Regionalliga

Sobotzik: "Frahn müsste den Anstand haben, sich persönlich zu entschuldigen"

Der frühere Chemnitzer Manager über seine Zeit beim CFC

Sobotzik: "Frahn müsste den Anstand haben, sich persönlich zu entschuldigen"

Thomas Sobotzik

Spricht offen über seine Zeit in Chemnitz: Thomas Sobotzik, aktuell Geschäftsführer der Offenbacher Kickers. imago images

Von Anfang an war das Engagement beim Chemnitzer FC für Sobotzik "eine Challenge", wie er das selbst bezeichnet. Er stieg bei einem insolventen Drittliga-Absteiger ein, insofern war die Aufgabe von vorne herein eine sehr angespannte Angelegenheit. Vor allem aber die Entscheidungen, die Sobotzik in der Personalie Daniel Frahn traf, machten diese Tätigkeit brisant.

Frage: Sie entließen Stürmer Daniel Frahn, nachdem dieser mit einem Mitglied einer rechtsradikalen Gruppe bei einem Auswärtsspiel im Block war. Danach erhielten Sie Morddrohungen. Hat Sie die Brutalität in der Reaktion überrascht?

"Es hat mich nicht völlig überrascht, weil er Publikumsliebling war. Aber es gab vereinsseitig keine Alternative, und ich würde immer wieder so handeln, weil wir eine gesellschaftliche Verantwortung haben und klar agieren müssen. (...) Es gab es unter anderem Schmierereien mit Todesdrohung im Stadion und einen Vorfall am Stadion. Da wurde ich auf dem Weg zum Auto bedrängt. Mein Chefscout war dabei, die Polizei hat das und vieles mehr aufgenommen."

Frage: Kann man sagen, dass der Chemnitzer FC im Würgegriff der rechten Szene war oder ist?

"Ja. Das hat sich aber nicht von heute auf morgen entwickelt. Mir war das anfangs nicht so bewusst, erst mit dem 9. März 2019 wurde mir das in Gänze vor Augen geführt."

An diesem Tag wurde im Chemnitzer Stadion an der Gellertstraße vor der Partie gegen die VSG Altglienicke an Thomas Haller, den Gründer des Netzwerks "HooNaRa" (Hooligans, Nazis, Rassisten) gedacht, der kurz zuvor einem Krebsleiden erlegen war. Bei der offiziellen Trauerbekundung vor Spielbeginn wurde eine Schweigeminute abgehalten, die schwarz gekleideten Fans in der Südkurve zündeten außerdem eine Pyro-Show in Rot und Weiß. In einer Rede wurden die Verdienste Hallers für den Verein gewürdigt. Während des Spiels hielt Daniel Frahn beim Torjubel ein T-Shirt mit der Aufschrift hoch: "Support your local hools."

Über den Vorfall sagt Sobotzik in der Rückschau: "Als wir die Ereignisse aufgearbeitet haben, trat immer deutlicher zutage, wie die Machtverhältnisse wirklich sind, auch was den Sicherheitsdienst betrifft. Da haben wir gemerkt, dass der Einfluss massiv ist, obwohl die Gruppe nicht riesengroß ist."

Frage: Sie hatten sportlich ja mit dem Wiederaufstieg Erfolg, waren aber ständig im Fokus wegen der rechten Szene. War das wie ein falscher Film?

"Es ist absurd, am Ende war ich ausgebrannt, das Trainerteam auch. Vergleichen Sie es mit der Situation von Jordan Torunarigha, der auf Schalke rassistisch beleidigt wurde. Als Hertha ein paar Tage später gegen Mainz verlor, hieß es, dass zuvor zu viel auf das Team eingeprasselt sei. Wir reden dort von einem einzigen Vorfall, der schlimm genug ist - in Chemnitz hatten wir einen schlimmen Vorfall nach dem anderen. Alle im operativen Bereich waren am Ende. Wenn du in dem Spiel, in dem du den Aufstieg schaffst (am 4. Mai beim 1:1 in Meuselwitz; Anm. d. Red.) mit Bierbechern beworfen und beschimpft wirst, fragst du dich: Für wen arbeite ich eigentlich? Ich habe auch Positives zurückbekommen, aber das war eher leise Anerkennung. Die laute Minderheit, die in die falsche Richtung marschiert, macht alles kaputt. Denen ist auch egal, in welcher Liga der Klub spielt."

