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Wenn Chantal ihre Tattoo-Session unterbricht...

Gast-Kolumne: Warum die Kreisliga so wunderbar ist (4/4)

Wenn Chantal ihre Tattoo-Session unterbricht...

Tattoo-Arm

Nur echt von Liga eins bis zwölf: Der Tattoo-Arm. imago-images

"Jungs, 0:1, ich hatte euch doch gesagt, die kochen auch nur mit Wasser, flach spielen und hoch gewinnen, denn hoch und tief geht meistens schief", brüllt Trainer Jens in der Halbzeitpause und sorgt gleich für Stille in der Kabine. "Aber Coach, die haben provoziert wie die Paviane", nölt Patrick. Trainer Jens will ihm eine durchdachte Antwort ins Gesicht schreien, tut dann aber so, als scanne er überrascht den Aufstellungsbogen. "Da schau an, der Patrick! Auch anwesend, herzlich willkommen!", sagt er mit einer ironischen Verbeugung. "Und das Tor von diesem Carlos war ganz klar regelwidrig", flüstert Keeper Jannik mit einer Träne im Auge und massiert sich seinen schmerzenden Ringfinger. "Dem lege ich sowieso gleich erstmal den Scheitel richtig und boxe ihm die Frisur nach innen", ergänzt Manni. Auch wenn es inzwischen in jedem Training passiert, hasst er, sich von respektlosen Jungspunden tunneln zu lassen.

Viel Pathos und der Geruch von frisch verzehrtem Döner

Anhand seines messerscharfen Trainer-Verstands - die Ausbildung, er nennt es C-Schein, fand in der örtlichen Kneipe statt - erkennt Trainer Jens jetzt, dass er seine Jungs nun bei der Ehre und mit Emotionen packen muss. "Männer…" (30 Sekunden Stille) "...da draußen stehen eure Familien, eure Kinder ("Was, die schauen zu? Dachte, die sind kreuz und quer auf Malle verstreut!", brüllt Carsten; keiner lacht) und eure Freunde ("Kevin, hast du auch Freunde?", brüllt Carsten, der nie begreift, wann's zu viel wird). Ihr müsst in Halbzeit zwei das Spiel eures Lebens machen. Davon erzählt ihr später noch euren Urgroßvätern. Wenn wir das Ding heute hier noch umbiegen, geht das Radler danach auf mich! Geht da raus und zeigt eurem Dorf, dass ihr besser seid als das Dorf nebenan!" Patrick hängt den Worten nach. "Hat der wirklich 'Radler' gesagt?", erkundigt er sich beim Nebenmann und schüttelt traurig den Kopf.

Dennoch: Plötzlich kann man die neue Energie im Raum spüren. Man kann sie förmlich riechen. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass es an Miro liegt, der sich vor dem Spiel noch einen Döner ("Kalb, mit alles, nein, das Kraut da nicht") bei Musti genehmigt hat. Unter lauten Old-Boys-Ratschlägen, die man nur mit viel Erfahrung geben kann ("Ihr müsst mehr schießen, denn der Boden ist nass") und tosendem Beifall der mittlerweile noch 14 Zuschauer (der Rest ist bereits im Sportheim und guckt Düsseldorf gegen Paderborn) geht es zurück auf den Platz. "Kratzen, beißen, dagegen halten! Die wollen es doch nicht anders", greift Jens von außen nochmal ganz tief in die Motivations-Trickkiste. Er setzt sich zufrieden und findet, dass das schon nahe dran am B-Schein war.

Man hat sich viel vorgenommen, nun ist es an der Zeit, das in die Tat umzusetzen. Tatsächlich baut man schon in den ersten Sekunden durch einen Hagelsturm an langen Bällen Dauerdruck auf. Der Gegner fällt nur noch durch verbale Provokation auf ("Ey, Sechser, wozu gibt's dich?", "Ey, Zehner, wozu gibt's den Sechser?", "Ey Schiri, der Sechser ist nur am Reden!") und Zeitschinderei auf (drei Rückwechsel binnen einer Minute, angeblicher Kreuzbandriss mit Wunderheilung). Die Zeit rinnt durch die Finger! Unruhe macht sich breit, man verzettelt sich schon auf dem Feld in ausgiebigen Fehleranalysen. Der Gegner findet's lustig. "Jungs, die streiten schon, aber wir bleiben ruhig!"

