100 Jahre kicker

1920 - Bensemann: Der Mann, der den Fußball nach Deutschland bringt

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1920 - Bensemann: Der Mann, der den Fußball nach Deutschland bringt

Walther Bensemann, der Gründer des kicker

Walther Bensemann, der Gründer des kicker kicker

An einem regnerischen Herbsttag des Jahres 1899 säumen rund eintausend Zuschauer den Sportplatz am Berliner Kurfürstendamm. Sie werden Zeugen eines historischen Ereignisses. Denn an jenem 23. November findet erstmals in Deutschland so etwas wie ein Länderspiel statt. Und der Gegner könnte prominenter nicht sein: Er kommt aus dem Mutterland des Fußballs, aus England.

Zwar ist es kein offizielles Länderspiel - denn der DFB wird erst später gegründet -, und die Niederlage der Deutschen fällt mit 2:13 saftig aus. Doch es handelt sich, wie die Zeitschrift "Spiel und Sport" euphorisch schreibt, "um ein Ereignis, das in der Fußballgeschichte noch nicht vorgekommen ist". Der Auftritt der englischen Lehrmeister demonstriert dem Berliner Publikum erstmals die wahren spielerischen Möglichkeiten dieses Sports und trägt erheblich dazu bei, dass die junge deutsche Kickergemeinde schon bald einen rasanten Aufschwung erlebt.

Die Erstausgabe vom 14. Juli 1920.

Die Erstausgabe vom 14. Juli 1920. kicker

Entdeckung in der Schweiz

Der Mann, der dieses (später so genannte) "Ur-Länderspiel" zustande gebracht hat, ist ein 26-jähriger Student namens Walther Bensemann. Praktisch im Alleingang und gegen erheblichen Widerstand regionaler Fußballverbände hat er die mächtige englische Football Association überzeugen können, erstmals eine Auswahl auf den Kontinent zu schicken. Er hat ein eigenes Team vor allem aus süddeutschen und Berliner Spielern zusammengestellt und das ganze Unternehmen schließlich noch aus eigener Tasche finanziert. Es ist nicht Bensemanns erste Pioniertat. Der Sohn einer jüdischen Berliner Bankiersfamilie lernt den Fußball kennen, als er mit zehn Jahren auf eine Privatschule im schweizerischen Montreux kommt - dort zeigen ihm britische Mitschüler das neuartige Spiel. Fortan ist der Junge der Kickerei verfallen. Als er anno 1889 nach Karlsruhe kommt, um am dortigen Gymnasium sein Abitur abzulegen, bringt er einen Lederball mit - und den Willen, Deutschland zu missionieren.

Bensemann ist nicht der Erste, der hierzulande den Ball ins Rollen bringt. Bereits 1874 hat der Braunschweiger Pädagoge Konrad Koch das Spiel in seinen Schulunterricht eingebaut. Größere Verbreitung findet es dadurch zunächst nicht. Erst elf Jahre später entsteht in Berlin der erste deutsche Fußballverein. In Süddeutschland bleibt die Kickerei völlig unbekannt, bis der junge Bensemann auftaucht. Mit ihm kommt eine neue Dynamik in die Entwicklung. Unter den deutschen Pionieren erkennt Bensemann am klarsten die Kraft des Fußballs, Massen zu begeistern und zu fesseln. Und er ist derjenige, der die größte Energie darauf verwendet, dieses Potenzial zu erschließen. In diesem Sinne wird er tatsächlich, wie es Jahrzehnte später der legendäre Sportautor Richard Kirn formuliert, "der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte".

Unermüdlich zieht Bensemann, nun als Student, in den 1890er Jahren durch Süddeutschland, wirbt für das Spiel und versucht, spießbürgerliche Vorurteile gegen den "Aftersport" und die "englische Krankheit" zu entkräften. Zugleich initiiert er die Gründung zahlreicher Vereine, denen nicht selten eine große Zukunft beschieden ist. Den Karlsruher Fußballverein, Deutscher Meister von 1910, gründet er noch als Schüler. Später ist er maßgeblich beteiligt, als die Vorläufervereine von Eintracht Frankfurt und Bayern München das Spielfeld betreten.

Vieles, was heute als selbstverständlicher Bestandteil der Fußballkultur gesehen wird, probiert Bensemann erstmals in Deutschland aus. Beispielsweise ruft er mit den "Karlsruher Kickers" schon 1893 ein überregionales Auswahlteam ins Leben, das sich stolz (und ein wenig übertrieben) "Meistermannschaft des Kontinents" nennt. Es wird zum Vorbild vieler süddeutscher Spieler, die dann ihre eigenen Gründungen in Stuttgart, Offenbach oder Würzburg ebenfalls hoch motiviert "Kickers" nennen.

