Bundesliga

Hertha BSC - Klinsmann will mehr Feuer und Giftigkeit

Hertha: Höchste Niederlage gegen Bayern seit 2012

Klinsmann will mehr Feuer und Giftigkeit

Jürgen Klinsmann

"Es ist schwer, ein ganzes Spiel lang zu verteidigen": Jürgen Klinsmann. Getty Images

In den ersten fünf Spielen unter dem Ende November als Nachfolger von Ante Covic installierten Klinsmann hatten die Berliner nur vier Gegentore kassiert - so viele wie am Sonntag gegen den Meister binnen 25 Minuten. Erst einmal zuvor hatte Klinsmann in seiner Karriere als Bundesligatrainer mit vier Toren Differenz verloren - bei Bayerns 1:5 in Wolfsburg am 26. Spieltag 2008/09. "Wenn du 0:1 oder 0:2 verlierst, hört sich das nicht so schlimm an, wie wenn du 0:4 verlierst", sagte der Berliner Coach am Tag nach der Pleite. "Eine Stunde sah es gut aus, da haben wir top dagegengehalten." Dann brachen gegen eine in der ersten Halbzeit arg unpräzise und uninspiriert auftretende Bayern-Mannschaft, die nach der Pause mehr Zug und Zielstrebigkeit zeigte, ohne zu glänzen, alle Dämme. "Hintenraus haben wir probiert, nach vorn etwas zu bewegen. Das Risiko war mir sehr wohl bewusst", sagte Klinsmann, der nach der Einwechslung von Rechtsaußen Marius Wolf auf 4-4-2 - mit Davie Selke und dem zuvor rechts postierten Dodi Lukebakio im Zentrum - umstellte. Unterm Strich stand Herthas höchste Niederlage gegen die Bayern seit dem 0:6 im März 2012 unter Otto Rehhagel, der seinerzeit am Tag nach dem Fiasko als Wahlmann bei der Wahl des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue weilte, nicht bei seiner angeknockten Mannschaft.

Am Montag verteidigte Klinsmann seinen gewählten Ansatz: "Ich bin halt mehr der Trainer, der sagt, ich probier's. Ob ich jetzt noch einen draufkrieg' oder nicht, dann schluck' ich's halt. Das ist einfach in mir drin, nicht zu sagen, ich ergeb' mich jetzt mit dem 0:2." Dass sein Team indes vom Anpfiff weg derart tief stand, war nur bedingt Teil des Plans, wie der Trainer einräumte: "Die Vorgabe war, die Viererreihe fünf oder zehn Meter nach der Mittellinie zu haben und ihnen (den Bayern, d. Red.) im Mittelfeld den Fight zu geben. Die Mannschaft hat sich in der ersten Halbzeit ein bisschen weit hinten reindrängen lassen."

Als die Bayern nach der Pause zwei Gänge hochschalteten, war ihre Führung nur eine Frage der Zeit. "In der ersten Halbzeit hat es ganz gut funktioniert. Da haben wir die Bayern nicht zu vielen Chancen kommen lassen", sagte Abwehrchef Dedryck Boyata, der sich die 5. Gelbe Karte einfing und am Samstag in Wolfsburg ausfällt. "Nach der Pause haben wir es ihnen zu leicht gemacht. Unsere Mannschaft ist fit, aber es ist schwer, ein ganzes Spiel lang zu verteidigen, wenn du gegen so einen starken Gegner spielst." Zumal die dringend benötigte Entlastung nahezu ausblieb. Im Spiel nach vorn legte "diese irre blasse Hertha" (Süddeutsche Zeitung) nie ihre Zaghaftigkeit ab. Zwei Halbchancen von Davie Selke (21., 67.), dazu die hundertprozentige Möglichkeit für Joker Pascal Köpke (85.) - das war der kümmerliche Offensiv-Ertrag. Im Hinspiel unter Covic hatte Hertha in München ein 2:2 geholt, unter Covic-Vorgänger Pal Dardai war in der Vorsaison sogar ein 2:0-Heimsieg gegen die Münchner gelungen.

Hertha sucht Verstärkung für die Offensive

Inzwischen hat sich auch im Klub selbst die Erkenntnis verfestigt, dass nach vorn seit Wochen arg wenig geht - zu wenig. "Uns hat ein bisschen der Glaube gefehlt, der Mut, nach vorn mehr zu bewegen, und natürlich auch die Giftigkeit, die du haben musst, wenn du gegen eine Mannschaft spielst wie den FC Bayern. Wir haben uns auch ein bisschen mehr Feuer gewünscht", sagte der frühere Weltklasse-Stürmer Klinsmann am Montag. "Wir wünschen uns, dass sich die Mannschaft mehr Mut zuspricht und mehr zutraut und dass nach vorn mehr passiert."

Womöglich kommt nach dem defensiven Mittelfeldspieler Santiago Ascacibar (11 Millionen Euro Ablöse, VfB Stuttgart), der gegen die Bayern und seinen Gegenspieler Philippe Coutinho ein ordentliches Debüt ablieferte, noch eine Winter-Verstärkung für die lahmende Offensive. "Wir sind am Arbeiten. Wenn wir noch etwas finden im offensiven Bereich, würde uns das natürlich enorm helfen", so Klinsmann. Prominenz ist für ihn dabei kein Kriterium: "Es geht um Qualitätsverbesserung. Wenn etwas machbar ist, wäre das eine schöne Sache. Wenn nicht, ist es auch überhaupt kein Problem."

Klinsmann bleibt chronisch optimistisch

Abseits der Transferfront will Klinsmann, dass sein Team "schnell aus den Fehlern lernt, die wir zuletzt gegen gute Mannschaften gemacht haben, und das so schnell wie möglich in Punkte umsetzt gegen Mannschaften, die in einer ähnlichen Situation sind wie wir". Mittelfeldspieler Marko Grujic nannte das Ergebnis gegen die Bayern "einen Schlag ins Gesicht für uns", Angreifer Selke sah in der Abfuhr zum Rückrundenstart "keinen Dämpfer". Die Interpretationen gingen mithin ein ganzes Stück auseinander. Klinsmann freilich bleibt chronisch optimistisch. Seine ans eigene Team adressierte Botschaft nach dem 0:4 gegen den Klub, dem er einst als Spieler und später als Trainer diente, klang unmissverständlich: "Das ist absolut gar kein Beinbruch."

Steffen Rohr

kicker.tv-Hintergrund

Klinsmanns Mission bei Hertha "ist ein Nervenkitzel"

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