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Hany Mukhtar im Interview über die MLS, Nashville und Hertha BSC

Nashvilles Rekordeinkauf über Hertha, die MLS und Bröndby

Hany Mukhtar im Interview: "Ich weiß, dass mein Weg eher nicht normal ist"

Hany Mukhtar

Gefeiert in Bröndby und der deutschen U 19, unglücklich bei "seiner" Hertha in Berlin: Hany Mukhtar. imago images

Herr Mukhtar, Sie dürfen sich mit 24 Jahren sowohl österreichischer als auch portugiesischer Meister nennen, hinzu kommt ein Pokalsieg in Dänemark. Wie würden Sie die ersten siebeneinhalb Jahre Ihrer Karriere bewerten?

Sie ist anders verlaufen als die der meisten, die mit mir in den U-Nationalmannschaften gespielt haben. Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe und erreichen werde. Ich weiß, dass mein Weg eher nicht normal verlaufen ist. Ich würde aber jeden Schritt nochmal so gehen.

2014 wurden Sie an der Seite von Julian Brandt, Joshua Kimmich und Niklas Stark U-19-Europameister, schossen im Finale gegen Portugal das goldene Tor, verpassten aber anschließend den Durchbruch in der Bundesliga. Würden Sie die Titel im Ausland gegen einen Stammplatz bei Hertha BSC tauschen?

Das würde ich so nicht sagen. So viele Kinder träumen davon, Fußballprofi zu sein, und ich kann mit meinem Hobby Geld verdienen. Deswegen bin ich sehr, sehr froh, wie alles verlaufen ist.

Was hat zum Durchbruch bei Ihrem Jugendverein gefehlt?

Ich war 17, 18 - das war zu dieser Zeit kein "normales" Alter für einen Bundesliga-Stammplatz. Hertha ist damals oft ab- und aufgestiegen, das war für einen jungen Spieler nicht einfach. Dann habe ich, wie vorhin erwähnt, eine super EM gespielt und mich für einen Wechsel zu Benfica entschieden.

U-19-Europameister mit Deutschland

Mukhtars entscheidender Treffer im Finale: Deutschland wird 2014 U-19-Europameister. imago images

Sie haben mal gesagt, der frühzeitige Wechsel von Berlin nach Lissabon - 2015 war das als 19-Jähriger - sei keine gute Entscheidung gewesen.

Ich bin kein Fan davon, getroffene Entscheidungen als Fehler zu bezeichnen. Es war eine super Erfahrung und hat sehr viel Spaß gemacht, aber ich war erst 19, viele bei Benfica im Gegenzug gestandene Stars.

Auf der anderen Seite wurde Pal Dardai einen Monat nach meinem Wechsel Cheftrainer bei Hertha. Er war zuvor mein U-17-Coach und großer Förderer. Natürlich fragt man sich da manchmal, wie es sonst verlaufen wäre. Trotzdem wäre es meiner Meinung nach undankbar, zu sagen, dass ich die Zeit gerne zurückdrehen würde.

Nach einem einzigen Einsatz für Benfica sowie einer ähnlich unglücklichen Zeit bei RB Salzburg folgte 2016 der Wechsel zu Bröndby IF. Warum hat Ihre Profi-Karriere erst in Dänemark Fahrt aufgenommen?

Besonders junge Spieler brauchen einen Trainer, der zu 100 Prozent auf sie setzt. Alexander Zorniger (zu der Zeit Bröndby-Trainer, d. Red.) hatte mich schon von Hertha zu Leipzig holen wollen, damals habe ich mich für Benfica entschieden. Wir sind in Kontakt geblieben, und ich habe von Anfang an gespürt, dass er mir vertraut und dass ich in Bröndby eine große Nummer werden kann. Es hat ihm geholfen, es hat mir geholfen - und wir hatten eine sehr erfolgreiche Zeit. Die ersten zwei Jahre waren phänomenal.

28 Tore und 36 Vorlagen in 134 Pflichtspielen für Bröndby, Spieler des Jahres 2017/18. Wie hat es damals mit einer Rückkehr in eine europäische Top-Liga ausgesehen?

Die Möglichkeit war sehr groß, ich war kurz davor. Im Endeffekt hat Bröndby sich entschieden, andere Spieler zu verkaufen (u.a. Teemu Pukki nach Norwich, d. Red.). Als Spieler hast du solche Entscheidungen zu respektieren.

Warum haben Sie sich im August für einen Wechsel in die MLS entschieden?

Hany Mukhtar

Bester Spieler in Dänemark: 2017/18 ist keiner besser als Hany Mukhtar. imago images

Nashville hat sich von Anfang an um mich bemüht, die Verantwortlichen haben sehr früh Kontakt aufgenommen und waren sehr hartnäckig. Witzige Geschichte: Irgendwann, das war vor über einem Jahr, kam ein dänischer Scout zum Training und erzählte mir irgendwas von der MLS. Da habe ich "Nein danke!" gesagt. (lacht) Zwei, drei Monate später habe ich mich mit einem ehemaligen Teamkollegen getroffen, der mir mit den USA nochmal erzählt hat. Irgendwie kamen wir dann doch ins Gespräch, kurz darauf fand schon das erste Facetime-Interview mit dem Sportdirektor von Nashville statt - plötzlich wurde es sehr konkret. Und so nahm das Ganze seinen Lauf.

Wie haben die Verantwortlichen in Tennessee Sie von einem Wechsel überzeugt?