Gedenktafel an den "Engländerplatz" in Karlsruhe

Gedenktafel an den "Engländerplatz" in Karlsruhe kicker

Auch den Gedanken, überregionale Verbände zu installieren, verfolgt Bensemann frühzeitig.1893 initiiert er die Süddeutsche Fußball-Union; später zählt er zu den Gründungsvätern des DFB. Und er kommt - möglicherweise als Erster in Deutschland - auf die Idee, von den Zuschauern Eintrittsgelder zu erheben. Dafür wird bei einer Begegnung in Karlsruhe 1894 das Spielfeld mit Tüchern verhängt. Man nimmt 94 Mark ein, die so eben die Unkosten dieser Aktion decken. Anschließend, so Bensemann, "haben die Leute, die bisher schon an unserer Zurechnungsfähigkeit gezweifelt haben, jetzt das angenehme Bewusstsein, dass wir reif für die Illenau sind", also für Badens größte Heil- und Pflegeanstalt.

Die Reise zum Feind - auch für den Frieden

Sein wichtigstes Projekt allerdings wird die Anbahnung internationaler Spiele, an die in Deutschland bis dahin noch niemand gedacht hat. Am 7. Oktober 1893 holt er Villa Longchamp, damals einer der führenden Schweizer Vereine, nach Karlsruhe und besiegt ihn mit einer süddeutschen Auswahl mit 2:1. Bensemann selbst gibt den Mittelstürmer, damals "Center Forward" genannt. Dieses Spiel gilt als erste grenzübergreifende Begegnung in Deutschland. Fünf Jahre später reist Bensemann mit einem von ihm selbst zusammengestellten Team nach Paris zum ersten deutsch-französischen Match; man putzt den Pariser Meister White Rovers mit 7:0. Wiederum ein Jahr später, im November 1899, folgt als Höhepunkt seiner Aktivitäten das "Ur-Länderspiel" gegen die Engländer.

Jeder Mann von Gefühl und Verstand sollte sich freuen, wenn Franzosen und Deutsche sich zum ersten Mal auf friedlichem Boden träfen und den alten Nationalhass vergessen würden.

Walther Bensemann

Bemerkenswert dabei ist, dass bereits der junge Bensemann internationale Spiele mit der Idee verbindet, solche Begegnungen könnten über die Grenzen hinweg zum Kennenlernen, zum Abbau von Vorurteilen und zur friedlichen Verständigung beitragen. Vor allem das Spiel gegen Frankreich - damals von vielen als "Erzfeind" gesehen - sieht er in diesem Zusammenhang. "Jeder Mann von Gefühl und Verstand sollte sich freuen, wenn Franzosen und Deutsche sich zum ersten Mal auf friedlichem Boden träfen und den alten Nationalhass vergessen würden", schreibt er vor dem Spiel. Dieser Appell ist ihm besonders wichtig, denn die Zeiten sind keine einfachen.

Der kicker - ein "Symbol der Völkerversöhnung durch den Sport"

Nur eineinhalb Jahrzehnte später stehen sich ebendiese Nationen im Ersten Weltkrieg feindlich gegenüber. Das große Völkerschlachten bestärkt Bensemann in seiner Idee, den Sport als Mittel der Friedenssicherung zu nutzen. Bald nachdem die Waffen schweigen, am 14. Juli 1920, gründet er den kicker und wird dessen erster Herausgeber - die Redaktion sitzt im Schweizerischen Kreuzlingen und in Konstanz. Er sieht in der Zeitung, wie er mehrfach schreibt, ein "Symbol der Völkerversöhnung durch den Sport". Dafür streitet er fortan, auch gegen einen mehrheitlich nationalistisch gesonnenen DFB und die erstarkenden Nationalsozialisten.

1933 jagen ihn die Nazis davon, seiner jüdischen Herkunft und seiner kosmopolitischen Gesinnung wegen. Schon ein Jahr später stirbt Bensemann verarmt im Exil. Sein Erbe aber lebt weiter: die großen Vereine, die er gründete; der kicker, der sein Lebenswerk ist; der internationale Spielverkehr, der heute selbstverständlich ist. Und es lebt, wenn auch immer wieder gefährdet, seine Idee eines sportlichen Pazifismus.

Dieser Text erschien zum ersten Mal in der kicker-Edition "Die Erfinder des Fußball"

Bernd M. Beyer

Unsere Gratulanten