Basketball

Vince Carter: 22 Jahre NBA und ein bizarres Finale

Wenn die Liga im Stillstand verharrt, endet eine bemerkenswerte Karriere

Spektakel und Gelassenheit: 22 Jahre Vince Carter in der NBA - und das bizarre Finale

Vince Carter

Abgang mit Stil: Vince Carter nahm vorher noch einen letzten Dreier. picture-alliance

Am 5. Februar 1999 startete die wilde Fahrt des Vince Carter durch die NBA. Ordentliche 16 Punkte legte der Mann aus Floridas "Springbreak City" Daytona Beach im ersten Spiel seiner Rookie-Saison für die Toronto Raptors auf - bei einem Sieg über die Boston Celtics. Nach seiner Zeit an der University of North Carolina verhinderte ein Arbeitskampf in der Liga den pünktlichen Einstieg im Herbst. An Nummer fünf war Carter von den Golden State Warriors gedraftet und sogleich an die Raptors weitergeschickt worden.

In der noch jungen kanadischen Franchise sollte er an der Seite seines Cousins Tracy "TMac" McGrady für Spektakel sorgen. Und Carter lieferte Spektakel. Er wurde schnell für seine krachenden Dunks bekannt, die Fans liebten ihren jungen Star, der zum Rookie of the Year avancierte. Im zweiten Jahr war Carter - "Human Highlight Reel", "Air Canada" oder "Vinsanity", die Alias-Namen häuften sich - schon All-Star. Er sicherte sich beim Treffen der Besten den Titel des Slam-Dunk-Champions (unvergessen: Ball im Sprung durch die Beine und rein!) und machte im Schnitt schon über 25 Punkte. Nicht selten wurde Carter als Nachfolger von Michael Jordan bezeichnet. Wie Air Jordan wurde er Olympiasieger - im Sommer 2000 in Sydney. Sein spektakulärer Flug über den Franzosen Fredric Weiss ging in die Geschichte ein.

Mit Kidd und Nowitzki, doch nie bis ins Finale

Verletzungen bremsten den Höhenflug Carters in der Folgezeit. Unzufriedenheit mit dem Management der Raptors kam hinzu - 2004 mündete dies in die Trennung. Es folgte das zweite längere Kapitel des Shooters, bei den New Jersey Nets ging es weiter. An der Seite von Stratege Jason Kidd prägte "Vinsanity" das Spiel des Ostküstenteams, die großen Erfolge blieben jedoch aus. Mit den Orlando Magic ging es 2010 immerhin bis ins Eastern-Finale (Aus gegen Boston). Es folgte ein Intermezzo in Phoenix, drei Jahre mit Dirk Nowitzki beim frischgebackenen Meister in Dallas, drei in Sacramento - und kein Ende in Sicht. In Memphis feierte Carter 2017 seinen 40. Geburtstag. Die Dreier regneten nun nicht mehr so oft, ganz zu schweigen von Dunkings. Aber genug hatte Carter immer noch nicht.

Weiter nach Westen, nach Sacramento. Ein Jahr später dann Atlanta. Die Hawks gaben Carter 2018 einen Vertrag - und verlängerten ein Jahr später sogar noch einmal. Nun spielte er gemeinsam mit Trae Young in einem Team, dem besten Rookie hinter Luka Doncic von den Mavs, dem frechen Lockenkopf, der gerade mal ein halbes Jahr alt war, als Carter 1999 die NBA-Bühne betrat. Und Spiel um Spiel sammelte.

1541 sollten es werden bis in den März 2020. 21 Jahre und fünf Wochen, 22 Spielzeiten, das hat keiner vor ihm geschafft (Nowitzki spielte 21 für Dallas). Ein neues Virus verhinderte dieser Tage wohl, dass noch ein paar Partien hinzugekommen wären. Zumindest vorerst. Während die Hawks am 11. März die New York Knicks zu Gast hatten, verbreitete sich auf den Rängen die Nachricht wie ein Lauffeuer, dass die NBA-Saison unterbrochen werden würde. Vielleicht ja sogar vor dem Abbruch stünde.

Carter 2000 in Sydney

Olympiasieger: Carter anno 2000 in Sydney. picture-alliance

Das Spiel zweier Teams, die wieder einmal nichts mit den Play-offs zu tun haben würden, befand sich in der Verlängerung. Die Hawks lagen wenige Sekunden vor Schluss aussichtslos im Hintertreffen, als die Rufe nach Carter, der schon im Pulli auf der Bank saß, lauter und lauter wurden. "Zum Glück haben sie mich daran erinnert", sagte Hawks-Coach Lloyd Pierce angesichts der Möglichkeit, dass Carters Karriere in den nächsten Sekunden enden könnte. Und während die Knicks Freiwürfe verwandelten, checkte Vinsanity breit grinsend noch einmal ein. 20 Sekunden, und ein letzter klarer Plan (in den auch die Knicks eingeweiht wurden). Ball zu Carter, keine Defense, freier Blick zum Korb - Dreier! Zum 2290. Mal rauschte die Pille nach einem "Carter from Downtown" durch die Reuse. Nur fünf Spieler in der Geschichte der Liga haben mehr Dreier versenkt.

"Es sieht so aus, als könntest du noch ein paar Jahre spielen"

"Das war ein Spaß. Wenn es heute zu Ende ging, wird man über diesen Tag und die noch fehlenden 16 Spiele lange sprachen", sagte Carter nach dem Spiel zu "The Athletic". "Ich werde das nie vergessen. Wenigstens habe ich noch einen letzten Korb gemacht. Es ist eine verrückte, aber coole Erinnerung."

Was trieb Carter an, so lange durchzuhalten, sich noch länger zu quälen als Weggefährte Nowitzki, der 2019 Schluss gemacht hatte? Die Jagd nach einem Meistertitel war es vielleicht einmal, in der späten Phase seiner Karriere nicht mehr. "Wenn man sagt: 'Wie alt ist der nochmal? Oh, er sieht so aus, als könne er immer noch spielen.' Das ist ein Gefühl", so Carter, "wie ein Meistertitel. Weil du jede einzelne Nacht gegen einen anderen jungen Typen spielst und die dann sagen: 'Mann, erklär mir, wie du das machst. Es sieht so aus, als könntest du noch ein paar Jahre spielen.' Das ist wie der Gewinn einer Meisterschaft in meinem Kopf."

Gelassenheit und Freude stets präsent

Andere mögen dies nicht so sehen, vielmehr vom Hunger nach Titeln getrieben durch die Karriere navigieren. Carter nicht. In den 22 Jahren NBA scheint die anfängliche Explosivität, der lebende Highlight-Film, nach und nach einer unerschütterlichen Gelassenheit gewichen zu sein. Den Spaß am Spiel verlor Carter nie, schelmisch lächelte er über die vereinzelten Dreier, die er Ü40 noch einstreute. Geradezu diebisch freute er sich, der 43-Jährige, als der letzte Plan aufging, und sein wohl letzter Wurf in der NBA durch den Ring fiel. "Wenn es das wirklich war, dann danke ich euch allen für eure Liebe und Unterstützung in all den Jahren." Mehr als 22 Jahren.

Andi Holzmann

Vince Carter - Impressionen aus 22 Jahren NBA