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Sandro Wagner im Interview über den FC Bayern und China

Der Ex-Münchner über China und den Fußball

Sandro Wagner im Interview: "Ein Mann wollte mir seinen Fahrer leihen"

Sandro Wagner

Einst in München, jetzt in China: Sandro Wagner über sein neues Leben. imago images

Zwölf Tore erzielte Sandro Wagner in seiner ersten Saison für Tianjin Teda, das Siebter wurde. Nun läuft die Vorbereitung auf die kommende Spielzeit für den Stürmer, der seinen Herzensklub Bayern München aus der Ferne immer noch sehr genau verfolgt.

Was hat Sie in China sportlich am meisten überrascht, Herr Wagner?

Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass hier alles so professionell ist, auch gemessen an europäischen Spitzenfußball-Standards. Der Staff ist super, alle arbeiten total motiviert für die Sache. Persönliche Eitelkeiten gibt es kaum, was ich sehr angenehm finde.

Und im privaten Bereich außerhalb des Fußballs?

Das Leben hier ist ein komplett anderes, China ist schon eine andere Welt. Vom Essen über die Luft, natürlich die Sprache bis hin zu der Bevölkerung. Die Menschen in China haben mich am meisten überrascht, zumal man oft einen negativeren Eindruck vermittelt bekommt. Ich bin beeindruckt von der Liebenswürdigkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft der Chinesen. Und auch sehr dankbar, denn das macht es für mich hier deutlich einfacher und angenehmer. Ehrlich gesagt bin ich nämlich nicht der typische Reisende, der schon früher mit dem Rucksack durch die Welt gezogen ist und sich überall ganz leicht zurechtfindet.

Was war die schwierigste Umstellung?

Das Essen ist für mich eine große Umstellung gewesen, da ich das asiatische Essen einfach nicht so gut vertrage. Aber der Verein hat darauf sofort reagiert - nun bekomme ich immer und überall gute Pasta serviert (grinst). Auch der Zeitunterschied zu Deutschland ist gewöhnungsbedürftig, vor allem wenn es darum geht zu telefonieren. Das mache ich jetzt eben ab und an nachts.

Wie sieht der private Alltag in China denn so aus?

Ich habe meist meine Familie, Freunde, aber auch viele andere Deutsche um mich rum, da in Tianjin ein großes VW-Werk steht. In meinem Wohngebiet gibt es quasi eine deutsche Community, in der wir öfter was unternehmen. Aber auch mit dem einen oder anderen Chinesen gehe ich privat ab und zu essen. Zuletzt wurde ich von einem Mitspieler zu dessen Familie eingeladen. Und meine Kinder haben chinesische Freunde gefunden, was ich für ihre Entwicklung absolut bereichernd finde.

Teamkollege Felix Bastians ist schon ein Jahr länger in China - hat er bei der Eingewöhnung geholfen?

Dass Felix die ganze Zeit mit mir hier ist, ist ein Segen für mich. Er hilft und erleichtert mir das Leben und Arbeiten ungemein. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Wie verständigen Sie sich, können Sie vielleicht schon etwas Chinesisch?

Ein paar Wörter und Sätze kann ich schon in Chinesisch. Wer im Ausland arbeiten und leben will, muss die Sprache lernen und generell die Regeln akzeptieren. So sehe ich das in Bezug auf mein Heimatland, und das gilt natürlich auch für mich als Gast in China.

Sandro Wagner

Sandro Wagner nach seinem Wechsel zu Tianjin Teda. imago images

Was vermissen Sie am meisten?

Vor allem Familie und Freunde. Dazu die Berge, mein schönes München und den FC Bayern. Ich bin ein großer Heimat-Typ. Dennoch bin ich dankbar für die Erfahrungen, die ich derzeit in China machen darf.

Welche Rolle spielt Fußball in Tianjin?

Fußball ist hier schon sehr beliebt, und die Leute im ganzen Land verinnerlichen die Fußballkultur immer mehr. Aber das Ganze ist noch nicht so weit wie zum Beispiel in Deutschland, das braucht Zeit. Wir sind von der Fußballkultur her mehrere Jahrzehnte voraus, aber die Chinesen lernen schnell.

Es gibt zwei Erstliga-Vereine in der Stadt. Ist das eine echte Derby-Rivalität mit spezieller Bedeutung?

Ja, das wird wie ein Derby bei uns in Deutschland wahrgenommen und hat tatsächlich eine große Bedeutung für die Leute hier. Das erkennt man auch daran, dass es vor wichtigen Spielen ab und zu eine Extra-Prämie gibt - und die dann bei Derbys besonders hoch ist (lacht).

Mit einem chinesischen Jungen habe ich mal ein Foto gemacht, und anschließend hat mir der Vater dafür gleich seinen Fahrer für mehrere Monate leihen wollen.

Wagner

Können Sie sich in der Stadt bewegen oder werden Sie als Fußballstar erkannt und "belagert"?

Es ist nicht so wie in Deutschland, aber klar erkennen einen viele Menschen. Sie fragen auch oft nach einem Foto - aber sehr, sehr höflich, niemals belagernd. Lustige Geschichte: Mit einem chinesischen Jungen habe ich mal ein Foto gemacht, und anschließend hat mir der Vater dafür gleich seinen Fahrer für mehrere Monate leihen wollen. Ich habe aber dankend abgelehnt, weil ich schon einen Fahrer habe (grinst).

Wie schätzen Sie die Stärke der chinesischen Liga im Vergleich mit dem deutschen Fußball ein?

