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Daytona: Packendes Duell zwischen Porsche und BMW

Megaspannung beim 24-Stunden-Rennen

Daytona: Packendes Duell zwischen Porsche und BMW

Jetzt muss es schnell gehen: Der BMW-Bolide beim Boxenstopp.

Jetzt muss es schnell gehen: Der BMW-Bolide beim Boxenstopp. imago images

Der Sieg in der Prototypenklasse DPi und damit die Gesamtwertung der 58. Austragung dieses Rennens ging an die Cadillac-Kombination Renger van der Zande (NED), Ryan Briscoe (USA), Scott Dixon (USA) und Kamui Kobayashi (JPN).

Wenn die ersten Sonnenstrahlen in die riesige Ovalschüssel von Daytona fallen, liegt hinter allen Beteiligten die längste Nacht, die es im weltweiten Motorsport bei bedeutsamen 24-Stunden-Rennen gibt. Was beim großen Klassiker in Le Mans erst kurz vor 23 Uhr beginnt und schon vor sechs Uhr am Morgen wieder überstanden ist, zieht sich in Daytona endlos dahin. Zwischen Sonnenuntergang und -aufgang vergehen aufgrund der Nähe zum Äquator nicht weniger als 13 Stunden und 21 Minuten, hinzu kommt zweimal die Dämmerung mit jeweils wenigstens 30 Minuten.

Es riecht verdächtig nach Vorentscheidung

Oft genug ist das Ende der Nacht jener Zeitpunkt, an dem die Sicht auf die Dinge klarer und heller wird. Diesmal jedoch wird die Regel gebrochen. Vom Start weg haben sich die beiden Porsche mit den Startnummern 911 und 912 eine Hunderstelsekundenschlacht mit dem einzig verbliebenen BMW M8 GTE geliefert, in dem sich Edwards, Mostert, der Ex-DTM-Pilot Farfus und Nordlicht Krohn abwechseln. Um 6.15 Uhr am Morgen - noch sind siebeneinhalb Stunden zu absolvieren - riecht es zum einzigen Mal während des gesamten Rennens verdächtig nach einer gewissen Vorentscheidung: Krohn, hauchdünne 0,5 Sekunden vor dem Porsche von Earl Bamber (Neuseeland), Laurens Vanthoor (Belgien) und Matthieu Jaminet (Frankreich), muss unter Grüner Flagge an die Box, die Bremsscheiben sind am Ende. 90 Sekunden benötigen die Mechaniker, um alle vier Scheiben inklusive der Räder auszuwechseln - wenig, und doch in diesem Moment scheinbar viel zu viel.

Beinahe rächt sich hier, dass die Daytona-Ausgabe 2020 gekennzeichnet ist von bemerkenswert wenigen Zwischenfällen und entsprechend kaum Gelb-Phasen. Richtig großes Pech hat BMW beim zweiten Auto: Kaum sitzt am Samstagabend Bruno Spengler erstmals im M8 mit Startnummer 25, sammelt er nach nur zehn Minuten ein auf der Piste liegendes Teil auf und zieht sich dabei ein Ölleck zu. Mehr als zehn Runden gehen verloren.

Danach entbrennt der Kampf erneut

Das Schwesterauto aber hat das Glück, dass ein Fahrzeugbrand am Lamborghini der schnellen Ladies Katherine Legge, Rahel Frey, Tatiana Calderon und Christina Nielsen eine Gelbphase auslöst, durch die sich die Lücke von mehr als einer Minute auf die beiden führenden Porsche doch wieder schließen lässt. Danach entbrennt der Kampf um den Sieg in der GTLM-Klasse zwischen BMW und Porsche erneut in aller Schärfe. Irgendwie typisch Daytona, "wo eigentlich bis zum Ende immer alles möglich ist. Bist du rundengleich, dann fällt die Entscheidung erst in der letzten Stunde." So hat es Timo Bernhard, der Gesamtsieger von 2003, vor einer Woche im kicker-Interview gesagt hat.

Ohne Bremsscheibenaustausch kommt auch Porsche nicht aus, doch den hat man unter Gelber Flagge schon in der Nacht vollzogen, Zeitverlust dadurch gleich null. Da erweist sich als wertvoll, was in der ausgiebigen Testphase des Spätherbstes an technischer Härte und taktischer Herangehensweise herausgearbeitet wurde. Gleich zweimal war die komplette Porsche-Armada zum Testen ausgerückt: einmal über 36 ununterbrochene Stunden auf dem Kurs im südfranzösischen Le Castellet, ein zweites Mal, diesmal sogar über 44 Stunden, auf der holprigen Piste von Sebring (Florida), die jede Schwäche am Fahrzeug offen zu Tage treten lässt. Das Auto hält, aber die sogenannte Balance of Performance bevorzugt auf den endlosen Ovalstücken eindeutig eher den massigen BMW.

Der Porsche mit der Nummer 912

Am Beginn der letzten Rennstunde erweist sich die Richtigkeit von Timo Bernhards Einschätzung. Die beiden deutschen Hersteller trennt zu diesem Zeitpunkt die Winzigkeit von 5,8 Sekunden, das entspricht über die Renndistanz betrachtet einem quasi Nichts von 0,25 Sekunden pro Stunde. Einer im Porsche mit der Nummer 912 träumt noch ein wenig mehr vom Sieg als seine Mitstreiter: der Belgier Laurens Vanthoor. Der 28-Jährige ist einer der größten Langstreckenspezialisten weltweit. Zu sieben Meistertiteln in unterschiedlichen Klassen kommen Klassensiege in Le Mans (2018) sowie die Gesamtsiege bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps (2011), am Nürburgring (2015) und Dubai (2016). Allein Daytona fehlt in dieser imponierenden Sammlung noch, der IMSA-Champion 2019 wird sich nun mindestens ein weiteres Jahr gedulden müssen.

Zurlinden: "Alles reibungslos und fehlerfrei funktioniert"

In den letzten 60 Minuten zündet Jesse Krohn im BMW ein Feuerwerk. Fast wirkt es so, als habe sich die Mannschaft bewusst zurückgehalten. Bis ins Ziel baut er den Vorsprung auf 14 bzw. 18 Sekunden auf die beiden Porsche aus. Es ist das Ende eines packenden Kampfes.

Trotz des verpassten Sieges zeigte sich Pascal Zurlinden, der Leiter GT-Werksmotorsport bei Porsche, mit dem Ausgang des Rennens ein wenig überraschend mehr als nur zufrieden: "Das war heute ein perfektes Debüt für den neuen Porsche 911 RSR. Im ersten Rennen in den USA - und das gleich über 24 Stunden - hatten wir kein einziges technisches Problem und stehen am Ende mit beiden Fahrzeugen auf dem Podium. Von der Teamleistung, über die Strategie bis hin zu den Arbeiten in der Pitlane hat alles reibungslos und fehlerfrei funktioniert."

Sein Kontrahent auf BMW-Seite, Jens Marquardt, strahlte noch ein bisschen mehr, zumal dem Team die Wiederholung des Vorjahressieges gelungen war: "Das tolle Duell unserer Startnummer 24 mit den beiden Porsche hat das gesamte Rennen geprägt. Wir haben hartes, aber faires Racing gesehen. Genauso muss es sein."

Stefan Bomhard