Bundesliga

Klinsmanns verstörende Botschaft: Niemand kann's - außer mir

Ein Kommentar von Hertha-Experte Steffen Rohr

Klinsmanns verstörende Botschaft: Niemand kann's - außer mir

Jürgen Klinsmann

Lässt Hertha nicht zur Ruhe kommen: Jürgen Klinsmann. Getty Images

Es ist der nächste Akt in einem unwürdigen Schauspiel und der neuerliche Beweis dafür, dass im Moment nichts bei Hertha BSC phantastischer ist als die Wirklichkeit. Das von "Sportbild" veröffentlichte Protokoll, in dem Jürgen Klinsmann auf 22 DIN-A4-Seiten seine Zeit bei Hertha dokumentieren ließ, sorgt dafür, dass dieser Klub auch zwei Wochen nach der charakterlosen Flucht Klinsmanns aus dem Amt und der Verantwortung - mitten im Abstiegskampf - nicht zur Ruhe kommt. Es ist die nächste Splitterbombe, platziert mit Blick auf ihre größtmögliche Streuwirkung.

Der Besserwisser war als Bessermacher eine Fehlbesetzung

In dem im Stil eines Tagebuchs angelegten Papier wird die vermeintlich fehlende Leistungskultur gegeißelt und ein Besitzstandsdenken angeprangert. Der frühere Bundestrainer lastet Manager Michael Preetz "jahrelange katastrophale Versäumnisse in allen Bereichen" an. Die Botschaft des Wahl-Kaliforniers, der als Trainer in München und Berlin grandios gescheitert ist, lautet: Niemand kann's - außer mir. Da geriert sich einer als Besserwisser, der als Bessermacher eine Fehlbesetzung war. Der Mann, der sich aus dem Staub machte, den er selbst aufgewirbelt hat, zelebriert seine eigene Großartigkeit.

Der Fußball und die Wahrheit werden nie auf einen Nenner kommen. Aber dass ausgerechnet Klinsmann, der seine 76 Tage im Amt mit Halb- und Viertelwahrheiten spickte und der während dieser Zeit Preetz öffentlich und nichtöffentlich immer wieder lobte, dem Verein "eine Lügenkultur" bescheinigt, hat etwas Verstörendes.

Klinsmanns Kritik zielt in einigen Punkten in die richtige Richtung

Klinsmann, das zeigt das für den internen Gebrauch und als Orientierung für Investor Lars Windhorst bestimmte Protokoll, ist abrechnungsfähig - wie zurechnungsfähig er ist, ist eine andere Frage. Der Mann, der sich gern als Vordenker inszeniert, fällt in diesen Wochen nicht als Nachdenker auf. Mit seinem von Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit dominierten Destillat seiner Trainer-Zeit in der Hauptstadt beschädigt er in erster Linie sich - und in zweiter, mal wieder, Hertha.

Der Klub muss in der wichtigsten Saisonphase fast wöchentlich neue Betriebsunfälle abwickeln. Auf offener Bühne läuft ein Mix aus Schlammschlacht und Selbstdemontage. Klinsmanns Kritik zielt - was Kaderzusammensetzung, strategische Ausrichtung und die fehlende Führungsstruktur unterhalb der Geschäftsführer-Ebene angeht - in einigen Punkten in die richtige Richtung. Darüber redet aber niemand mehr - in diesem falschen Spiel.

Steffen Rohr

kicker.tv Hintergrund

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