China liegt noch nicht auf dem Level der Bundesliga, vor allem was Spieltempo und die individuelle Qualität in der Breite angeht. Aber wie schon erwähnt, die Chinesen lernen äußerst schnell und sind unglaublich motiviert, auf europäisches Niveau zu kommen. Sie brauchen jedoch noch ein bisschen Zeit - und Hilfe, die sie sich aus dem Ausland holen.

Wie beurteilen Sie die vorige Saison für das Team und was sind die Ziele für die kommende Spielzeit?

Die Saison war die erfolgreichste für den Verein in der vergangenen 15 Jahren. Zuvor hatte der Klub immer um den Klassenerhalt gekämpft. Somit sind wir sehr zufrieden mit dem, was wir erreicht haben. Eine ruhige Saison mit einstelligem Tabellenplatz wird demnächst das Ziel sein.

Hat der Klub überhaupt eine Chance, an die Topteams heranzukommen?

Stand jetzt nicht, da die Topteams etatmäßig meilenweit entfernt sind. Aber der Verein gibt Gas auf anderen Ebenen, um den Abstand zu verkürzen. Zum Beispiel verbessert sich der Verein in der medizinischen Abteilung stetig und versucht sich in sämtlichen Bereichen weiter zu professionalisieren.

Wie sehr hat es Ihnen geholfen, dass Sie mit Uli Stielike einen deutschen Trainer haben?

Natürlich ist es einfacher, wenn der Trainer deine Sprache spricht. Aber alles in allem bewertet der Trainer nur nach Leistung und nicht nach Nationalität, was auch richtig ist.

Wie sehen Sie Ihre erste Saison in China?

Am Anfang hatte ich ziemliche Probleme, mich zu akklimatisieren. Wobei viele ausländische Spieler anfangs Schwierigkeiten haben, zumal hier auch etwas anders Fußball gespielt wird. Aber nachdem ich mich mehr und mehr an alles gewöhnt hatte, lief es super. Ich habe regelmäßig getroffen, bin zu einem Führungsspieler geworden und durfte sogar einmal die Kapitänsbinde tragen. Vor allem für einen ausländischen Profi gilt das hier als besondere Ehre, worüber ich mich unheimlich gefreut habe.

Sandro Wagner

Zwischenzeitlich trug Sandro Wagner sogar die Kapitänsbinde. imago images

Was ist anders am Fußball in China?

Physisch sind die Chinesen enorm stark, aber gerade taktisch gibt es Entwicklungsbedarf, wodurch das Zusammenspiel anfangs gewöhnungsbedürftig ist. Von einem ausländischen Star wird schon mal erwartet, dass er locker zwei, drei Mann aussteigen lässt, wenn man ihm den Ball gibt. Aber: Gerade ich als bayerischer Brecher bin nun mal nicht der Typ dafür (lacht). Mittlerweile wissen meine Teamkollegen jedoch, wie ich die Dinger brauche.

In den meisten Teams besetzen die Auslandsprofis Positionen in Mittelfeld und Angriff. In der Abwehr spielen meist Chinesen. Gehen die anders zur Sache als die Verteidiger in Deutschland?

Viele Teams haben auch in der Abwehr Ausländer, wie wir mit Felix, aber man darf ja nur drei ausländische Spieler gleichzeitig spielen lassen. Es ist dann so, dass die meisten Klubbosse lieber die ausländischen Offensivkräfte auf dem Platz sehen wollen, von denen sie sich die besonderen Momente versprechen. Die Verteidiger hier sind sehr hart im Zweikampf, und man hat tatsächlich weniger Platz als in Deutschland, weil oft mit Manndeckung gespielt wird. Das macht es nicht gerade einfach für Offensivspieler aus europäischen Topligen, zumal sie das meist nicht gewohnt sind.

Aber auch in dieser Hinsicht werden die Chinesen Sprünge machen.

Wagner über die Nationalmannschaft

Der chinesische Vereinsfußball ist in Asien mit führend. Das Nationalteam stagniert dagegen seit Jahren - woran könnte das liegen?

Das kann ich nicht genauer beurteilen, weil ich bisher kein komplettes Spiel von Chinas Nationalmannschaft gesehen habe. Aber ich kenne die Nationalspieler, die sind wirklich top ausgebildet. Da ist es mir auch ein Rätsel, warum es im Nationalteam noch nicht klappt. Aber auch in dieser Hinsicht werden die Chinesen Sprünge machen.

Haben Sie den Abschied von Ihrem Herzensklub FC Bayern im vergangenen Jahr mal bedauert?

Bedauern ist das falsche Wort, weil der Wechsel nach China eine bewusste Entscheidung war. Aber klar, ich vermisse den FC Bayern und meine Freunde dort sehr - und bin froh, dass ich in der Zukunft die Möglichkeit habe, in anderer Funktion zu meinem Verein zurückzukehren.

Sandro Wagner

Sandro Wagner während der Zeit bei "seinem" FC Bayern. imago images

Wie beurteilen Sie die Entwicklung dort?

Ich drücke den Bayern natürlich die Daumen und bin mir absolut sicher, dass sie in dieser Saison das Double holen. In der Bundesliga wird es bis zum Ende spannend bleiben, aber ansonsten beschweren sich ja immer alle, wenn der FCB im Winter schon mit 20 Punkten vorn liegt. Ich weiß, dass die Mannschaft extrem hungrig ist. Und auch mit Blick auf die nächsten sechs, sieben Jahre hat der FCB eine rosige Zukunft vor sich.

Warum?

Weil die Generation um Kimmich, Süle, Gnabry Weltklasse ist - und daher auch demnächst nach Champions-League-Titeln greifen wird, ähnlich wie die Generation Schweini/Lahm. Jeder Bayern-Fan kann beruhigt in die Zukunft schauen und Brazzo sowie den anderen Entscheidungsträgern vertrauen.

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