100 Jahre kicker

2006 - Das Sommermärchen und sein Schatten

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2006 - Das Sommermärchen und sein Schatten

Die deutsche Nationalelf bedankt sich bei ihren Fans nach dem WM-Turnier 2006 auf der Berliner Fanmeile.

Die deutsche Nationalelf bedankt sich bei ihren Fans nach dem WM-Turnier 2006 auf der Berliner Fanmeile. imago images

Es war ein Moment, der in Erinnerung blieb, ein Augenblick, über den nahezu jeder Fußballfan sagen kann, wo er zu jener Zeit war. Auf der Fanmeile, im Wohnzimmer, beim Grillen auf der Terrasse. Tim Borowski spitzelt den Ball zu Bastian Schweinsteiger, der Costa Ricaner Douglas Sequeira geht dazwischen, Philipp Lahm nimmt das Leder auf, dribbelt, ein Schuss, Tor.

Es war das 1:0 für die deutsche Nationalmannschaft, der erste Treffer der WM, der Beginn eines rauschenden Festes, das spätestens im zweiten Gruppenspiel, nach dem Last-Minute-Sieg gegen Polen, an Fahrt gewann. Deutschland lag sich vier Wochen lang in den Armen und präsentierte sich als weltoffene, herzliche Nation. Trotz der bitteren 0:2-Halbfinal-Niederlage gegen Italien in der Verlängerung.

WM-OK-Chef Franz Beckenbauer schwelgte: "So stellt sich der liebe Gott die Welt vor", wahrlich: Die Welt war zu Gast bei Freunden, wie das WM-Motto lautete.

Inzwischen ist das Sommermärchen zu einer Affäre verkommen. Einer Affäre, in der es im Kern um eine Überweisung von 6,7 Millionen Euro geht. Diesen Betrag zahlten die deutschen WM-Organisatoren im April 2005 an die FIFA - die ihn wiederum an den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus weiterreichte. Beckenbauer hatte sich dieses Geld im Vorfeld der WM-Bewerbung bei Louis-Dreyfus geliehen und dem damaligen FIFA-Vizepräsident aus Katar, Mohammed bin Hammam, überlassen. Nur: Warum? Etwa, um Stimmen zu kaufen und die WM nach Deutschland zu holen?

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Kommentar von Chefredakteur Rainer Franzke:
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Im November 2015 hat die Schweizer Bundesanwaltschaft ein Verfahren eröffnet. Nun droht die Verjährung, denn bis zum 27. April muss ein erstinstanzliches Urteil vorliegen - doch der Prozess ist bis zum 20. April unterbrochen. Welches Ende auch immer all das nimmt: Die bunten Eindrücke aus dem Sommer 2006 sind längst in den Hintergrund gerückt.

Sebastian Leisgang

2006: Was sonst noch geschah ...

Meister: Bayern München

Pokal: Bayern München (nach 1:0 gegen Eintracht Frankfurt)

Fußballer des Jahres: Miroslav Klose (Werder Bremen)

Torschützenkönig: Miroslav Klose (Werder Bremen)

Champions League: FC Barcelona (nach 2:1 gegen FC Arsenal)

UEFA-Cup: FC Sevilla (nach 4:0 gegen FC Middlesbrough)

Weltmeisterschaft in Deutschland: Sieger Italien (nach 5:3 i.E. gegen Frankreich) - Deutschland WM-Dritter (nach 0:2 n.V. gegen Italien im Halbfinale und 3:1 gegen Portugal im Spiel um Platz drei)

Frauen-Fußball: Turbine Potsdam (Meister), Turbine Potsdam (Pokalsieger), Torschützenkönigin: Conny Pohlers (1. FFC Turbine Potsdam, 36 Tore), Fußballerin des Jahres: Birgit Prinz (1. FFC Frankfurt), UEFA-Cup: 1. FFC Frankfurt (gegen Turbine Potsdam)

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