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Der FCA Darmstadt und die ausländischen Spieler

Ein Kreisoberliga-Verein mit Ambitionen

Ein Modell und seine Kritik: Achtligist FCA Darmstadt und die ausländischen Spieler

FCA Darmstadt

Der FCA Darmstadt stürzte einst aus der Hessenliga ab. Nun soll es wieder dorthin gehen - mit einem etwa anderen Ansatz. Ein Macher dahinter: Luca Bergemann. mainkick.tv

17 Spiele, 17 Siege. Es ist eine eindrucksvolle Bilanz, die der 1. FCA aus dem hessischen Darmstadt vorzuweisen hat. Natürlich führt man damit die Tabellenspitze in der hiesigen Kreisoberliga an, mit zehn Punkten vor dem ersten Verfolger Groß-Gerau. Beim FCA läuft es aber nicht deswegen so gut, weil er von seiner ausgezeichneten Jugendarbeit profitiert oder finanzkräftig talentierte Spieler aus der Umgebung zu sich lockt. Das System, das den Verein in jüngster Zeit zu einer tabellarischen Erfolgsgeschichte macht, ist ungewöhnlicher. Das deutet sich schon bei einem Blick auf den Kader an: Die Akteure kommen aus den USA, Grenada, Brasilien, aus Trinidad, Kolumbien, Japan. Der Kreisoberligist aus dem Stadtteil Arheilgen hat ausschließlich ausländische Spieler in seinen Reihen.

Der Kopf dahinter - auch das ungewöhnlich - ist gerade erst 19 Jahre alt. Luca Bergemann betreibt den FCA mit Bruder, Vater und Mutter. Um die Motive der Familienbande zu erahnen, hilft ein Blick ins Jahr 2012: Damals spielte der FCA von Vereinspräsident Andreas Bergemann noch in der Hessenliga, musste aber Insolvenz anmelden und stürzte in die Kreisoberliga ab. Vor zwei Jahren starteten die Verantwortlichen nun mit neuem Modell. Das Ziel: Gute Spieler holen, die kein Geld kosten - denn das hat den FCA schon 2012 den Kopf gekostet.

"In diesen Zeiten bezahlt man Spielern auch in diesen Ligen zu viel Geld", erklärte Bergemann schon vor ein paar Monaten in einem Videoportrait. Im Telefonat mit dem kicker erläutert er nun, wie er heute zu seinen Spielern kommt, erzählt von Zusammenarbeit mit Agenturen, dass er selbst eine Partneragentur gegründet habe, die das Finanzielle mit den Spielern kläre, von einer Akademie für U23- und U19-Spieler. Die Agentur miete Häuser und Wohnungen, brächte dort die Aktiven unter, verpflege sie. Niedrige bis mittlere dreistellige Beträge zahlten manche für dieses Paket, genaue Summen und Details will er nicht nennen. Der Verein sei bei allem Vertraglichen außen vor, sei ein reines Sprungbrett: "Keiner will ja nach Deutschland kommen, um in der achten Liga zu bleiben. Es wird als Möglichkeit gesehen, herzukommen und hier vorzuspielen. Und dabei helfen wir ihnen", erklärt er. Ex-FCA-Spieler hätten es so schon in die Regionalliga geschafft.

Vorwürfe via Youtube

Am Altruismus, der in diesen Sätzen durchklingt, kratzten jüngst aber die Vorwürfe zweier US-Amerikaner, die sich via YouTube meldeten. Zum einen war da Luke Gerrish, der in seinem über 100.000-mal angeklickten Video schildert, über die sozialen Medien angeschrieben worden zu sein, ob er nicht "pro-football" in Deutschland spielen wollen würde. Bei einem kostenpflichtigen Sichtungs-Camp in Darmstadt sei er aber auf unhaltbare Zustände gestoßen, wie er in seinem Video zu dokumentieren scheint. Auch seien weiteren Erwartungen, die er offenbar an das Camp stellte, ernüchtert worden. 500 Euro habe er zahlen müssen, Unterbringung und Verpflegung wurden dafür gestellt. Gerrishs Einlassungen klingen nun weniger verärgert, er spricht durchaus auch von einer interessanten Erfahrung - unterm Strich nennt er die Tage, die er in Darmstadt verbrachte, "weird", also seltsam.

Ob es nun die Enttäuschung zu hoher Erwartungen war oder falsche Versprechungen gegeben wurden: In die Kerbe, dass hier ein Verein ein Geschäft aus den Hoffnungen und Träumen junger, ausländischer Spieler macht, schlägt auch der Kalifornier Spencer Moeller. Der ehemalige FCA-Spieler wird in seinem Video deutlich, spricht von Betrug, prangert die Vorgehensweise bei der Rekrutierung junger Talente aus dem Ausland an. Unterlegt mit diversen Screenshots will er deutlich machen, dass es die Agentur Synced Soccer, mit der der Verein zusammengearbeitet habe, offensichtlich mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. In den USA etwa hätte die Agentur kostenpflichtige Sichtungscamps abgehalten, mit der Angabe, ein "professional club", der FCA Darmstadt, suche nach Talenten. Spieler, denen suggeriert wurde, sie bekämen eine "professionelle Chance", fänden sich in der 2. Mannschaft des FCA wieder - in der untersten Liga.

