Bundesliga

kicker-Kommentar - Klinsmann: Ein egoistischer Abgang

Kommentar von kicker-Redakteur Steffen Rohr

Klinsmann: Ein egoistischer Abgang

Kehrt Hertha als Trainer überraschend den Rücken: Jürgen Klinsmann.

Kehrt Hertha als Trainer überraschend den Rücken: Jürgen Klinsmann. imago images

"Wenn ich etwas übernehme, mache ich das nicht halb." Das waren Jürgen Klinsmanns Worte Ende November - bei seinem Start als Cheftrainer von Hertha BSC. Jetzt tut er genau das: Er macht auf halber Strecke Schluss und überrascht mit seiner Demission selbst seine Vorgesetzten.

Schneller Vertrag als Knackpunkt?

Man kann diesen Schritt konsequent nennen. Er ist aber auch und vor allem: illoyal und egoistisch. Klinsmann wollte nach allem, was man hört, zügig einen Vertrag über den Sommer hinaus - obwohl Hertha immer noch dort steckt, wo der Klub bei Klinsmanns Amtsantritt stand: im Abstiegskampf. Der Klub wollte - aus gutem Grund - die sportliche Entwicklung der kommenden Wochen abwarten, bevor er eine Entscheidung in dieser Schlüssel-Personalie trifft.

Klinsmann wertete das als Vertrauens-Entzug. In seinem Facebook-Statement nennt er "Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente im Abstiegskampf". Jetzt schert der Mann, der diese Mannschaft und in Teilen auch diesen Klub in nicht mal drei Monaten auf links gedreht hat, aus. Er stellt seine Befindlichkeiten über die des Klubs.

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Der Paukenschlag am Dienstagvormittag ist das Ende eines knapp elfwöchigen Missverständnisses. Klinsmann wollte mit den Millionen und der Gunst des Investors Lars Windhorst sowie den vermeintlichen Möglichkeiten, die der Standort Berlin bietet, zügig und möglichst ohne Umwege und Reibungsverluste ein XXL-Projekt anschieben, das diesen lange Zeit farblosen Klub binnen vergleichsweise kurzer Zeit auf die Champions-League-Landkarte katapultieren sollte.

Hertha wollte sich nach der Fehlbesetzung mit Ante Covic mit dem Weltmeister und vormaligen Bundestrainer Klinsmann Strahlkraft, Renommee und Aufbruchstimmung ins Haus holen - und mitten im Abstiegskampf die Weichen für eine möglichst großformatige Zukunft stellen. Beide Partner, das muss man jetzt, spätestens jetzt bilanzieren, haben sich gegenseitig ver- und überschätzt.

Keine fußballerische Idee - nahe am Offenbarungseid

Nicht wenige im Klub fühlten sich vom Tempo und der Tonalität, die der gern groß denkende Schwabe anschlug, überrollt. Der Lärm hat zugenommen, die Spielqualität nicht. Klinsmann agierte gefühlt mehr am Reißbrett als an der Taktiktafel. Mit Detailfragen mochte sich dieser Trainer, der sich vom ersten Tag an eher als Projektleiter verstand, nicht über Gebühr beschäftigen. Lob, gern auch mit dicker Farbe aufgetragen, klang bei ihm zumeist wie eine Lektion aus dem PR-Handbuch. Er verteilte es fast wahllos an seine Spieler - auch an jene, die er wie Vedad Ibisevic und Niklas Stark ins zweite Glied oder wie Salomon Kalou komplett zur Seite schob. Klinsmann stabilisierte diese am Schluss unter Covic in der Defensive wundgeschossene Mannschaft in kurzer Zeit, aber eine fußballerische Idee, die über einen kompakten Abwehrverbund hinausgeht, war nie erkennbar.

In den Spielen, in denen Hertha agieren muss (und von denen kommen jetzt mehrere in Serie), wurde das schmerzhaft sichtbar. Der Auftritt gegen Mainz - von Klinsmann mit den körperlichen und mentalen Strapazen des Pokalspiels auf Schalke und dem hohen Wellengang, den der Rassismus-Eklat um Jordan Torunarigha auslöste, erklärt - war fußballerisch nah am Offenbarungseid.

"Berlin wartet auf etwas Großes." Auch das sagte Klinsmann am Tag seiner Vorstellung als Trainer. Das Gefühl, das ihn zunehmend beschlich, war, dass dieser Klub womöglich nicht unbedingt auf ihn gewartet hat. Jetzt will er sich auf die ihm von Windhorst ursprünglich angetragene Rolle als Aufsichtsrat der Kommanditgesellschaft zurückziehen.

Auch der zweite Versuch scheitert krachend

Klinsmann hat sich zum zweiten Mal als Vereins-Trainer versucht. Das Experiment ist wie schon weiland beim FC Bayern krachend schief gegangen. Hertha BSC, dessen kommende Gegner die direkten Konkurrenten Paderborn, Köln, Düsseldorf und Bremen sind, muss sich jetzt sortieren und neu aufstellen. Für das fußballerische Fortkommen und die Atmosphäre in der Kabine und im Klub muss das keine schlechte Nachricht sein.

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