Bundesliga

Brennpunkt Berlin: Fünf Fragen - und fünf Antworten

Hertha vor dem Schlüsselspiel in Düsseldorf

Brennpunkt Berlin: Fünf Fragen - und fünf Antworten

Alexander Nouri und Michael Preetz

Bringen Trainer Alexander Nouri und Manager Michael Preetz die verkorkste Hertha-Saison noch zu einem versöhnlichen Ende? imago images

Man muss es herausstreichen in diesen Tagen, dass es im Kern immer noch um Fußball geht, gehen sollte. Eine Niederlage in Düsseldorf, beim aktuellen Sechzehnten, würde Hertha endgültig in den Abstiegsstrudel ziehen. Trotz der Unruhe, die in dieser Woche einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, sagt Manager Michael Preetz: "Wir wollen versuchen, den Spagat hinzubekommen und den Fokus auf das Spiel in Düsseldorf zu richten. Wir wollen dort alles in Energie ummünzen." Ein Klub zwischen Störgeräuschen und Schlammschlacht - mitten in den wichtigsten Wochen dieser Saison. Der kicker beantwortet die fünf brennendsten Fragen.

Welchen Kurs fährt der Klub?

Hertha bemüht sich bei aller Angespanntheit um Geschlossenheit. Dass Mitte der Woche - mit dem in "SportBild" veröffentlichten tagebuchähnlichen Protokoll von Jürgen Klinsmann, in dem dieser seine 76 Tage als Trainer dokumentiert und fast alle und alles im Klub verrissen hat - die nächste "Bombe" hochgeht, wusste der Klub seit Montag. In der Pressekonferenz am Mittwoch reagierte der von Klinsmann im Dossier frontal attackierte Manager Michael Preetz mit Klartext ("Widerlich, unverschämt, perfide, ungehörig"), Präsident Werner Gegenbauer hatte in einem Sonder-Newsletter die etwa 37 000 Klub-Mitglieder bereits am Mittwochvormittag über die Vorgänge unterrichtet und Klinsmanns Vorwürfe und Bestandsaufnahme ebenfalls scharf zurückgewiesen: "Für uns sind weder der Inhalt des Schreibens noch die Art und Weise des Vorgehens seitens Jürgen Klinsmann und seiner Berater André Gross und Roland Eitel nachvollziehbar. Nun dürfen wir Zeuge sein, wie unser ehemaliger Trainer mit diesem Schreiben, welches an die Tennor Holding und damit an Lars Windhorst gerichtet war, abermals versucht, mit absurden Behauptungen seinen Rücktritt zu rechtfertigen." Preetz hatte am Mittwoch erklärt, man behalte sich rechtliche Schritte gegen Klinsmann vor. Nach kicker-Informationen plant Hertha im Bestreben, mitten in den entscheidenden Saisonwochen endlich etwas Ruhe reinzubekommen, momentan keine Klage gegen den Ex-Trainer.

Wieviel Schaden nimmt Michael Preetz?

Klinsmann hat mit seiner Generalabrechnung sich beschädigt - aber natürlich auch Hertha und Preetz. Der Manager steht in den Augen vieler als Bremser und Besitzstandswahrer da. Intern steht Preetz (Vertrag bis 2022 plus Option) derzeit nicht zur Debatte. Am Dienstag tagte der Aufsichtsrat des Klubs, Preetz war zugegen und bilanzierte auf Wunsch des Gremiums die Transfers dieser und der vergangenen beiden Spielzeiten. Präsident Gegenbauer, der bei der Mitgliederversammlung im Mai für eine vierte Amtszeit kandidiert, ist ein Fürsprecher von Preetz. Der Tenor in Präsidium und Aufsichtsrat: Preetz macht unterm Strich eine unaufgeregte, gute Arbeit. Seine Trefferquote bei Transfers kann sich sehen lassen. Die Trefferquote bei den Trainern kann da nicht mithalten - es ist die offene Flanke des gebürtigen Düsseldorfers. Vor und nach dem Glücksgriff Pal Dardai und dem lange verlässlichen Jos Luhukay lag Preetz bei der Trainerwahl oft daneben. Mal griffen seine Ideen sportlich nicht (Friedhelm Funkel, Michael Skibbe, Ante Covic), mal lief die Liaison atmosphärisch aus dem Ruder (Lucien Favre, Markus Babbel, Jürgen Klinsmann).

Wie sicher ist der Job von Alexander Nouri?

