2. Bundesliga

Nürnbergs Kapitän Hanno Behrens über Beschimpfungen, Ignoranz und neuen Mut

Der Club-Kapitän über Beschimpfungen, emotionale Distanz und neuen Mut

Behrens: "Man braucht zum Selbstschutz eine gewisse Ignoranz"

Hanno Behrens

Nachdenklicher Kapitän: Nürnbergs Hanno Behrens. imago images

Seit 2015 spielt der 29-jährige Mittelfeldakteur für die Franken und erlebte seither zunächst ein ständiges Auf und Ab - und in den letzten 16 Monaten eine dauerhafte Abwärtsentwicklung. "Es sind emotionale Jahre gewesen, der Aufstieg, die Bundesliga mit all den Ungerechtigkeiten, die uns da widerfahren sind, das zehrt natürlich an einem", sagt Behrens. "Erst recht, wenn es richtig schlecht läuft wie jetzt", führt der Kapitän der Nürnberger gegenüber nordbayern.de nachdenklich aus.

"Viele Komplikationen"

Im zurückliegenden Kalenderjahr gewann Nürnberg nur fünf Spiele - eines in der Bundesliga und vier in der 2. Liga. Der Frust bei den Spielern über diese miserable Ausbeute ist längst im ganzen Verein angekommen. Der neue Trainer im Sommer, Damir Canadi, entfachte keine Euphorie, es folgte ein durchwachsener Start, der sich in der zweiten Hälfte der Hinrunde unter dem neuen Coach Jens Keller zu einer handfesten Krise auswuchs. "Es gab viele Komplikationen", sagt Behrens. Auf weitere Details verzichtet er in seiner Rückschau. Aber so, wie die Nürnberger spielten, war unschwer zu erkennen, dass keine Mannschaft auf dem Platz stand.

Gerade einer wie Behrens, der beim Club die Rolle des Leaders und Kämpfers lange Zeit ausfüllte, muss dieser Verfall schmerzen. "Wenn man eines Tages unten drinsteckt, ist es schwer, da wieder herauszukommen", sagt er nur und bezieht dies auf die Erfahrungen in der Bundesliga wie jetzt eben auch. Der feine Unterschied zur Gegenwart: Die Anhänger standen eine Klasse höher hinter dem Team, das gegen den Abstieg kämpfte. Platz 16 im Unterhaus, 19 Punkte aus 18 Spielen - das liegt deutlich unter allen denkbaren Erwartungen beim fränkischen Traditionsverein. Stand jetzt ist auch Behrens' Standing bei den Fans weg, der "Sonnyboy und Hobbysurfer aus Elmshorn", der sich in den vergangenen fünf Jahren zum Fan-Liebling entwickelt hatte, ist mittlerweile auch nur noch einer, der sich nicht gegen Niederlagen gegen Aue, Wiesbaden stemmt oder Packungen wie das 1:5 gegen Bielefeld über sich ergehen lässt.

Ein paar Monate nach dem Aufstieg ist man dann auf einmal nicht nur als Fußballer, sondern auch als Mensch ein Versager, das kann ich nicht akzeptieren.

Hanno Behrens

So wurde Behrens zu einem Sinnbild der Nürnberger Krise. "Ich denke, dass wir als Mannschaft einfach kein gutes Halbjahr hatten, und dann sieht keiner gut aus. Im Kollektiv konnten wir nicht an unsere Leistungsgrenze kommen, mich eingeschlossen", zeigt sich Behrens (kicker-Notenschnitt 3,91) selbstkritisch. Vornehmlich in den sozialen Medien hagelte es für die gezeigten Leistungen viel Kritik. "Man wird oft beschimpft, auch unter der Gürtellinie, das geht an keinem spurlos vorbei, an mir auch nicht", sagt der bald 30-Jährige und ergänzt: "Ein paar Monate nach dem Aufstieg ist man dann auf einmal nicht nur als Fußballer, sondern auch als Mensch ein Versager, das kann ich nicht akzeptieren." Der von Behrens empfundene "fehlende Respekt" führte bei ihm zu einer gewissen "emotionalen Distanz", wie er selbst sagt und erklärt. "Man braucht zum Selbstschutz einfach eine gewisse Ignoranz."

Im Sommer klärt sich Behrens' Zukunft

Sein Vertrag läuft noch 30. Juni 2021, in diesem Sommer wird sich entscheiden, ob er diesen beim FCN erfüllt. Der Fokus ist aktuell aber auf Anderes gerichtet. "Wir möchten die Saison jetzt einfach nur möglichst schnell in die richtige Richtung bringen." Das Trainingslager in Marbella macht ihm dafür Mut, auch wenn er den 5:0-Sieg im Härtetest gegen ZSKA Sofia wegen einer Oberschenkelverhärtung verpasste. "Ich glaube, dass wir nach dieser Vorbereitung anders auftreten werden."

Für die Fans wäre das das Mindeste. Die erste Hürde gilt es beim Hamburger SV zu überspringen (Donnerstag, 30. Januar, 20.30 Uhr, LIVE! bei kicker).

bst

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