Handball

Gensheimer, Kühn und die Keeper: Erkenntnisse nach dem Lettland-Spiel

DHB-Coach Prokop verweist auf die Verletzungssorgen

Gensheimer, Kühn und die Keeper: Erkenntnisse nach dem Lettland-Spiel

Was war gut, was war schlecht? Das deutsche Team nach dem Spiel gegen Lettland.

Was war gut, was war schlecht? Das deutsche Team nach dem Spiel gegen Lettland. picture alliance

In kaum einer Sportart ist ihre Leistung so ausschlaggebend: Torhüter können Handball-Spiele quasi im Alleingang gewinnen, stehen immens oft im Fokus. Aktuell wäre es dem deutschen Duo wohl lieber, von ihnen würde nicht so viel abhängen. Denn die Schlussmänner sind die größte Achillesferse im deutschen Team.

Die Torhüter müssen sich immens steigern

Weder Andreas Wolff noch Johannes Bitter hinterlassen aktuell den Eindruck, als könnten sie eine Matchwinnerrolle einnehmen - eher das Gegenteil. Vor allem Wolffs Leistungen geben Rätsel auf. Hatte er beim 34:23 gegen die Niederlande noch eine klasse Quote von 39 Prozent gehaltener Bälle vorzuweisen, hielt er gegen Spanien (26:33) einen Wurf von 16. Gegen Lettland durfte er in der Schlussphase ran, bekam sechs Abschlüsse auf das Tor. Wolff hielt keinen einzigen, Letten-Star Dainis Kristopans scheiterte beim Stand von 25:27 am Pfosten. Sofern sie auf das Tor kamen, landeten die vergangenen 21 Würfe auf Wolffs Kasten allesamt im Netz.

"Wir hatten das Spiel bis zur 48. Minute gut im Griff, aber dann haben wir aus dem Tor nicht mehr so viel Unterstützung gekriegt, und es wurde noch richtig eng", legte Trainer Christian Prokop den Finger in die Wunde. Der "Leit-Wolff", der bei der gewonnenen EM 2016 noch den Lautsprecher gab und schon vom Titel sprach, als der noch pure Utopie war, hat sich inzwischen einen Maulkorb verpasst. "Er hat sich mit Sicherheit einen anderen Job vorgestellt", so Prokop. Auch er selbst habe durch Wolffs Einwechslung in der zweiten Halbzeit gegen Lettland darauf gehofft, "dass er uns noch einmal ein, zwei Paraden gibt, sodass wir sicherer in die Schlussphase kommen". Das Gegenteil war der Fall.

Wir brauchen jetzt auch die überragende Leistung der Torhüter.

DHB-Vizepräsident Bob Hanning

Nicht viel besser ergeht es Johannes Bitter. Gegen Spanien wusste er nur in der ersten Hälfte ansatzweise zu überzeugen, gegen Lettland steht eine Quote von 19 Prozent in der Statistik (5/26). Viel zu wenig für die Ansprüche des Weltmeisters von 2007, der seine überraschende Nominierung bislang nicht rechtfertigen konnte. Immerhin, Bitter redet noch: "Auch ich habe mich nicht richtig freischwimmen können. Gefühlt war das alles ein bisschen verkrampft", sagte der 37-Jährige. Prokop gibt Rückendeckung: "Ich mache mir keine Sorgen", sagte er mit Blick auf die Hauptrunde. "Ich bin mir sicher, dass die beiden einen guten Job machen werden."

Uwe Gensheimer hat einen Schritt nach vorn gemacht

Einen deutlich besseren Job als im bisherigen Turnierverlauf machte Uwe Gensheimer. Der Kapitän versiebte den ersten Wurf, ließ sich davon jedoch nicht verunsichern und versenkte seine weiteren vier Würfe allesamt. 160 Sekunden vor Schluss setzte er sich auf Linksaußen mit einem Überzieher gegen den ersten und mit einem "Spin Move" gegen den zweiten Gegenspieler durch und versenkte den Ball aus nicht allzu günstigem Winkel mit einem Aufsetzer zum 28:25. Ein Treffer, der letztlich spielentscheidend sein sollte. Gensheimer hatte das getan, was von ihm erwartet wird: Verantwortung in einer entscheidenden Situation übernommen.