Hertha will mit ihm ans Ziel kommen. Aber ein weiterer Auftritt wie gegen den 1. FC Köln (0:5) würde Nouri den Job kosten. Bei einer knappen Niederlage in Düsseldorf - eine solide Leistung vorausgesetzt - dürfte er vermutlich weitermachen und bekäme auch das Spiel gegen Ex-Klub Bremen am 7. März. Nouri, von Klinsmann Ende November als Assistent aus der Arbeitslosigkeit und in den Staff geholt, sitzt zwischen allen Stühlen. Ohne Klinsmann wäre er nie bei Hertha gelandet, jetzt muss er dessen Erbe verwalten - und soll inmitten der aktuell laufenden Schlammschlacht diese verkorkste Saison zu einem guten Ende führen. Nach einem konzentrierten, stabilen Auftritt im ersten Spiel unter seiner Regie (2:1 in Paderborn) folgte der System-Absturz gegen Köln, als Nouri erst in der Halbzeitpause beim Stand von 0:3 nachjustierte - erstaunlich spät. Von Klinsmanns Protokoll habe er "nichts gewusst", versicherte Nouri in der Pressekonferenz am Mittwoch. Manch einer bei Hertha hätte sich gewünscht, dass sich Nouri auf dem Podium deutlicher von Klinsmann distanziert - das blieb aus. Innerhalb des Vereins stellen sich einige die Frage: Wieviel Klinsmann steckt in Nouri? Und auch diese Frage: Wieviel steckt generell in Nouri? Klar ist: Für den sachlich-analytisch auftretenden Fußball-Lehrer ist spätestens im Sommer Schluss in Berlin.

Wie stabil ist die Mannschaft?

Das Team gibt in dieser Saison von Beginn an Rätsel auf. Dass Hertha auswärts stabiler auftritt als zu Hause, passt zu dieser erratischen Saison. Nach einer durch den Klinsmann-Rücktritt überaus hektischen, geräuschvollen Woche gelang ein Sieg in Paderborn - nach einer vermeintlich guten Trainingswoche in relativer Ruhe ging Hertha gegen Köln unter. Dass Klinsmann in seinem Protokoll einen Großteil der Profis wahlweise als "zu alt", "zu satt", "nicht leidensfähig" oder ohne Aussicht auf "Mehrwert" abkanzelte, ist in der Kabine natürlich ein Thema. In Paderborn gab es vom Team eine Trotzreaktion. Darauf hoffen Preetz und Nouri jetzt auch in Düsseldorf. Klar ist: Die Individualität der Einzelspieler sollte erst recht nach den Winter-Transfers reichen, um den Abstiegskampf zu meistern. Aber: Eine funktionierende Achse hat Hertha in dieser Saison nicht, als Führungsspieler eingeplante Profis wie Rune Jarstein, Niklas Stark, Karim Rekik oder Marko Grujic haben mit sich zu tun. Ob diese Mannschaft angesichts der fortwährenden Störgeräusche Fokus und Nerven behält, ist die Schlüsselfrage. In Düsseldorf fehlen Stark und Neuzugang Santiago Ascacibar (jeweils 5. Gelbe Karte). Dafür dürften Vladimir Darida und Per Skjelbred zum Zug kommen - neben Dedryck Boyata die einzigen Profis, die in dieser Saison im Grunde durchgehend in Normalform spielen.

Was plant Lars Windhorst?

Klinsmanns Protokoll kommentierte Hertha-Investor Tennor nicht - mit dem Verweis darauf, es habe es sich um ein vertrauliches Papier gehandelt. Bei der gemeinsam mit Gegenbauer und Preetz abgehaltenen Pressekonferenz vor zwei Wochen hatte Windhorst mit klaren Worten und einem geradlinigen Auftritt gepunktet - und Klinsmann das Mandat für den Aufsichtsrat der Hertha Kommanditgesellschaft (KG) entzogen. Auch die Tätigkeit Klinsmanns als persönlicher Berater der Tennor Holding B.V. steht dem Vernehmen nach vor dem Ende, auch wenn der Vertrag - noch - nicht aufgelöst ist. Windhorst will das von ihm im Vorjahr mit insgesamt 224 Millionen Euro alimentierte Projekt in Berlin weiter vorantreiben. Er wird Hertha wohl noch im Jahr 2020 weitere Mittel in - voraussichtlich - dreistelliger Millionen-Höhe zur Verfügung stellen. Er glaubt weiter an Hertha, aber wird, das hat die Bestallung Klinsmanns in all ihren Facetten gezeigt, nicht nur zuschauen. Dass Klinsmanns Kritik an einigen Stellen tatsächliche Problemfelder aufzeigt, ist Windhorst bewusst. Ein "Weiter so" - nur mit mehr Geld als früher - ist mit dem ehrgeizigen Unternehmer nicht zu machen. Er will Innovation und Resultate - und erwartet in der kommenden Saison den Einzug in die Europa League.

Steffen Rohr