"Die Agentur hat uns als etwas anderes hingestellt"

"Wir erklären den Spielern ganz klar, dass wir nur ein Sprungbrett sind. Die Spieler sehen ja auch das Gelände und dass wir nur vier, fünf Leute im Verein sind, die richtig mitarbeiten. Deswegen wäre es absolut sinnlos, da etwas Falsches zu behaupten", beteuert Bergemann. "In diesem Fall ist es einfach unglücklich gelaufen. Die Agentur hat uns als etwas anderes hingestellt, wollte daraus Profit ziehen. Wenn du sagst, du arbeitest mit einem Profiverein aus Deutschland, dann kommen alle zu dir." Die Vorwürfe hätten sie überraschend getroffen: "Spencer war nun der erste, der sich so geäußert hat. Ich glaube, da war auch viel aufgesetzt, Youtube-Fassade."

Die Zusammenarbeit mit der betroffenen Agentur sei beendet worden, doch der Wirbel für den Kreisoberligisten war enorm. Auch der Hessische Rundfunk griff die Vorwürfe auf: "Das war schon eine große Belastung in den letzten Tagen. Die Menschen da draußen glauben solche Aussagen direkt, stellen einen an den Pranger. Aber wir haben uns gesagt: Wir bleiben uns da treu, lassen uns von der Kritik nicht unterkriegen, vor allem, weil es sportlich überragend läuft." Für die Problematik, die zu der jüngsten Kritik führte, seien sie jetzt sensibilisiert, sagt Bergemann: "Es ist manchmal schwer, all diese Parteien - Agenturen, Spieler, Eltern - komplett im Griff zu behalten."

"Familiärer" Kontakt

Unbestritten ist: Die Darmstädter setzen auf den Effekt, dass der deutsche Fußball hohes Ansehen im Ausland genießt, setzen auf Träume, es hier zu schaffen. Doch Programme, die ausländische Amateurkicker nach Deutschland und dort in den Amateur- oder semi-professionellen Bereich führen, sind nichts Ungewöhnliches, kommen häufig mit dem Charme eines Austauschjahrs daher, inklusive Unterbringung und intensivem Sprachunterricht. Sprachkurse seien auch bei ihnen Teil des Angebots, beteuert Bergemann, man helfe den Spielern je nach Bedarf auch dabei, Arbeit zu finden, oder weiterzustudieren. Vorwürfe wegen vermeintlicher Wucherpreise und Ausbeutung greifen bei den kolportierten Summen, die Spieler für Unterbringung und Verpflegung zahlten, ins Leere.

Generell sei der Kontakt untereinander eng. "Für viele ist es schwer vorstellbar, viele denken einfach, dass wir wie eine Fabrik sind, Spieler nur an sich denken." Die Spieler lebten gemeinsam, sähen sich fast jeden Tag in der Woche auf dem Fußballplatz, träfen dort auf andere junge Menschen, die in der gleichen Situation seien. Und auch wenn sie gehen, betont Bergemann, bleibe der Kontakt oft bestehen: "Wir sind sogar schon nach Übersee zur Hochzeit eingeladen worden".

Der Verband übrigens sieht keinen Verstoß im FCA-Modell - doch natürlich ist Kritik legitim. Letztlich entfernt sich der FCA vom traditionell sozialem Ansatz eines Stadtteil- oder Dorfvereins, bedient sich kommerzialisierender Formen, wie sie eine globalisierte Welt eben eröffne. "Es ist natürlich etwas Spezielles. Doch in Spanien, Portugal, den USA gibt es so etwas oft. Was uns ein wenig unterscheidet: Wir haben Agentur und Akademie in einer direkten Verknüpfung mit einem Verein." Aber die Agentur könne auch ohne den FCA existieren, habe auch schon Spieler bei anderen Vereinen.

Regionalliga? "Hätten wir kein Problem damit"

Auffällig an Bergemann ist: Er legt Unbekümmertheit und Tatkraft an den Tag. Das wird auch deutlich, wenn er über Ziele spricht. Man wolle an der Infrastruktur arbeiten, "sportlich so schnell wie möglich in die Hessenliga, ganz klar! Wir würden uns wünschen, dieses Jahr aufzusteigen, durch die Gruppenliga zu marschieren und dann in der Verbandsliga auch direkt hochzukommen. Aber die Verbandsliga ist natürlich auch schon richtig gutes Niveau, vielleicht brauchen wir da ein, zwei Jahre mehr."

Bis dahin wolle man ein Ausbildungsverein bleiben. "Ab der Hessenliga werden wir dann versuchen, längerfristig mit den Spielern zu planen, ihnen vielleicht die Möglichkeit bieten, hier ein Leben aufzubauen. Und wenn es uns irgendwann gelingt, in die Regionalliga Südwest aufzusteigen, hätten wir kein Problem damit". Aber das, so Bergemann, würde natürlich Auflagen mit sich bringen, Sponsoren müssten akquiriert werden.

Der Youngster hat aufgrund seines Alters und der familiären Verknüpfungen im Verein den Vorteil, langfristig denken zu können. "Wir geben uns die Zeit auf 15, 20 Jahre hinweg." Das Modell werde so schnell nicht aussterben, zu viele Spieler gäbe es in Amerika, in Brasilien. "Es wird, ob Qualität oder Quantität, langfristig nicht scheitern."

Jan Mauer

Amateurfußball - Porträt

Sportlicher Leiter mit 19 Jahren: Luca Bergemann vom FCA Darmstadt

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