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Kreisliga-Kolumne: die erste Hälfte

Gast-Kolumne: Warum die Kreisliga so wunderbar ist (3/4)

Meckernde Rentner vor schimmelnden Holzbänken

Rentner schaut Fußball mit Fernglas.

Alles im Blick: ein Rentner mit Fernglas beim Amateurfußball. imago-images

Es geht los mit eigenem Anstoß, Kullerball auf die linke Defensivseite. Kevin braucht fünf Anläufe zum Stoppen und hat trotz bunter Schuhe gleich mal Probleme, ihn über eine Distanz von 70 Zentimetern zum Nebenmann zu bringen. "Der nächste geht, Kevin, immer weiter!" Die Teamchemie stimmt. Dann landet die Pille mittels herausragender Kombination, bestehend aus einer Bogenlampe und einem verunglückten Kopfball, bei Manni. Um Sicherheit ins Spiel zu bringen, setzt das Libero-Vorbild gleich ein Zeichen: Elegant wie ein Bagger quetscht er das Leder mit der Sohle fest, scannt innerhalb von zwei Sekunden das komplette Spielfeld (solche Superkräfte sind angeboren) und holzt den Ball mit dem linken Außenrist in den Wald. Noch im Ausschwingen hebt er vorwurfsvoll die Hand in Richtung Kevin, zeigt der sich doch wie üblich lauffaul. Dem Youngster fehlt es deutlich an Spielverständnis. "Guter Versuch, Manni!", so sieht es auch die Bank. Der Vorwurf, es habe sich hier um einen blinden Befreiungsschlag gehandelt, ist absurd.

Deshalb gibt's von den Fans in der prall gefüllten Waldplatz-Moos-Asche Arena (33 zahlende Zuschauer, drei Kinder und zwei alles Interesse auf sich ziehende Hundewelpen) auch Ovationen. Stehende natürlich, weil sich auf die schimmelnden Holzbänke beim einsetzenden Nieselregen ohnehin niemand setzen will. Selbst der sonst so kritische Herbert Hunnenmeier, seines Zeichens Präsident, Platzordner und Ehrenvorsitzender der Senioren-Hooligan Gruppierung "Old Boys" (Slogan: "Bei uns damals war das noch richtiger Fußball") beklatscht den Carsten-Ramelow-Gedächtnispass. Weil die Pille noch immer nicht aufgetaucht ist und der Ersatzball (platt) vom Schiedsrichter umgehend zur Bank zurückgebolzt wurde, bleibt Zeit für eine erste Atempause und eine Analyse des bisherigen Spielverlaufs: Man ist sich einig, dass von Kevin zu wenig kommt. Und dass sich vorne Stürmer Maik zu wenig bewegt. Der hat zudem Pech, dass er der Urenkel von Günni ist. "Der hatte auch damals ne Reaktion wie ne offene Flasche Bier, der Stümper", fachsimpelt Herbert. "Hab damals schon nie verstanden, was Gerda an dem findet", ergänzt Rudolf Radlowski, Rekordtorschütze des Heimteams (1977: elf Tore in einer Saison, 32 Tore in der kompletten Karriere). Lautstark wird das Stimmungsloch (der Ball wurde in einem Gestrüpp lokalisiert) genutzt, um Maiks Auswechslung zu fordern. Weil Kevin zaghaft vor den Brennnesseln steht und sich noch immer nicht hineintraut (der Kontakt mit Moos und Waldboden verringert laut Youtube-Rezension die Lebensdauer seiner Nemeziz 18.1 um drei Monate), fordern sie gleich Kevins Auswechslung mit. "Der hat langsam seinen Kredit verspielt, Talent hin oder her", empört sich Hunnenmeier.

Fehlende Hosen

Tatsächlich herrscht auf der Auswechselbank auch reges Treiben. Die zwei zu spät gekommenen Spieler Carsten und Ali wurden von Carstens Mutter am Sportplatz abgesetzt. Eigentlich wären sie fast pünktlich zum Anpfiff dagewesen, Ali musste aber im Vollsprint nochmal dem 2er Golf (ohne Servolenkung, dafür mit Kassettenradio) hinterherrennen, da er seine Tasche auf der Rückbank vergessen hatte. Beide schlendern mit großem Hallo in Boxershorts zur Bank (bestehend aus einem heftig gestikulierenden Trainer, einem schlafenden Ersatzkeeper und Betreuer Horst). Da zu wenige Hosen vorhanden sind, kündigen sie an, diese bei einem Wechsel von einem anderen Spieler einzufordern. Die Beinfreiheit macht ihnen aber nichts aus, mit dem inzwischen aufgewachten Ersatztorhüter gehen sie ihre Performance vom letzten Abend nochmals durch. Sie geben sich selbst die Note 1, nur über die Anzahl der Sternchen herrscht noch Uneinigkeit.