In Nashville wurde mir ein spannendes Projekt aufgezeigt, es soll ein Team um mich herum aufgebaut werden. Das ist eine große Ehre. Wann gibt es das schon, dass ein Verein quasi neu gegründet wird und du im Mittelpunkt stehst? Für mich war klar, dass ich bei meiner nächsten Station - also nach Bröndby - nicht Spieler acht bis zwölf sein will.

Gab es auch Angebote aus Deutschland oder Europa?

Ich hatte Angebote, aber ich habe mich für Nashville entschieden. Da hatte ich das beste Bauchgefühl.

Die MLS wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu den Top-Ligen der Welt gehören.

Hany Mukhtar

Der Nashville SC steht vor seiner allerersten MLS-Saison. Ist es eigenartig, zu einem Klub zu wechseln, der noch kein einziges MLS-Spiel absolviert hat?

Es ist auf jeden Fall was ganz Neues; für die Angestellten, für die Trainer, die Spieler - jeder ist neu. Aber: Es kann eine richtig gute Geschichte werden.

Wie darf man sich ein Gespräch vorstellen, in dem der Sportdirektor von einem Team erzählt, das es noch nicht gibt?

Ich war der erste "Designated Player" (jedes MLS-Team darf drei "DP" haben; also Spieler, die über der Gehaltsgrenze liegen, d. Red.), war überhaupt einer der ersten Neuzugänge. Nashville hatte von Anfang an eine klare Vorstellung, wie das Projekt aufgebaut werden soll, und das ist schon spannend. Nicht viele Spieler haben in ihrer Karriere die Möglichkeit, so etwas mitaufzubauen.

2,7 Millionen Euro hat Nashville für Hany Mukhtar an Bröndby überwiesen. Wie fühlt es sich an, der mit Abstand teuerste Einkauf der Klubgeschichte zu sein?

Natürlich ist es eine Ehre. Das wird immer bleiben, schon irgendwie besonders.

Wie sah das erste Treffen mit dem Team und den Trainern aus: Musste sich jeder einmal mit Namen und Lieblingsessen vorstellen?

Vorstellung in Nashville

Vorstellung in Nashville: Hany Mukhtar mit Sportdirektor Mike Jacobs (2.v.li.) und Berater Florian Goll.

Nein, nein. (lacht) Die meisten Spieler kennen sich, weil sie in der MLS schon mal gegeneinander gespielt haben. Und der Rest geht ganz schnell. Nach einer Woche kennst du jeden Namen und jeden Lebenslauf.

Jetzt also das neue Kapitel in Tennessee, Nashville, der "Music City". Haben Sie das amerikanische Leben schon aufgesaugt?

Ehrlich gesagt nicht. Wir sind insgesamt fünf Wochen im Trainingslager, das läuft hier ein bisschen anders als in Europa. Da hatte ich bislang wenig Zeit in Nashville.

Für viele ist die MLS eine "Rentnerliga", der letzte Schritt vor dem Ruhestand. Im Gegensatz dazu haben vor allem Südamerikaner die Liga zuletzt als Sprungbrett benutzt. Was bedeutet der Wechsel in die USA für Sie?

Auf jeden Fall ist die MLS für mich ein Sprungbrett und keine Rentnerliga. Viele Vereine holen aktuell Spieler aus Südamerika und Europa kurz vor oder mitten in deren "Primetime". Die Liga wird besser und besser, sie wächst unglaublich und wird, das ist meine Meinung, in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu den Top-Ligen der Welt gehören. Deswegen habe ich diesen Schritt gemacht, die MLS ist besser als die dänische Liga.

MLS-Neulinge haben in den letzten Jahren unterschiedliche Premierensaisons gefeiert. Während Atlanta United und der Los Angeles FC direkt ganz oben mitmischen konnten, erhielt der FC Cincinnati in der vergangenen Spielzeit eine Lehrstunde nach der anderen. Wo reiht sich Nashville ein?

Da fällt mir eine Aussage im Moment noch sehr schwer. Ich kenne weder die Liga, noch ist unser Kader komplett. Ich bin aber nicht hierhergekommen, um meine Beine hochzulegen. Ich will hier was erreichen!

Hat es innerhalb des Klubs eine Zielvorgabe für die erste Saison gegeben?

Wir wollen auf jeden Fall oben mitmischen - und spätestens im zweiten oder dritten Jahr angreifen.

Als man mir gesagt hat, dass wir manchmal vier oder fünf Tage unterwegs sind, meinte ich, dass es ohne meine Playstation schwer wird.

Hany Mukhtar

Ab wann war es für Nashville und für Sie persönlich eine erfolgreiche Saison?

Je nachdem, wie wir starten. Nach zehn Spielen kann ich ein besseres Statement abgeben. (lacht)

Zum Start wartet Atlanta, der Meister 2018 und Pokalsieger 2019. Anschließend geht es nach Portland in den Nordwesten, über die Saison verteilt warten Auswärtsspiele im ganzen Land. Haben Sie sich darauf schon vorbereitet?

Das habe ich tatsächlich! Ich habe mir einen Playstation-Koffer gekauft. Als man mir gesagt hat, dass wir manchmal vier oder fünf Tage unterwegs sind, meinte ich, dass es ohne meine Playstation schwer wird.

Was wäre, wenn Michael Preetz im Sommer anruft und Sie zurück nach Berlin holen will?

Dann gehe ich zurück. Hertha ist mein Verein, da habe ich mehr als zehn Jahre meines Lebens verbracht. Jetzt bin ich aber erstmal hier, da möchte ich mich noch nicht mit der Zukunft befassen.

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