Bundesliga

Wie Andreas Möller auf Kritik reagiert und die Eintracht-Zukunft plant

Frankfurts neuer NLZ-Leiter bietet Fan-Dialog an

Wie Möller auf die Kritik reagiert und die Zukunft plant

Andreas Möller ist neuer NLZ-Leiter bei Eintracht Frankfurt.

Seit vier Monaten im Amt: Andreas Möller ist neuer NLZ-Leiter bei Eintracht Frankfurt. imago images

Von der großen weiten Fußballwelt ist im beschaulichen Frankfurter Stadtteil Riederwald nichts zu spüren. Früher trainierten hier, wo der Sitz des e.V. ist, die Profis. Heute beherbergt die Anlage am Stadtrand das Nachwuchsleistungszentrum und zahlreiche andere Sportarten unter dem Dach der Eintracht. Nur eines hat sich in all den Jahren nicht verändert: Das tägliche Verkehrschaos am Erlenbruch und Ratsweg...

In den 80er Jahren lernte hier eines der größten Eintracht-Talente aller Zeiten das Einmaleins des Fußballs: Andreas Möller. An diese Zeit denkt er noch heute gerne zurück. "Mich hier am Riederwald durchzusetzen, war der Grundstock für meine Karriere", sagt Möller.

Wie er, der Junge aus einem Wohnblock in Frankfurt-Sossenheim, sich aufmachte, um die Fußballwelt zu erobern und alles zu gewinnen, was es zu gewinnen gibt, ist eigentlich eine Geschichte für Fußballromantiker. Möller erzählt von seiner Zeit als Balljunge, wie er sich nach dem Training sputen musste, um die U-Bahn zu erwischen oder als Kind bei den hartgesottenen Fans im berühmten G-Block des Waldstadions stand. Der 52-Jährige weiß noch genau, wie er in einer "Nacht-und-Nebel-Aktion nachts um drei Uhr" seinen ersten Profivertrag am Riederwald unterschrieb. "Ich war sehr stolz."

"Ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt"

Wer Möller bei seiner Zeitreise in die Vergangenheit zuhört, bekommt eine Ahnung davon, wie sehr ihn die Anfeindungen auf Plakaten, Bannern, Doppelhaltern, Aufklebern, im Internet und in der Öffentlichkeit treffen müssen. Möller ist fünffacher Vater, da geht dieser Hass erst Recht nicht spurlos an einem vorbei.

"Nein zu Möller": Viele Anhänger der SGE haben sich in der Vergangenheit klar gegen Andreas Möller positioniert. imago images

"Natürlich hat mich das getroffen, mit so viel Gegenwind hätte ich nicht gerechnet. Aber ich möchte das nicht thematisieren", sagt er. Ans Aufhören habe er wegen der Proteste "auf keinen Fall" gedacht: "Es gab niemanden von der Eintracht, der auch nur eine Sekunde gezweifelt hat, keinen komischen Blick." Seine Aufnahme im neuen, alten Umfeld sei "großartig" gewesen. "Ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt", berichtet Möller. Er habe das Gefühl, dass sich mit der Rückkehr an den Ort, wo alles begonnen hat, der Kreis schließe.

Teile der Fans sehen das völlig anders, für sie ist Möller ein Verräter und ein rotes Tuch. Wie verhärtet die Fronten sind, zeigte sich vor eineinhalb Wochen bei der Mitgliederversammlung, bei der Möller offen angefeindet, unter anderen von Präsident Peter Fischer aber auch mit Herzblut verteidigt wurde. Trotz der Wut, die ihm entgegenschlägt, hofft er auf Gespräche mit seinen Kritikern: "Ich bin bereit, persönlich in einen Dialog zu treten, wenn es eine faire Chance gibt."

"Ich bin keiner, der davor wegläuft"

Nach seinem Wechsel von Dortmund zu Schalke vor 20 Jahren sei er auch "alleine zum Schalker Fanklubtreffen gefahren, das war auch nicht einfach", erinnert sich Möller und beteuert: "Ich bin keiner, der davor wegläuft."

In dem über 90-minütigem Gespräch räumte Möller mehrmals ein, als junger Spieler nicht alles richtig gemacht zu haben. Doch er denkt, dass viele ein falsches Bild von ihm haben. "Wenn man meine Eintracht-Vergangenheit mal genau durchleuchtet, sieht sie ganz anders aus als die öffentliche Wahrnehmung", glaubt Möller. Er habe es nie so empfunden, der Eintracht den Rücken zuzukehren, bringe aber Verständnis für die Emotionen der Fans auf, "die in mich als Fußballspieler viel Hoffnung gesetzt haben".

Es ist mir eine moralische Verpflichtung, in Frankfurt zu bleiben, dazu stehe ich hundertprozentig.

