdrehten Thematik mit ein wenig Zeit auch wieder etwas Normalität einstellen wird. Wir wissen nicht, was in drei bis vier Wochen ist. Wir hoffen aber, dass die gesamte Gesellschaft und damit auch der Sport nach einer gewissen Zeit den Umgang mit einer auch dann noch schweren, unbeendeten Thematik gelernt hat, die uns - da muss man kein Hellseher sein - noch Monate beschäftigen wird.

In einer solchen Situation kann man keine Geisterspiele durchführen

Fakt ist: Sportler wollen Sport treiben. Wir wollen alle unsere Ligen zu Ende spielen. Wir alle aber sind auch Menschen mit Gefühlen, mit Sorgen um unsere Familien. Dass sich in einer solchen Situation junge Menschen nicht auf Sport konzentrieren können, muss jedem klar sein. Das haben wir am Donnerstag erlebt, als im Team das Spiel gegen den FC Basel nicht im Mittelpunkt stand, sondern Fragen um die Gesundheit. So ging es auch anderen Mannschaften quer durch Europa. In einer solchen Situation kann man auch keine Geisterspiele durchführen und die Fans damit in die Sportbars treiben, in denen sich die Infektionsgefahr in unverantwortlicher Weise erhöht. Nicht in dieser aktuellen, aufgeheizten Lage. Da muss der Ball erst einmal ruhen. Jetzt müssen wir lernen, mit dem Thema umzugehen. Dann werden auch wieder Spiele möglich sein, davon bin ich überzeugt. Aber auch dann werden wir uns auf Geisterspiele einstellen müssen. Trotzdem kann der Sport dann auch wieder eine wichtige gesellschaftliche Rolle einnehmen, nämlich im ganzen Land für Abwechslung zu sorgen, Themen zu liefern, die nichts mit dem Coronavirus zu tun haben. Natürlich wissen wir, dass Sport und seine Fans weltweit zusammengehören. Gerade wir bei Eintracht Frankfurt leben diesen Zusammenhalt in ganz besonderer Weise. Wir wollen Sport vor unseren Fans treiben. Ohne Fans macht es nicht so viel Spaß. Doch wir müssen auch an all jene denken, die sonst noch in vielfältiger Weise am Profisport dranhängen. Es geht auch um Existenzen, wenn wir über eine Fortsetzung oder eine Beendigung der Saison diskutieren.

Aufgabe für alle - Geschlossenheit ist wichtig

Ob das alles die richtigen Entscheidungen waren und sind? Wir wissen es nicht. Es geht auch nicht um Recht, es geht um Vernunft. Keiner von uns hat mit diesem Thema Erfahrungen. Im Übrigen auch die Politik nicht. Wir haben eine Aufgabe zu bewältigen, die sich uns in dieser Größe noch nie gestellt hat. Deshalb ist Geschlossenheit so wichtig. Wir - damit meine ich die Gesellschaft, die Politik, die Unternehmer, die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, natürlich auch die Vereine, den Sport - stehen vor einer verdammt wichtigen und gleichsam schwierigen Zeit. Es wird wirtschaftlich sicher empfindliche Einschnitte geben. Dessen sind wir uns bewusst. Keiner weiß, wie die Zukunft aussieht. Nur gemeinsam können wir diesen Gegner bezwingen.

Fredi Bobic, Vorstand Sport Eintracht Frankfurt

Alle wichtigen Entwicklungen zur Corona-Krise im Ticker des Tages finden Sie hier...