Auf dem Nebenschauplatz plätschert das Spiel derweil vor sich hin. Torchancen sind auf beiden Seiten Mangelware, ausgenommen jene Aktion, als Kapitän und Rechtsaußen Kai den Ball mit einem Gewalteinwurf bis auf 15 Meter vor den Kasten des Auswärtsteams wirft. Doch der Torwart springt heraus, schmeißt sich drauf und rollt sich dreißigmal ab. "Torschuss, 20. Minute, Kai", notiert der Trainer auf seinem Zettel. In der Halbzeit wird er den heranziehen, um die Überlegenheit seiner Elf mit Zahlen zu untermauern.

"Wir müssen morgen alle noch arbeiten"

Tatsächlich kommt vom Auswärtsteam aus dem Nachbardorf nichts, von der Heimelf immerhin blöde Sprüche. Maik, der Urenkel von Günni, hat Zeit, eine Bratwurst mit viel Senf für nach dem Spiel bei Grillmeister Kalle zu bestellen, der die erste Ladung Fett hinter das Tor des gegnerischen Keepers gekippt hat. Dieser wiederum nutzt den schleppenden Spielverlauf, um selbst einen ersten Akzent zusetzen. Er weist nach einem leichten Rempler (Kevin gegen den Spieler mit der Nummer 10) den am Mittelkreis stehenden Schiedsrichter darauf hin, dass jener Spieler (Kevin) doch schon Gelb habe. Ist natürlich falsch, denn Kevin hat seine letzte gelbe Karte in der C-Jugend kassiert (Schwalbe). "Wir müssen morgen alle noch arbeiten, immer Derselbe", erinnert der Keeper mit Nachdruck und seine Stimme überschlägt sich. Auch einer von den drei Zuschauern der Gäste (bisheriger Saisonrekord) hat etwas beizutragen: "Wenn du dich bewegen würdest, könntest du das sehen, Schiri, der Drecksack geht rein wie auf Kalteisen." Auf dem Feld fordert Kevin seine Mitspieler auf, ihn zurückzuhalten, damit er dem Provokateur da draußen nicht an die Gurgel geht. Vorstand und Platzordner Herbert nutzt diesen Eklat, um dem sogenannten Fan unter Androhung der Polizei Platzverbot zu erteilen. "Ey, nach dem Spiel", schreit Kevin ihm hinterher.

Dann, zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit in Hälfte eins, der Schock! Hatte man das Spiel doch bei überlegenen 49,9% Ballbesitz und mit 14 von 61 angekommenen Pässen unter Kontrolle, tankt sich Carlos, der Stürmer der Gegner, ("der hat mal höher gespielt", "steht ständig in der Zeitung") bis zum Strafraum durch, wo er den voll durchziehenden, aber ein Luftloch schlagenden Libero Manni tunnelt und das Leder durch einen mittigen Schuss über den umknickenden Mittelfinger von Keeper Jannik hinweg in die Maschen bugsiert. "Bei uns hätte der früher keine zwei Minuten auf dem Platz gestanden, den hätten wir gefressen", winken die Old Boys ab, als sie den Halbzeitpfiff hören.

Auch Trainer Jens ist stinksauer. "Nur, weil wir unsere Chancen nicht nutzen", murmelt er vor sich hin. Dann schreit er seiner Mannschaft zu: "Wir gehen rein, in die Kabine!"

Der Autor: Tobias Sergeo

Tobias Sergeo

Tobias Sergeo, auch bekannt als "Kreisligalegende", betreibt die Social-Media-Seiten "Kreisligafußball - Das Bier gewinnt" auf Facebook sowie "Kreisligafussball.de" auf Instagram. privat

Tobias Sergeo ist Gründer und Inhaber der Social Media Seiten "Kreisligafußball - Das Bier gewinnt" auf Facebook sowie "Kreisligafussball.de" auf Instagram, mit aktuell zusammen über 800.000 Followern. Zudem verkörpert Sergeo als Partysänger die Kunstfigur "Kreisligalegende", mit der er u.a. in der Partyhochburg "Bierkönig" auf Mallorca auftritt.

Tobias Sergeo