Andreas Möller vor seinem Wechsel zu Juventus 1992

Dreimal trug der offensive Mittelfeldspieler den Adler auf der Brust: von 1981 bis 1987, 1990 bis 1992 und später noch einmal in der Saison 2003/04. Kein einziges Mal erfüllte er seinen Vertrag, vor allem sein zweiter Wechsel zu Serie-A-Rekordmeister Juventus Turin 1992 wurde von Wirbel begleitet. Frankfurts damaliger Manager Klaus Gerster, der zugleich Möllers Berater war, wurde von der FIFA weltweit zur "persona non grata" erklärt. Der kicker schrieb am 14. Mai 1992: "Wieder geht es nur um Geld, nicht um Moral, obwohl Möller Ende Februar erklärt hatte: 'Es ist mir eine moralische Verpflichtung, in Frankfurt zu bleiben, dazu stehe ich hundertprozentig.' Nun hat Vizepräsident Bernd Hölzenbein recht behalten, der schon damals vermutete: 'Wir sind alle verarscht worden!'"

"Ich habe profitiert"

So mancher Mannschaftskollege nannte Möller "Lügenbaron". Es würde den Rahmen sprengen, all die Details rund um diesen komplizierten Wechsel noch einmal darzulegen. Damit könnte man einen ganzen Aktenordner füllen. Aus Möllers Sicht verhielt es sich so, dass die handelnden Personen bei der Eintracht erklärt hätten, den Fünfjahresvertrag "nicht mehr so, wie er unterschrieben war", einhalten zu können. Es sei eine Refinanzierungsgeschichte mit Juve in Gang gekommen, der Abschied sei nicht sein Bestreben gewesen: "Die Absicht, hier mit einem Fünfjahresvertrag für die Eintracht zu spielen, belegt eigentlich, dass die Eintracht für mich einen sehr großen Stellenwert hatte."

Als Grund für seinen ersten Abschied zur Winterpause der Saison 1987/88 nennt er die Verpflichtung des Mittelfeld-Konkurrenten Lajos Detari und Trainer Karl-Heinz Feldkamp. Damals kam Möller an lediglich zwölf der 19 vor Weihnachten absolvierten Spieltage zum Einsatz. Nach Dortmund sei er gewechselt, um häufiger zu spielen. "Ich habe profitiert, weil ich spielen konnte, aber auch die Eintracht profitierte von einer damals recht ordentlichen Ablöse. Ich kehrte der Eintracht nicht den Rücken zu, sondern wollte Fußball spielen. Das ging nur bei einem anderen Verein", erklärt Möller.

Bei seinem dritten und letzten Engagement in Frankfurt sollte und wollte er der Eintracht im Abstiegskampf helfen, konnte aber nicht mehr an der Klasse früherer Tage anknüpfen.

"Ich habe im Büro bei Heribert Bruchhagen meinen Vertrag zurückgegeben"

"Meine Karriere war zu Ende, ich saß drei Monate auf der Couch und fing auf einmal an, Waldläufe zu machen, um mich noch einmal auf den konditionellen Stand eines Profis zu begeben", erzählt Möller.

Auch während der Bundesliga-Partien teilte die Ultraszene von Eintracht Frankfurt Botschaften gegen Andi Möller mit. imago images

Er unterschrieb einen Einjahresvertrag für die Saison 2003/04 und erhielt einen Anschlussvertrag. Nach der Spielzeit wollte er im Sportmanagement bei der Eintracht einsteigen. Es kam anders, zwei Muskelfaserrisse warfen ihn zurück, hinzu kam Ärger mit Trainer Willi Reimann, der von Gerster öffentlich kritisiert worden war und zurückschoss ("Gerster gehört vom Hof gejagt"). "Ich habe im Büro bei Heribert Bruchhagen meinen Vertrag zurückgegeben und gesagt, dass ich kein Geld möchte. Ich wollte der Eintracht nicht auf der Tasche liegen und habe gesagt, dass sie es für etwas Sinnvolles verwenden sollen", sagt Möller. Der kicker kommentierte damals: "In Frankfurt gab es jetzt ein Ende mit Schrecken. Die Alternative wäre ein Schrecken ohne Ende gewesen. Möller als Vorstandsassistent auf der Geschäftsstelle - angesichts der fatalen Verbindung zu Gerster wäre das ebenfalls nie gut gegangen."

Dortmund ist meine fußballerische Heimat. Ich habe dem Klub viel zu verdanken, er hat mich groß gemacht. Zur Eintracht habe ich keine Verbindung, mit Frankfurt habe ich nichts zu tun.

Andras Möller im Jahr 2017

In der jüngeren Vergangenheit sorgte ein Interview vor dem Pokalfinale zwischen Dortmund und Frankfurt 2017 für Unmut bei den Eintracht-Anhängern. Im Gespräch mit den "Ruhr Nachrichten" erklärte er, im Finale für Dortmund zu sein: "Dortmund ist meine fußballerische Heimat, hier hatte ich meine größten Erfolge, hier hatte ich meine intensivste Zeit - immerhin war ich acht, neun Jahre hier. Es ist klar, dass ich Borusse bin. Ich habe mich sehr wohl gefühlt im Verein, mit den Menschen. Ich habe dem Klub viel zu verdanken, er hat mich groß gemacht. Zur Eintracht habe ich keine Verbindung, mit Frankfurt habe ich nichts zu tun."