Ball unters Trikot, Daumen in den Mund

Doch der unbändige Wille wird belohnt: In Minute 73 fällt tatsächlich der Ausgleich! Nach einem falschen Einwurf des Gegners und dem daraus resultierenden Geistesblitz von Libero Manni, der den Ball einmal diagonal über den Platz schleudert, landet das Leder bei Ali der mittlerweile für Patrick ("Einfach zu wenig von dir heute!" - "Du mich auch, Trainer!") eingewechselt wurde. Ali war eben noch von einer angeregten Fach-Diskussion abgelenkt und knallt jetzt aus Frust (er glaubt, bei Einwurf gibt's Abseits) in Jerome-Boateng-Manier und mit Carsten Ramelow-Konsequenz einen No-look-Pass in Richtung des gegnerischen Strafraums. Dort steht auch schon Kevin, der dem Ball nicht mehr ausweichen kann. Was folgerichtig zum hochverdienten 1:1-Ausgleich führt.

Nachdem beide realisiert haben, was da eben passiert ist, nimmt Kevin Anlauf und rutscht auf den Knien in Richtung Fans (die Sohle seines linken Adidas Nemeziz Messi 18.1 FG in Orange/Silber/Blau reißt dabei erneut auf), während er parallel mit den Armen ein X formt. Ali steckt sich den Ball unter das Trikot und nimmt den Daumen in den Mund: Ein Gruß in Richtung seines Bruders Mehmet (zuhause), dessen Frau (auch zuhause) schwanger ist. Ali selbst ist Single, aber das kann nach so einem Ding nicht mehr lange dauern! Die Old Boys winken ab, weil sie jetzt nicht mehr meckern können. Der Sportplatz gleicht auch sonst einem Hexenkessel, zu vergleichen nur mit einer Großraumdiskothek, aus der sich um 5:30 Uhr die letzten Gäste nicht vertreiben lassen.

Die letzten 13 Minuten (der Schiri verzichtet auf Grund von Sauerstoffmangel auf die Nachspielzeit, verteilt aber nach unverschämter Restspielzeit-Frage Gelb, Gelbrot und Rot an denselben Spieler) passiert nicht mehr viel, außer dass mittlerweile Kevins Freundin Chantal eingetroffen ist, die vom Traumtor ihres Liebsten aus dem Spielerfrauen-WhatsApp-Chat erfahren hatte und ihre Tattoo-Session (Geburtsdatum ihrer Tochter auf dem Oberschenkel) sofort unterbrochen hat. Beide Teams ermauern zufrieden den Punktgewinn. "Was man hat, hat man", ruft Manni und holzt einen vielversprechenden Konter in die Baumwipfel. Nach Abpfiff geht es zunächst darum, auf keinen Fall als erster seine Zigaretten auszupacken. Die Regel besagt, dass dies dann das Mannschaftspäckchen ist.

"Ich trink' noch ein schnelles Bier im Sportheim"

Nachdem alle kalt geduscht haben (außer Kevin und Ali, die sitzen immer noch auf dem Rasen und haben ihr Gestolpere inzwischen zu "Solo über den halben Platz", "Maßflanke" und "Seitfallzieher ins Dreieck" verklärt) trifft man sich, wie gewohnt, im Sportheim. Mit dem 1:1 kann man gut leben, auch wenn Trainer Jens und Carsten der Meinung sind, man habe den Gegner 90 Minuten vor sich hergetrieben und den Sieg aufgrund eines Chancenverhältnisses von 2:1 verdient gehabt. So gibt Betreuer Horst es am Telefon auch der örtlichen Zeitung durch. Aus den Boxen krächzt der Bierkapitän, und es fängt wieder an zu kribbeln. Während Kevin und Chantal draußen streiten, schreiben sechs der Spieler ihren Freundinnen parallel per WhatsApp, dass sie nur noch ein Bierchen trinken und dann heimkommen, während Sportheim-Wirt Klaus die fünf extra angeschafften 3-Liter Stiefel mit flüssigem Gold befüllt.

Ach Kreisliga, was warst du wieder wunderbar!

Der Autor: Tobias Sergeo

Tobias Sergeo

Tobias Sergeo, auch bekannt als "Kreisligalegende", betreibt die Social-Media-Seiten "Kreisligafußball - das Bier gewinnt" auf Facebook sowie "Kreisligafussball.de" auf Instagram. privat

Tobias Sergeo ist Gründer und Inhaber der Social Media Seiten "Kreisligafußball - Das Bier gewinnt" auf Facebook sowie "Kreisligafussball.de" auf Instagram, mit aktuell zusammen über 800.000 Followern. Zudem verkörpert Sergeo als Partysänger die Kunstfigur "Kreisligalegende", mit der er u.a. in der Partyhochburg "Bierkönig" auf Mallorca auftritt.

Tobias Sergeo