"Auch wenn wir jetzt noch keine Topleistung gezeigt haben, oder vielleicht auch gerade deshalb: Wir haben Bock, das zu zeigen", sagte Gensheimer. "Wir haben trotzdem das Ziel, ins Halbfinale zu kommen." Doch das ist nur realistisch, wenn der 33-Jährige an dieser Leistung anknüpft und noch mehr in die Führungsrolle schlüpft - zumal mit Wolff der "Aggressive Leader" komplett weggebrochen ist.

Julius Kühn kann zum Chef im Rückraum werden

Was bislang beim DHB-Team ebenfalls fehlte, war die Durchschlagskraft im Rückraum. Julius Kühn hat nicht nur gegen Lettland gezeigt, dass er Abhilfe schaffen kann. Die ersten acht Würfe des Halblinken von der MT Melsungen saßen allesamt, ehe er sich seinen einzigen Fehlwurf leistete. Kühn scheut keine Verantwortung, sowohl bei der doppelten Unterzahl in der Schlussphase als auch in den letzten Sekunden nahm er sich die Aktion. Gegen Spanien war der 26-Jährige nur 8:46 Minuten eingesetzt worden und hatte in dieser Zeit seine beiden Würfe verwandelt. Auch gegen die Niederlande war seine Quote beachtlich (4/5). Insgesamt hat der 1,98-Meter-Hüne 14 seiner 16 Würfe versenkt. "Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen", sagte Kühn nach dem Lettland-Spiel: "Auch so ein Spiel muss man erstmal gewinnen, letztlich konnten wir das Ding dann doch noch nach Hause schaukeln." Daran hatte Kühn gewaltigen Anteil.

Dem DHB-Team fehlt es an Leichtigkeit und Alternativen

Doch mit "nach Hause schaukeln" ist es nicht getan. Dass Deutschland einen Sieben-Tore-Vorsprung 19 Minuten vor Schluss gegen einen EM-Neuling beinahe verspielt, sagt eigentlich alles aus. Es zeigt die Verunsicherung, die sich breitgemacht hat im deutschen Team. "Wir haben gedacht, der Sack ist schon zu und haben ein bisschen heruntergefahren", sagte Gensheimer und ließ damit aufhorchen. "Herunterfahren" sollte das Prokop-Team nun wirklich nicht mehr, das hat sie bei dieser EM schon viel zu oft getan. Ein satter Sieg gegen Lettland hätte der angeknacksten Psyche geholfen, so bleiben große Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Europameisters von 2016. Die Leichtigkeit geht der einst als "Bad Boys" bezeichneten Mannschaft größtenteils ab.

Laut Prokop liegt das auch an den Verletzungssorgen. "Natürlich sieht man auch, dass wir noch nicht in den Leistungssphären sind, die man für ein Halbfinale bräuchte", sagte Prokop. Man sehe, dass die Mannschaft Defizite habe. "Das ist auch nicht unerklärlich. Wir haben einige Absagen." Und: "Das ist jetzt nicht überall erste Wahl auf den Positionen, das ist klar. Aber das sind gute Jungs." Auch Gensheimer deutete die Verletzungsproblematik an: Als Mannschaft sei man "leider noch nicht so weit - zumindest in dieser Konstellation - wie wir uns das vorgestellt haben nach der Vorbereitung". Vor allem auf Halbrechts fehlt eine schlagkräftige Alternative. Kai Häfner traf keinen seiner vier Würfe, schon gegen Spanien (3/8) war ihm nicht viel gelungen. Im Vorfeld der EM hatten die Rückraumspieler Steffen Weinhold, Fabian Wiede (beide Halbrechte), Tim Suton, Simon Ernst und Martin Strobel allesamt absagen müssen.

Christoph Laskowski