Int. Fußball

Wenn Gehen im Training verboten ist: Der FC Getafe im Porträt

Von wilden PR-Maßnahmen zu Champions-League-Ambitionen

Wenn Gehen im Training verboten ist: Getafe im Porträt

Tiki-Taka? (B)raucht keiner, finden Jorge Molina und José Bordalas.

Tiki-Taka? (B)raucht kein Mensch, finden zumindest Jorge Molina und José Bordalas. imago/Getty Images

Getafe? Da denkt man hierzulande vielleicht an Ex-Coach Bernd Schuster, ganz sicher aber an den 10. April 2008. Im Viertelfinalrückspiel des UEFA-Cups lagen die Spanier in der Verlängerung schon mit 3:1 vorne, mussten nur noch fünf Minuten über die Zeit bringen. Es waren fünf Minuten zu viel.

Ein Doppelpack von Luca Toni ließ den Traum von "Eurogeta" zerplatzen. 3:3 nach dem 1:1 im Hinspiel, Getafe war in letzter Sekunde ausgeschieden. "Ich war ja schon überall: Manchester, Madrid, Barcelona, und habe große Spiele erlebt, aber so etwas noch nicht", sagte Oliver Kahn. "Im Spaß habe ich gesagt, dass wir uns in zehn Jahren nicht über Barcelona oder ManUnited unterhalten werden. Sondern über Getafe."

Zombiebräute und der "Getafinder"

In München wird man den Krimi nie vergessen, doch der Rest der großen Fußballwelt verlor den kleinen Klub aus dem südlichen Vorort Madrids aus den Augen. 2011 machte Getafe noch zweimal von sich reden: Zum einen wurde der Klub im April von der Royal Emirates Group of Companies aus Dubai gekauft, laut Präsident Angel Torres sollte der Klub "ein Verein hinter der Spitzenklasse hinter Real und dem FC Barcelona werden" (was aktuell tatsächlich der Tabelle entspricht). Zum anderen sorgte Getafe vier Monate später mit einer kuriosen Form der Zuschauer-Akquise für Furore. Im Kurzfilm "Zombies Calientes de Getafe" wurden Männer dazu aufgefordert, in einer Samenbank für Fan-Nachwuchs mit "heißen Zombiebräuten" in Getafe-Trikots zu sorgen. Das Werk war mindestens verstörend, aber effektiv: Die Dauerkartenverkäufe im häufig halbleeren Coliseum Alfonso Perez stiegen an.

Scheichs und Schmuddelvideos bewahrten den Verein jedoch nicht lange vor der Abwärtsspirale. Die Zuschauer bei der grauen Maus blieben wieder aus, das konnte auch der "Getafinder" - die Vereins-Dating-App war die nächste fragwürdige PR-Masche - nicht ändern. In der Saison 2015/16 stieg Getafe nach zwölf Jahren Ligazugehörigkeit ab, holte in den ersten sieben Zweitligaspielen sechs Punkte und war Vorletzter. Getafe drohte durchgereicht zu werden. Im Niemandsland zu verschwinden. Dann kam José Bordalas.

Es ist die klassische Geschichte vom Heilsbringer, der kommt, sieht und siegt. Und siegt. Und siegt. Der den Klub nach diesem Fehlstart noch zum Aufstieg leitet. Der Getafe in der Saison darauf beinahe in die Europa League und 2019 um ein Haar in die Champions League führt. Der die Fans des derzeitigen Tabellendritten dazu brachte, beim jüngsten 3:0 gegen Valencia gemeinsam "Bordalas, ich liebe Dich", zu singen. Ein Spiel, das gut und gerne auch 5:0 oder 6:0 für Getafe hätte ausgehen können.