Möller spricht von einem Fehler und erklärt, dass er von Dortmund zwei Ehrenkarten für das Endspiel bekommen hatte und eingeladen war. "Es ist mir nie in den Sinn gekommen, mich gegen Eintracht Frankfurt zu stellen", betont er. Man muss wissen: Zu jener Zeit arbeitete Möller als Co-Trainer der ungarischen Nationalmannschaft, mit der Eintracht hatte er zu dieser Zeit tatsächlich nichts zu tun und keine Verbindung...

"Es macht keinen Sinn, wenn ein 12-Jähriger 70 oder 80 Kilometer fahren muss"

Nun ist Möller also ein viertes Mal bei der Eintracht angestellt - und muss damit umgehen, dass die Scherben von damals noch immer scharfe Kanten haben. Mit seinen Kritikern in den Dialog zu treten, ist ein vernünftiger Schritt, doch selbst mit guter Arbeit als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums wird es schwierig werden, alle Fans auf seine Seite zu ziehen. Denn klar ist auch: Wer Hass und Verachtung tief im Herzen trägt, den wird man nicht erreichen.

Für seine neue Aufgabe sieht sich Möller gut gerüstet. Er erzählt, wie er vor 15 Jahren seinen Trainerschein gemacht hat, im Jugendbereich hospitierte und als Co-Trainer der ungarischen Nationalmannschaft unter Bernd Storck "Strukturen im Jugendbereich" aufbaute.

"Wir haben da sehr viel bewegt. Ich habe in der nahe Budapest gelegenen Akademie gelebt und gearbeitet. Das, was der DFB jetzt baut, gab es dort schon in klein." Bei der Eintracht will er daran arbeiten, verstärkt Talente aus dem Rhein-Main-Gebiet zu entdecken, zu binden und zu fördern. Dass Kinder täglich stundenlang im Auto sitzen, um von weit her zum Training gebracht zu werden, ist ihm ein Graus: "Es macht keinen Sinn, wenn ein 12-Jähriger 70 oder 80 Kilometer fahren muss, um eineinhalb Stunden zu trainieren. In der Zeit, die er im Auto verbringt, könnte er auch trainieren."

"Das Schönste ist, wenn ich abends eine kleine Runde drehe"

Der Arbeitsalltag bietet jede Menge Abwechslung und erstreckt sich über Gespräche mit unzufriedenen Eltern, den Trainern und Turnierplanungen bis hin zu Themen wie Kindeswohl, Fürsorge und Probleme in der Schule. "Das Schönste ist, wenn ich abends eine kleine Runde drehe, mir die Jungs im Training anschaue, sie auf einen zustürmen, abklatschen und immer dieses Lächeln haben", findet Möller. "Ich will, dass die Jungs mit einem Lächeln an den Riederwald kommen und mit einem Lächeln wegfahren. Sie müssen in jedem Training besser werden und etwas mitnehmen." Früher, erinnert sich Möller, sei die Eintracht eine Talentschmiede gewesen. Das ist unbestritten. Dahin will er den Verein wieder führen.

Andreas Möller ist neuer NLZ-Leiter bei Eintracht Frankfurt.

Ist bei Eintracht Frankfurt ausgebildet worden - und hat später in drei Zeiträumen für die SGE gespielt: Andi Möller. imago images

"Wir wollen den jungen Spielern die Kreativität und Flexibilität lassen, sie sollen selbst Entscheidungen treffen müssen. Wir haben die Bolzplatzmentalität in unser Konzept aufgenommen", erklärt der NLZ-Leiter. Dem Abwerben der besten Talente durch andere Vereine will er mit inhaltlichen Argumenten entgegenwirken: "Unser Ausbildungskonzept muss so gut sein, dass wir die Eltern davon überzeugen, ihr Kind nicht aus dem heimischen Umfeld herauszureißen."

Die Eintracht brauche neben dem familiären Umfeld die besseren Trainer, außerdem wirbt Möller mit seinem eigenen Werdegang. "Ich habe hier gespielt und weiß, was es braucht, um nach oben zu kommen", sagt er.

Ich bin ein Frankfurter Junge. Punkt. Ende. Aus.

Andreas Möller

Ein weiterer Baustein ist die geplante Wiedereinführung einer U-23-Mannschaft, die den Talenten den großen Sprung zu den Profis über einen Zwischenschritt erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen soll. Noch ist allerdings unklar, in welcher Spielklasse die neue U 23 starten könnte. Einen Beginn ganz unten in der Kreisklasse schließt Möller aus: "Es ist nicht so, dass wir mit dem Finger schnippen und dann eine zweite Mannschaft haben. Noch sind ein paar Hürden zu gehen."

Das gilt auch für das Vertrauen der Fans, das er zurückgewinnen will. Möller betont: "Ich bin ein Frankfurter Junge. Punkt. Ende. Aus."

Julian Franzke

Die Bundesligisten und ihre jeweils jüngsten Debütanten