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Kreisliga-Kolumne: Zwischen altem Fett und Eye of the tiger

Gast-Kolumne: Warum die Kreisliga so wunderbar ist (2/4)

It's the thrill of the fight!

Steak auf dem Grill

Darf auf keinem ordentlichen Sportplatz fehlen: Herzhaftes vom Grill. imago images

Statt 37 sind 34 Zuschauer zum Derby gegen das Nachbardorf gekommen. Weil der Sohn gesperrt ist, ist auch Klaus mit seiner Frau zuhause geblieben. Und Peters Oma feiert 90. Dennoch: Beim Anblick der Massen auf den drei maroden Holzreihen, die der Vorstand Tribüne nennt, wird den Grünschnäbeln im Team fast schlecht. Furchteinflößend wie Minas Morgul! Und tatsächlich rumort auch in einem selbst das Sodbrennen im Bauch, brodelt den Rachen hoch, scharf und feurig wie bei Smaug, dem Drachen.

Asche auf dem Grill, altes Fett in der Nase

Doch schon eilt die Duftmischung aus altem Fett, Bratwurst und Zigarettenrauch durch die Nase und pfropft von oben auf die Magensäfte. Das Gleichgewicht der Kräfte ist hergestellt! Weil der Schiedsrichter auf sich warten lässt, schweift der Blick über die würdevolle Szenerie. Fleischermeister Karl ascht am Grill auf die Nackensteaks, Tommy (vorbestraft) und der Vorstand verheddern sich routiniert beim Anlegen der Ordnerbinden. Und Betreuer Horst leert am Wasserhahn des Schuhputzeimers (kein Trinkwasser) gerade die Plastikflaschen von den Resten der Vorwoche und füllt sie liebevoll neu auf. Als gewissenhafter Leser sportwissenschaftlicher Fachliteratur weiß Horst, dass man gar nicht genug Magnesium (Orangengeschmack) zu sich nehmen kann.

Manni, Urgestein und Publikumsliebling der Ü70-Fraktion, der schon Libero spielte, als noch kein Libero erfunden war, prüft nochmal den Sitz seiner Eisenstollen, während er gleichzeitig alle zusammenscheißt, bloß nicht wieder klein-klein zu spielen. Multitasking ist in der Kreisliga extrem wichtig, wie sonst könnte sich der Torhüter 80 Minuten des Spiels mit den Zuschauern unterhalten und dennoch aus einem Kilometer erkennen, dass sein Stürmer deutlich nicht im Abseits stand? Das sind einfach Skills, die man braucht!

Als Letzter aus der Kabine kommt Jahrhunderttalent Kevin, der nun seit etwa anderthalb Jahren bei den Senioren spielt und, so raunt man respektvoll, in der A-Jugend mal einen Freistoß knapp übers Tor geschossen hat. Er musste sich erst noch seine kürzlich erworbenen Adidas Nemeziz Messi 18.1 FG in Orange/Silber/Blau tapen. Die waren im örtlichen Sportfachgeschäft reduziert auf 157,95€. Ein fairer Preis, wie Kevin als Verfechter der Markttheorie weiß. Er hat mal gehört, dass die Teile auf jeden Fall noch bis zum Winter halten, wenn er sie im Wechsel mit seinen anderen sieben Paaren trägt. Das fällt zwar schwer, denn die hier passen, wie er findet, am besten zu den Heimtrikots, aber er ist vernünftig. Dennoch kassiert er regelmäßig eine Standpauke von Manni: "Meine Copa in Schwarz halten ein Leben lang, musst du nur richtig mit Schuhwichse pflegen, Bursche! Und falls du es noch nicht weißt: Früher hätten wir solche wie dich aus den bunten Schuhen geschrubbt".

