Bundesliga

Schiedsrichter Gräfe kritisiert: "Es geht immer noch zu wenig nach Leistung"

Der Top-Referee über Führung, Fitness und Fehlentwicklungen

Schiedsrichter Gräfe kritisiert: "Es geht immer noch zu wenig nach Leistung"

Kritisiert den VAR und die Schiedsrichter-Förderung: Referee Manuel Gräfe, hier mit Dortmunds Marco Reus.

Kritisiert den VAR und die Schiedsrichter-Förderung: Referee Manuel Gräfe, hier mit Dortmunds Marco Reus. imago images

"Es wird jetzt anders geführt als zu Zeiten von Hellmut Krug und Herbert Fandel. Das ist ein Fortschritt. Die Atmosphäre ist entspannter, wir sind in vielen Bereichen professioneller geworden", erklärt Manuel Gräfe in Bezug auf den seit 2016 als Sportlicher Leiter der DFB-Elite-Schiedsrichter amtierenden Lutz Michael Fröhlich. "Aber für mich geht es immer noch zu wenig nach Leistung. Dieses Anreiz-Prinzip, dass sich Leistung positiv und negativ auch in der Anzahl der Ansetzungen bemerkbar macht, greift leider immer noch nicht. Es geht aus meiner Sicht zu oft immer noch nach Politischem, Regionalem oder Persönlichem."

Es geht aus meiner Sicht zu oft immer noch nach Politischem, Regionalem oder Persönlichem.

Manuel Gräfe

Die Bundesliga-Profis hatten in der exklusiven Spieler-Umfrage des kicker in der Winterpause Gräfe zum sechsten Mal in Folge zum besten Bundesliga-Schiedsrichter gekürt. In der Hinrunde war der Sportwissenschaftler, der am Samstag das Spiel zwischen dem FC Augsburg und Borussia Dortmund pfiff, nur in sechs Bundesliga-Spielen zum Einsatz gekommen. Sechs Spiele seien "sicher deutlich zu wenig", sagt Gräfe. "Ich verstehe, dass alle gefördert werden sollen - aber dazu gehört auch die Förderung der Top-Schiedsrichter. Gute Schiedsrichter-Leistungen helfen dem deutschen Fußball. Also sollte man seine besten Leute losschicken."

Das wichtigste: Spielmanagement und eine hohe Entscheidungsqualität

Zugleich moniert Gräfe die in seinen Augen zunehmend übertriebene Ausrichtung auf den Fitness-Aspekt bei der Entwicklung der Unparteiischen: "Fitness war das kleinste Problem der deutschen Schiedsrichter in den vergangenen 15 Jahren." Stattdessen müsse man dahin kommen, "dass die Schiedsrichter wieder mehr den fußballerischen Gesamtblick bekommen". Gräfe: "Ein ganzes System von 60.000 Schiedsrichtern wird in Deutschland immer mehr nach den Anforderungen ausgerichtet, die unsere fünf bis zehn Top-Schiedsrichter, die es zu UEFA- oder FIFA-Wettbewerben schaffen, erfüllen müssen. Das Wichtigste für einen Schiedsrichter sind das Spielmanagement und eine hohe Entscheidungsqualität. Das kommt mir zu kurz."

Gräfe fordert mehr Transparenz beim VAR und "zwei Challenges"

Beim VAR fordert Gräfe eine Weiterentwicklung: "So, wie es jetzt läuft, gefällt es den Leuten nicht. Wir Schiedsrichter stehen zu oft im Mittelpunkt der Berichterstattung, das gefällt uns selbst auch nicht. Die Technik wird sicher bleiben, aber man muss im dritten Jahr nach der Einführung des VAR Anpassungen vornehmen. Man kann die Schiedsrichter immer weiter schulen, aber ihre Perfektionierung stößt irgendwann an Grenzen. Also sollte man über die systembedingten Probleme des VAR reden."

Gräfe plädiert für die Einführung von "zwei Challenges pro Trainer pro Spiel" und fordert mehr Transparenz: "Man muss die Zuschauer im Stadion und an den Bildschirmen mitnehmen. Wenn ich rausgehe, mir die Szene am Spielfeldrand anschaue und meine Entscheidung über Headset meinen Kollegen mitteile, muss ich sie auch den Fans im Stadion mitteilen können. So schaffst du Klarheit für Zuschauer und Medien. Wenn man als Zuschauer nach Hause geht und unaufgeklärt bleibt, senkt das die Attraktivität des Stadionerlebnisses."

Gräfe sieht Grenzen beim VAR

Gräfe spricht sich dafür aus, "die Verantwortung wieder mehr beim Schiedsrichter auf dem Feld zu belassen", und betont: "Es soll nicht um die bessere Entscheidung gehen, die man korrigiert, sondern um die klare Fehlentscheidung." Der VAR greife "tendenziell zu oft" ins Spiel ein. Gräfe deutlich: "Wir wollen das besser machen, wir können das auch besser machen. Aber klar ist auch: Es gibt Grenzen für den VAR. Dessen Einführung hat bei vielen Beteiligten auch wegen des Ausdrucks 'Video-Beweis' unrealistische Erwartungen geweckt. Fußball wird nie ohne Fehler sein, auch nicht vom Schiedsrichter."

Steffen Rohr

Im großen Interview der Montagsausgabe bezieht Gräfe zudem Stellung zur Handregel, zu fehlenden Typen, der Altersgrenze und Gewalt gegen Referees, darüber hinaus erklärt er, warum er über Jahre intern und extern immer wieder Missstände im Schiedsrichterbereich des DFB angesprochen hat.