Formel 1

Gerhard Berger im kicker: "Ayrton Senna wäre Brasiliens Präsident geworden"

Gerhard Berger im kicker-Interview

"Senna wäre Brasiliens Präsident geworden"

Gerhard Berger und Ayrton Senna (re.)

Eng befreundet: Gerhard Berger und Ayrton Senna (re.) anno 1990 in Spa. imago images

Sie selbst, Herr Berger, sind ja schon 60, aber bei Ayrton Senna, der jetzt im März 60 geworden wäre, wirkt das kaum vorstellbar. Wie ergeht es Ihnen bei dem Gedanken?
Ich denke da manchmal tatsächlich dran, frage mich, was gekommen wäre, und stelle mir vor, wo er heute wäre. Was würde er jetzt machen? Und wie wäre es ohne seinen Unfall weitergegangen? Natürlich sind das Spekulationen, aber man entwickelt da auch ein bisschen das Gefühl, um sich vorzustellen, was in Realität wirklich alles hätte passieren können.

Nehmen wir also einfach mal an, er wäre in Imola nach dem Unfall in der Tamburello-Kurve ausgestiegen, in die Box zurückgekehrt und hätte 14 Tage später in Monte Carlo wieder am Start gestanden.
Dann hätte er in Monte Carlo noch einmal gejammert, dass der Williams aerodynamisch wahnsinnig schwierig und fast nicht fahrbar ist, aber er hätte sich auch gesagt: Ich muss jetzt noch ein Rennen überstehen, weil schon ab dem nächsten Rennen Adrian Newey (der Konstrukteur, die Red.) die Lösungen haben wird. Dann kommt der Spanien-GP, und ab da werden wir wieder fit sein. Monte Carlo hätte er vermutlich trotzdem schon gewonnen, weil es da auf die Aerodynamik nicht so ankommt und er in Monaco sowieso immer für den Sieg gut war. Ab Barcelona mit der funktionierenden neuen Aerodynamik wäre er auf und davon gewesen.

Und nicht mehr zu stoppen?
Ab da, glaube ich, hätte eine Erfolgsära begonnen, die geheißen hätte: Ayrton Senna, Adrian Newey und Williams. Dabei muss man sagen: Das hätte die Formel 1 vielleicht beschädigt, wenn nicht sogar zerstört, so überlegen wäre das gewesen. Senna hätte so gut wie jedes Rennen gewonnen. Denn das Auto war so überlegen, und dann darin als Fahrer ein Ayrton Senna ... Ganz egal, ob vom Speed her oder von seinen Aussagen, die Adrian Newey nur noch mehr motiviert hätten: Das hätte eine Ära gegeben wie keine zuvor. Da hätte sich der eine oder andere gefragt, ob er sich das im Fernsehen noch anschaut, denn es gewinnt ja sowieso nur einer.

Das neue kicker-Motorsport-Sonderheft, erhältlich ab 27. Februar.

Das neue kicker-Motorsport-Sonderheft, erhältlich ab 27. Februar. kicker

Wie so viele in der Formel-1-Szene haben also auch Sie keinen Zweifel daran, dass er 1994 trotz des 30-Punkte-Rückstands auf Schumacher nach drei Rennen noch Weltmeister geworden wäre?
Überhaupt keinen.

Die Folge wäre wohl gewesen, dass er auch 1995 im dominanten Williams Weltmeister geworden wäre. Danach hätte es die Williams-Weltmeister Damon Hill 1996 und Jacques Villeneuve 1997 fast schon zwangsläufig auch nicht gegeben, nicht wahr?
Ja, aber auch einen anderen Michael Schumacher. Ich glaube schon, dass Ferrari ihn trotzdem geholt hätte, selbst wenn er da noch ohne WM-Titel gewesen wäre. Er hatte da ja schon gezeigt, dass er einer der Top-Leute der Zukunft sein würde. Senna wäre auch gerne zu Ferrari gegangen, hätte es unter diesen Umständen aber sicher nie gemacht, weil er mit Adrian Newey bei Williams seine Familie gefunden hätte. Am Ende des Tages entschied sich Ayrton immer danach, wo er die größte Erfolgsmöglichkeit sah.

Senna und Berger

Senna und Berger 1989 in Silverstone. imago images

Ist es dann auch korrekt zu sagen, dass die gesamte Formel 1 vollkommen anders weitergegangen wäre?
Ja, völlig anders. Ich glaube, wir würden heute sagen, dass Senna sieben- oder achtmal Weltmeister gewesen ist, was für Michael Schumacher bedeutet hätte, dass er nicht in der Form die Statistik geprägt hätte, wie er es dann ja getan hat. Michael hätte ja noch nicht einmal das Material zur Verfügung gehabt, um in die Nähe von Ayrton zu kommen. Aus meiner Sicht wäre das eine ganz klare Geschichte für Ayrton Senna geworden.

Ist es richtig anzunehmen, dass allein wegen Roland Ratzenbergers tödlichem Unfall nur ein Tag zuvor nicht all die Änderungen in Sachen Sicherheit umgesetzt worden wären, die es in Folge von Sennas Tod dann gab? Wie also wäre es in puncto Sicherheit in der Formel 1 weitergegangen?
Es wäre dann Senna gewesen, der die Sachen vorangetrieben hätte. Ich war zu der Zeit ja Präsident der Fahrervereinigung, und wir haben nach Rolands Unfall sofort ausgemacht, uns zusammenzusetzen. Er war die treibende Kraft, er hat gesagt, dass man vieles angehen muss. Gerade nach dem Ratzenberger-Unfall hätte er eine ganz starke Rolle beim Thema Sicherheit eingenommen. Ich glaube, es hätte am Ende ähnliche Maßnahmen und Bewegungen gegeben wie die, zu denen es dann ja Schritt für Schritt kam. Durch seinen Tod aber, das stimmt, hat es eine enorme Dynamik bekommen, fast schon ein Selbstläufer.

Wären Sie heute noch mit ihm befreundet?
Das glaube ich schon.

Wie wäre das Leben Sennas nach seiner Karriere weitergegangen?
Er wäre Präsident von Brasilien geworden.

Ernsthaft?
Ja, natürlich. Er hat damals schon immer wieder ein Auge in Richtung der Politik geworfen, er hatte schon seine Kinder-Stiftung (die Senna Foundation, die Red.), es kamen Zehntausende Menschen zu seinem Begräbnis, er hatte das ganze Land hinter sich. Und das Wichtigste: Er hatte auch die nötigen Fähigkeiten dazu.

Interview: Stefan Bomhard

Neben ausführlichen Hintergrund-Storys und Interviews bringt das neue Motorsport-Sonderheft des kicker alles, was echte Fans vor dem Start der neuen Formel-1-Saison wissen wollen, dazu einen großen Themenschwerpunkt zu wichtigen Jubiläen und Gedenktagen im Lauf des Jahres (u.a. Senna, Schumacher, Rindt, Vettel, Ferrari). Des Weiteren geht der Blick auch zur Rallye-WM, der Formel 2 mit Mick Schumacher und der DTM. Ebenso zu finden ist ein umfangreicher Motorsportkalender für die gesamte Saison 2020. Der unverzichtbare Begleit-Klassiker ist ab 27. Februar am Kiosk erhältlich, online hier oder telefonisch beim kicker-Service, 0911-216-2222.