Keine Ringe, keine Piercings, kein Meckern

Mittlerweile ist auch der erfahrene Schiedsrichter an der Seitenlinie eingetroffen. Die 50 Meter von der Umkleide reichen und er schnauft wie eine Dampflok. Seinem Mofa (Hercules Prima 5s mit manueller Schaltung und Originalsattel) ist unterwegs die Kette rausgesprungen, weshalb er sich mit festem Händedruck bei jedem persönlich für die Verspätung entschuldigt. Die Passkontrolle werde auf die Halbzeit geschoben, "ich hab‘ da schon ein paar Sachen gesehen, die mir nicht gefallen", sorgt er jetzt schon für gute Laune. Das Hauptanliegen seines Lebens aber ist, dass alle Spieler Ringe, Ketten und Piercings entfernen. Abkleben reicht ihm nicht. Außerdem mahnt er noch etwas respektvoll an: "Der einzige, der spricht, bin ich! Bei Ballwegschießen, da machen wir nicht lange rum, geht's sofort runter! Und Meckern mag ich gar nicht, derjenige kann auch gleich mit dem Duschgel kuscheln." Dann spaziert er mit dem Ball auf seinem Bauch an die Spitze des Zuges. "Und alle Trikots in die Hose", brüllt er noch.

Dann wird's ernst: Aus der Anlage von 1992, die der erste Vorsitzende höchstpersönlich aus seinem privaten Fundus entbehrt hat (gegen Spendenquittung), krächzt der Einlaufsong.

It's the eye of the tiger, it's the thrill of the fight, risin‘ up to the challenge of our rival.

So ergreifend! Man will mitsingen, aber weiß, dass man möglichst ernst dreinschauen muss. Aber den thrill of the fight spürt man auch so ganz tief in sich, vor allem, da die Boxen diesmal nur kurz streiken. Was ein Spektakel! Zeit, zum Helden zu werden! An der Mittellinie angekommen, winkt man in Richtung Tribüne, dort wo 12 der 33 Zuschauer (Stefan ist heim, er hat vergessen, dass Formel 1 läuft) klatschen. Einer hat eine Tröte dabei und bläst sogar hinein. So muss es in der Champions League sein! Wobei, in der Champions League sind auf beiden Seiten Tribünen und hier nur dichter Wald, vor dem nie auch nur eine verlorene Seele steht. Dennoch: Auch hier wird die Hand zum Gruß gehoben, Bäume haben auch Gefühle.

Der Countdown counted down, der Puls rised up to the challenge of our rival: Shake Hands mit dem Gegner, Handflächen klatschen schwitzig-cremig ineinander. Dem Keeper streckt man nur eine Faust hin. Er ist nicht nur elegant wie ein Kanalrohr, seine Handschuhe riechen auch so. Nun ist auch der Münzwurf entschieden, die Seiten werden auf Wunsch des Kapitäns der Gastmannschaft nochmal getauscht. Pure Provokation! Während man sich auf dem Weg in die andere Hälfte kurz verläuft, werden mit den Stollen schon mal die Schienbeinschoner abgetastet.

Tobias Sergeo

Tobias Sergeo, auch bekannt als "Kreisligalegende", betreibt die Social-Media-Seiten "Kreisligafußball - das Bier gewinnt" auf Facebook sowie "Kreisligafussball.de" auf Instagram. privat

Noch einmal den Stutzen gerichtet, noch zweimal mit angezogenen Knien in die Luft gesprungen, noch dreimal jemanden "Konzentration!" kreischen hören, dann ertönt ein gellender Pfiff: Der Kreisliga-Classico geht los! Tatsächlich strömen noch zwei neue Zuschauer herbei. Ein Ehepaar, das fragt, warum das Sportheim zu ist.

Der Autor: Tobias Sergeo

Tobias Sergeo ist Gründer und Inhaber der Social Media Seiten "Kreisligafußball - Das Bier gewinnt" auf Facebook sowie "Kreisligafussball.de" auf Instagram, mit aktuell zusammen über 800.000 Followern. Zudem verkörpert Sergeo als Partysänger die Kunstfigur "Kreisligalegende", mit der er u.a. in der Partyhochburg "Bierkönig" auf Mallorca auftritt.

Tobias Sergeo