Frage: Hätten Sie sich gewünscht, dass die Mehrheit aufsteht?

"Natürlich, aber es ist nicht passiert. Ich weiß zumindest, dass es nicht so leicht ist, sich im Block im Chemnitzer Stadion offen gegen gewisse Ströme zu wenden. Das haben Fans auch berichtet. Ich kann von keinem Familienvater verlangen, die Stimme zu erheben gegen Jungs aus der Kampfsportszene, denen alles egal ist. Es ist menschlich, dass man eher wegschaut."

Frage: Haben Sie das Gefühl, dass Rassismus im Stadion wieder offener und häufiger zutage tritt?

Als aktiver Spieler habe ich nie erlebt, dass ein Kollege rassistisch beleidigt wurde. (...) Ich würde mir wünschen, dass rigoroser bestraft wird. Ich habe selbst erlebt, wie schwer es ist, ein bundesweites Stadionverbot zu verhängen. Diese Schwelle muss niedriger werden. Man darf nicht Dinge tolerieren und sagen: Das sind junge Leute, die wissen nicht, was sie da rufen. Aus meiner Sicht herrscht zu viel Toleranz für die Falschen."

Frage: Daniel Frahn spielt mittlerweile für Babelsberg, hat dort versichert, er habe nicht geprüft und gewusst, mit wem er unterwegs sei. Kaufen Sie ihm das ab?

"Nein, gerade er wusste genau, mit wem er da abhängt. Das sind langjährige Verbindungen, auf die mich die Polizei bereits am Rande des Stadtfestes 2018 aufmerksam machte, als es diesen bedauerlichen Zwischenfall gab mit anschließendem Aufruf der Gruppierung 'Kaotic' (sie rief damals zu einer Kundgebung auf, aus der Hetzjagden gegen Migranten entstanden; Anm. der Red.). Ich habe von ihm bis heute keine Entschuldigung gegenüber dem Verein und seiner eigenen Mannschaft gehört. (...) Das Schlimme ist: Er sah das in Wahrheit bis zuletzt nicht als Problem. Das lässt sich schlecht mit den Werten des Fußballs und der Vorbildfunktion eines Spielers vereinbaren. Fußball als Sport ist zunächst unpolitisch, aber aufgrund seiner wichtigen Rolle in der Gesellschaft ist er auch immer politisch. Gegen Rechtsradikalismus vorzugehen ist nicht politisch, sondern alternativlos, weil er Minderheiten diskriminiert und diese Haltung nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar ist."

Frage: Was hätten Sie sich von Babelsberg gewünscht?

"Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich bei den betroffenen Personen, dem Fanbeauftragten oder den Behörden zumindest erkundigt hätten. Das hätte ihnen mehr Glaubwürdigkeit verliehen. Jeder hat eine zweite, dritte oder auch vierte Chance verdient, aber ob er als Vorbild auf den Fußballplatz gehört, wage ich zu bezweifeln. Dafür müsste er den Anstand haben, sich persönlich zu entschuldigen und das Geschehene ehrlich aufzuarbeiten."

Sobotziks Zeit als Manager der Chemnitzer endete am 4. September 2019 - vornehmlich wegen der Anfeindungen aus der Fanszene legte er seine Ämter beim CFC nieder. Seit dem 13. November 2019 ist er als Geschäftsführer von Kickers Offenbach wieder zurück auf der Fußballbühne.

Frage: Glauben Sie noch an das Gute im Fußball?

"Mir ist bewusst, dass es Gruppen gibt, die diesen Sport missbrauchen. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von tollen Leuten, die den Fußball verteidigen und sich vorbildlich für seine Werte an der Basis oder in exponierter Stellung engagieren. Denn Fußball ist weltweit die Sportart Nummer eins, sie verbindet so viele Menschen und hat eine enorm hohe Bedeutung, in der Gesellschaft und für jeden einzelnen Fan."

Benni Hofmann/bst

Lesen Sie das komplette Interview mit Thomas Sobotzik in der aktuellen kicker-Ausgabe vom Montag.