100 Jahre kicker

2002 - "Kein Trost, da kann man erzählen, was man will": Kahns fataler Fehlgriff

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2002 - "Kein Trost, da kann man erzählen, was man will": Kahns fataler Fehlgriff

Oliver Kahn nach dem Abpfiff des WM-Finals 2002.

Oliver Kahn nach dem Abpfiff des WM-Finals 2002. imago images

"Gedanklich war ich damals in einer anderen Welt, nicht im Hier und Jetzt", sagt Kahn heute. Während des Finales, vor allem nach dem Abpfiff, hätte sich der deutsche Kapitän "am liebsten irgendwohin gebeamt". Ging nicht, Kahn musste bleiben und das ganze Drumherum ertragen. Die Mitspieler kamen, redeten ihm gut zu, klopften ihm aufmunternd auf die Schulter, Linke, dann Jeremies, Metzelder, sogar Collina, der italienische Schiedsrichter, auch Ronaldo, der Mittelstürmer Brasiliens. "In solch einer Situation gibt es keinen Trost, da kann man erzählen, was man will", sagte Kahn vor Ort etwa eine Stunde nach dem Abpfiff zum kicker.

Zwischenzeitlich hatte er den brasilianischen Weltmeistern gratuliert, gerade auch Ronaldo. Der Torjäger im gelben Trikot mit der Nummer 9 war es gewesen, der Kahn - den in jenen Wochen 2002 zum Titan gewordenen und vor dem Endspiel lediglich einmal überwundenen Torwart - in diesen sportlichen und psychologischen Abgrund gestürzt hatte. Ein eher harmloser Ball, umso mehr und sowieso für den in diesem Turnier unbezwingbar scheinenden deutschen Keeper, war Kahns Armen entschlüpft und von dessen Brust vor Ronaldos Füße geprallt, Abstauber, 1:0 für die Selecao. Ronaldos zweiter Treffer zum 2:0-Sieg interessierte da nur noch als statistische Fußnote.

Kurz vor diesem Lapsus hatte sich Kahn in diesem Endspiel am Ringfinger der rechten Hand einen Bänderriss zugezogen, aber diesen seinen einzigen Patzer in diesem Weltturnier wollte er damit nicht erklären oder gar entschuldigen, vielmehr stellte er klar:"Das hat damit nichts zu tun."

Im Zuge der unmittelbaren ersten Verarbeitung nach dem Spiel wies Kahn zudem auf das sehr wohl gelungene Gesamtwerk der DFB-Mannschaft bei dieser WM hin, war die deutsche Delegation doch ohne Leistungsträger wie Nowotny, Scholl oder Deisler und mit arg geringen Hoffnungen ins ferne Asien gereist. "Wir sind Vizeweltmeister, wir haben den deutschen Fußball dahin gebracht, wo er hingehört, unter die ersten Vier der Welt", fasste der Kapitän zusammen, "das kann auch dieses verlorene Endspiel nicht verändern."

Dieses Fazit gilt ebenso für Kahn selbst: Er wurde 2002 zum besten Torhüter und überhaupt besten Spieler des Turniers gewählt. "Ohne Oli", betonte Teamchef Rudi Völler bald nach dem Abpfiff in der Metropole südlich von Tokio, "wären wir gar nicht hier gewesen."

Auf jenen Patzer wird Kahn mittlerweile, so erzählt er, "so gut wie gar nicht mehr angesprochen". Und er selbst ist "mit dieser Geschichte schon ewig im Reinen". K

Karlheinz Wild

2002: Was sonst noch geschah ...

Meister: Borussia Dortmund

Pokal: FC Schalke 04 (nach 4:2 gegen Bayer Leverkusen)

Fußballer des Jahres: Michael Ballack (Bayer 04 Leverkusen)

Torschützenkönig: Marcio Amoroso (Borussia Dortmund) und Martin Max (1860 München) - je 18 Tore

Champions League: Real Madrid (nach 2:1 gegen Bayer Leverkusen)

UEFA-Cup: Feyenoord Rotterdam (nach 3:2 gegen Borussia Dortmund)

Weltmeisterschaft in Japan/Südkorea: Sieger Brasilien (nach 2:0 gegen Deutschland)

Frauen-Fußball: 1. FFC Frankfurt (Meister), 1. FFC Frankfurt (Pokalsieger), Torschützenkönigin: Conny Pohlers (1. FFC Turbine Potsdam, 27 Tore), Fußballerin des Jahres: Birgit Prinz (1. FFC Frankfurt)

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