Bundesliga

Haupt über deutschen Nachwuchs: Kein Spaß, kaum Emotionen

Leiter der neuen DFB-Akademie über Talente

Haupt über deutschen Nachwuchs: Kein Spaß, kaum Emotionen

Tobias Haupt, der Leiter der neuen DFB-Akademie,

"Aber wir haben an der einen oder anderen Stelle den Anschluss verloren": Tobias Haupt. imago images

Miroslav Klose, U-17-Trainer beim FC Bayern München, hatte vor einigen Monaten im Interview mit dem kicker bereits kritisiert, dass er bei vielen Jugendspielern Leidenschaft, Herz und den "unbedingten Willen" vermisse. Nun legt Haupt nach und sieht beim Nachwuchs eine Reizüberflutung. "Es fällt auf, dass vielen Jungs der ursprüngliche Spaß am Spiel fehlt, sie zeigen im Training und im Spiel kaum noch Emotionen", so der 35-Jährige. "Der Tagesablauf dieser Jungs ist von frühmorgens bis spätabends komplett durchgetaktet. Zudem wird ihnen von Anfang an alles abgenommen. Dass sie keine Individualität mehr entwickeln, ist klar."

Eltern verlangen bessere Noten und drohen mit Wechsel

Problematisch sieht Haupt zudem das Auftreten einiger Eltern. Während sich Klose noch wunderte, ob er im Gespräch mit den Eltern über denselben Sohn redet, berichtet Haupt, dass auf einer anderen Ebene Druck ausgeübt wird. "Wir haben Fälle, in denen Eltern beim Klub vorstellig werden und verlangen, die Noten des Schützlings in der Schule zu verbessern, sonst wechselt er zu einem anderen Verein", erzählt Haupt. "Erste Klubs sagen nun, dann ist das nicht der richtige Spieler für uns."

Was kann der DFB von den San José Sharks lernen?

So rückt neben dem Können immer mehr der Charakter in den Fokus. Wie die Kriterien für eine Einstellung aussehen könnten, hat der Leiter der DFB-Akademie bei einer USA-Reise mit anderen Managern aus der Liga bei den San José Sharks aus der NHL gesehen. Der General Manager des Eishockey-Teams habe interessante Einblicke ins Scouting geben können. "Dort werden die Kandidaten schon in den Wartezeiten vor den Gesprächen beobachtet. Verfolgen sie das Spiel, das auf einem Monitor läuft? Oder daddeln sie gelangweilt auf dem Handy rum? Oder sie lassen Talente 'zufällig' auf die Putzfrau treffen und beobachten, wie sie sich ihr gegenüber verhalten", berichtet er von dem Besuch in San José. Auch das seien Kriterien für eine mögliche Einstellung.

Trotz allem sieht Haupt die Lage des deutschen Fußballs zwar als "nicht dramatisch" an. "Aber wir haben an der einen oder anderen Stelle den Anschluss verloren. Trainerausbildung, Spielerentwicklung, Persönlichkeiten, Mentalität, Leistungsoptimierung." Da sei der DFB überholt worden.

Lesen Sie das ganze Interview mit Tobias Haupt in der aktuellen Ausgabe des kicker. Wie sieht die Trainerausbildung aus? Wie kann das Scouting verbessert werden? Was kann der DFB von den Engländern lernen?

tru

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