Sieben Champions-League-Spiele, 28 Abstiege

Doch wie hat Bordalas das gemacht? Kurz gesagt: Er versteht es, aus wenig viel zu machen. Er hat auch nicht wirklich viel: Das Klub-Budget beträgt 56 Millionen Euro, damit ist man auf Rang 12 in La Liga. Leitwolf ist ein 37-Jähriger, Jorge Molina, laut Bordalas sei er "wie El Cid. Jeder folgt ihm." Dazu kommt Jaime Mata (31), der genauso wie Molina zuvor keine Bäume ausgerissen hat und inzwischen Nationalspieler ist, sowie Edeljoker Angel. Acht seiner neun Tore hat er nach Einwechslungen erzielt, sogar der FC Barcelona soll Interesse an dem 32-Jährigen gezeigt haben. Rekordeinkauf ist Nemanja Maksimovic, der im Sommer 2018 für zehn Millionen Euro kam. Die Startelf gegen Valencia kommt gemeinsam auf sieben Champions-League-Spiele. Das Team besteht aus Spielern, die, zusammengezählt, 28 Mal abgestiegen sind. Siegertypen sehen eigentlich anders aus.

Die Anforderungen sind so hoch, dass wir während des Trainings das Gehen verbieten.

Fitnesscoach Javier Vidal

Doch Getafe siegt, zuletzt viermal in Folge. Die Spielweise passt dabei nicht jedem: Schon 2017 beschwerten sich Spieler und Trainer, Journalisten und Fans unisono über die raue und körperliche Gangart der Blauen. Fußball als "Kampfsport"? Das war im Land des "Tiki Taka" vielen ein Dorn im Auge. Bordalas interessiert das kein bisschen: "Einige wollen einen bescheidenen Klub mit einem der kleinsten Budgets in einer der besten Ligen der Welt diskreditieren", sagt der 55-Jährige. Er spricht von "Solidarität", "Glauben", "Einstellung", "Familie" und "Großzügigkeit", seine Mannschaft sei ein "Beispiel für den Fußball".

Beispielhaft ist sicherlich die Effektivität, und die ist hart erarbeitet. "Fußball ist technisch, taktisch, aber der physische und mentale Aspekt wird oft vergessen. Und darin ist der Coach die Nummer eins", so Getafes Fitnesscoach Javier Vidal. Trainingseinheiten dauern mitunter drei Stunden, bis zu 40 Kilometer werden in der Woche gelaufen. "Die Anforderungen sind so hoch, dass wir während des Trainings das Gehen verbieten", sagt Vidal. Inzwischen schimpft in La Liga kaum einer mehr, im Gegenteil: Viele Teams imitieren Getafes eckig-kantigen Spielstil.

Bordalas darf "bleiben, solange er will"

Ein Stil, der Bordalas' Vita entspricht. Ellbogen zeigen gehörte in einer Familie mit neun Geschwistern zu seinem Leben dazu. "In Almeria habe ich Wassermelonen gesammelt und Zeitungen auf der Straße ausgetragen", verriet er einmal in einem Marca-Interview. Seine Spielerkarriere musste er wegen einer Verletzung mit 29 Jahren beenden, er war aber ohnehin nicht über die vierte spanische Liga hinausgekommen. "Wenn das Leben nicht leicht ist, dann lernt man, dass man mit harter Arbeit alles haben kann", sagt Bordalas, der 2016 Deportivo Alaves zum Aufstieg geführt hatte, aber dennoch entlassen wurde. Man glaubte, mit dessen Stil könne man nicht in La Liga bestehen. Ein Trugschluss, von dem Getafe profitiert. "Der Coach kann hier bleiben, solange er will", stellte Präsident Torres Bordalas inzwischen einen Freibrief aus.

Barcelona, Amsterdam, Sevilla

Was in dieser Saison noch drin ist, werden auch die kommenden Tage zeigen. Am Samstag tritt der erst 1983 gegründete Klub beim FC Barcelona an, eine Woche später empfängt Getafe den Tabellenfünften FC Sevilla. Dazwischen geht's nach Amsterdam - denn ganz nebenbei ist Getafe ja auch noch in der Europa-League-Zwischenrunde vertreten.

Nicht mal die Mehrfachbelastung konnte die Azulones also aufhalten. "Wir sind auf einer Überfahrt und schwimmen", wird Bordalas im Hinblick auf die Zukunft metaphorisch. "Wir haben den Äquator passiert und können jetzt den Strand sehen." Seine Forderung: "Gib noch nicht auf! Schwimme weiter, bis Du das Ufer erreichst!" Vielleicht hat der eine oder andere Getafe-Fan da auch wieder an dieses Spiel gedacht, am 10. April 2008 gegen die Bayern.

Christoph Laskowski