3. Liga

FC Bayern: Sarpreet Singhs Weg - "Sensationell, ein Wunder!"

Profi des FC Bayern ist der zweite Neuseeländer in der Bundesliga-Geschichte

Singhs Weg - "Sensationell, ein Wunder!"

Sarpreet Singh

Sarpreet Singh befindet sich auf Höhenflug beim FC Bayern. imago images

Sarpreet Singh sitzt in der Kantine des Bayern-Campus und spricht gelassen über eine ihm genommene Chance. "Ich muss es akzeptieren", sagt der 20-Jährige zur umstrittenen Roten Karte im letzten Drittligaspiel 2019 gegen Würzburg, die ihm eine Sperre für zwei Partien nach der Winterpause einbrockte. Aufgrund des Regelwerks konnte er deshalb auch kein Thema für den ausgedünnten Profikader von Hansi Flick sein.

In der Bundesliga bleibt es deshalb - vorerst - bei einem neunminütigen Kurzeinsatz gegen Werder Bremen am 15. Spieltag. In der 3. Liga stand der Mittelfeldspieler am vergangenen Samstag bei Viktoria Köln wieder zur Verfügung, zeigte nach seiner Einwechslung eine starke Leistung (kicker-Note 2) und setzte den 4:2-Schlusspunkt (90.+4). Seit Flick Chefcoach ist, trainiert Singh fest bei den Profis mit. Sein Debüt machte ihn nach Werder-Legende Wynton Rufer (174 Bundesligaspiele, 59 Tore zwischen 1989 und 1994) zum zweiten Neuseeländer der Bundesligageschichte. "Ein Traum wurde wahr", sagt Singh.

Dieser lebt unabhängig von der Sperre, dafür ist die Reise zu weit, die Singh hinter sich hat, geografisch und im übertragenen Sinn. Seine Eltern werden in Indien geboren, der Sohn auf dem fünften Kontinent. Er hätte zum populären Rugby oder Cricket gehen können, aber Onkel und Bruder spielen Fußball. Singh eifert ihnen nach und verbrachte fünf Jahre in Rufers Akademie. "Er hat jedes Jahr jede Trophäe gewonnen", erinnert sich der 57-Jährige: jonglieren, Eins-gegen-eins, abwechselnd mit rechts und links aus 15 Metern auf ein kleines Tor schießen, Fünf-gegen-fünf ohne Torwart. "Wer in Sarpreets Team war, konnte vom Sieg ausgehen", erzählt Rufer. Singhs Begabung ist bald nicht mehr zu übersehen. "Es ist schön, mit Talent gesegnet zu sein, aber es braucht viel mehr, um Fußballprofi zu werden. Je älter du wirst, desto mehr registrierst du das", sagte Singh 30 Flugstunden entfernt in München.

Normalerweise musst du für einen Vertrag in der Bundesliga entweder sehr schnell oder physisch stark sein, beides ist Sarpreet nicht. Aber er ist technisch top und hat eine sensationelle Mentalität.

Wynton Rufer

Mit 16 entfernte er sich eine Flugstunde vom Zuhause in Auckland, er wechselte zu Wellington Phoenix. "Diese Erfahrung hat mich vorbereitet auf das, was ich jetzt am anderen Ende der Welt erlebe." Singh träumte davon, für einen großen Klub in Europa zu spielen. "Dieser Schritt ist normalerweise von Neuseeland aus zu groß", erklärt Rufer mit Blick auf den Niveau-Unterschied. Singh jedoch weiß, dass die U-20-WM im vergangenen Sommer seine große Chance war, auf sich aufmerksam zu machen. Er nutzte sie, die Bayern lockten. "Das war eine der besten Neuigkeiten, die ich in meinem Leben bekommen habe", erinnert er sich an den Anruf seines Beraters, als er gerade mit Freunden in Australien urlaubte.

Singh - plötzlich Profi bei den Bayern Singh unterschrieb bis 2022 und stieg kurz darauf mit den Profis in den Flieger Richtung USA. Er überzeugte auf der Sommerreise, durfte auch beim Audi-Cup ran, und saß zum Bundesligaauftakt gegen Hertha BSC auf der Bank. Seine feste Heimat wird jedoch wie geplant die zweite Mannschaft. 15 Einsätze und vier Tore stehen für den auf der Acht eingesetzten Profi zu Buche. Die 3. Liga erachtet der sechsmalige Nationalspieler als gute Schule, um auch körperlich robuster zu werden.

"Hansi hat mir vom ersten Tag an geholfen und tut es weiterhin"

Singh hat sich in München gut eingelebt, noch teilt er sich auf dem Bayern-Campus mit Leon Dajaku ein Drei-Zimmer-Appartement. Die Konkurrenz bei den Profis ist enorm, Singh weiß das. Aber er kämpft mit der nötigen Portion Geduld um seinen Traum. Mit Flick ist nach Niko Kovac bereits der zweite Cheftrainer auf ihn aufmerksam geworden. "Hansi hat mir vom ersten Tag an geholfen und tut es weiterhin. Ich bin dankbar, einen solchen Trainer zu haben." Die Stars im Team hätten immer ein offenes Ohr, das beste Verhältnis pflegt Singh aber zu Serge Gnabry.

Rufer verfolgt Singhs Entwicklung genau. "Normalerweise musst du für einen Vertrag in der Bundesliga entweder sehr schnell oder physisch stark sein, beides ist Sarpreet nicht. Aber er ist technisch top und hat eine sensationelle Mentalität." Singhs Weg seit Sommer ist für Rufer "sensationell" und "ein Wunder", er traut ihm eine Karriere mit 300, 400 Bundesligaspielen zu. Die Frage wird jedoch sein, für wen? Singh will seine Chance beim FC Bayern suchen und ergreifen.

Singh und die Vorbildrolle

Während Rufer das mangelnde Fußballinteresse in Neuseeland beklagt, berichtet Singh, dass er im Weihnachtsurlaub daheim oft erkannt wird. Die Medienanfragen häuften sich, auch aus Indien. Viel wichtiger ist ihm seine Vorbildrolle. "Hoffentlich inspiriere ich durch meinen Weg die nächste Generation von Kindern in Neuseeland, es nach Europa zu schaffen, um ihnen zu zeigen, alles ist im Fußball möglich, wenn du hart arbeitest."

Genau das wird Singh weiter tun und träumt davon, "in zwei, drei Jahren fester Bestandteil der Profis zu sein, Meisterschaften und Pokale zu gewinnen". Darüber würde er wohl mit derselben Gelassenheit wie über seine Sperre sprechen.

Frank Linkesch