Bundesliga

Tah im Interview: "Das stört alle, auch den Trainer"

Der Nationalspieler über den Stammplatzverlust, die EM und verpasste Chancen

Tah im Interview: "Das stört alle, auch den Trainer"

Jonathan Tah

Erwartet mehr von sich: Jonathan Tah über Leverkusen und das DFB-Team. imago images

Herr Tah, Sie haben ein wechselhaftes Jahr hinter sich. Wie bewerten Sie die Hinrunde?

Ich erwarte mehr von mir selbst. Es waren Spiele dabei, in denen ich unkonzentriert war und mir die eine oder andere Sache passiert ist. Ich muss wieder konstant auf mein bestes Niveau kommen. Das ist das Ziel.

Warum haben Sie in der Hinrunde nicht Ihre Topform der Rückrunde erreicht?

Ich muss mich wieder mehr für die Sachen sensibilisieren, die ich vorher gut gemacht habe. Auch im Training.

Zum Beispiel?

Ich muss auch im Training aggressiver sein, giftiger. Das erleichtert mir viel. Dann kommt man ganz anders ins Spiel rein.

Welche Rolle spielte der vollgepackte Sommer mit A-Nationalmannschaft und U-21-Europameisterschaft?

Ich bin kein Freund davon, Ausreden zu suchen. Es liegt an mir selber. Natürlich war das intensiv. Vor allem für den Kopf. Da habe ich ein wenig länger gebraucht, wieder ein Spiel auf höherem Niveau zu machen. Das ist aber nur phasenweise gelungen. Da waren immer ein paar Wackler dabei. Ich erwarte mehr von mir.

Es hat mir gutgetan, dass er mich da draußen gelassen hat.

Tah über seinen kurzzeitig verlorenen Stammplatz

Peter Bosz hat Sie in zwei Phasen der Hinrunde kurzzeitig nicht für die Startelf nominiert, obwohl Sie nicht verletzt waren. Beschreiben Sie diese für Sie neue Erfahrung in Leverkusen.

Der Trainer hat an mich die Erwartung, dass ich Verantwortung übernehme. Und es ist richtig, dass er das fordert. Es hat mir gutgetan, dass er mich da draußen gelassen hat. Die zwei Phasen waren Gott sei Dank nicht extrem lang, aber es hat mich schon genervt. Weil ich es nicht so kannte. Das hat mich angestachelt. In den Spielen danach war ich viel aggressiver und auch im Training viel giftiger. Ich muss es schaffen, das immer zu haben.

Offensiv halten Sie sich ziemlich zurück. Sie könnten in dieser Hinsicht viel mehr machen. Warum geschieht das so selten?

Wenn du das Gefühl hast, dass es nicht gut läuft, spielst du nicht mit so viel Selbstbewusstsein. Das ist einfacher, wenn du jeden Zweikampf gewinnst, als wenn du denkst: Boah, ich bin immer einen Schritt zu spät. Ich glaube, dass es an der Gesamtsituation lag. Ich weiß, dass ich das kann. Das habe ich schon oft gezeigt. Ich muss es einfach wieder reinkriegen und öfter machen. Definitiv!

Haben Sie nicht diese absolut breite Brust?

Ich bin schon ein selbstbewusster Typ, betrete nie in einen Raum und gehe geduckt. Ich strahle das schon aus, aber natürlich fühle ich mich auch mal schlecht. Es wird ein wichtiger Schritt in meiner Entwicklung sein, dass ich - auch wenn ich vielleicht mal nicht bei 100 Prozent bin - trotzdem mit breiter Brust vorangehe.

Mit welchen Zielen gehen Sie persönlich in die Rückrunde?

Ich möchte Leader sein, Verantwortung übernehmen. Das habe ich schon gezeigt. Und das muss ich wieder auf den Platz kriegen.

Ich kann jetzt im Klub in der Rückrunde beweisen, dass der Bundestrainer und mein Vereinstrainer mir vertrauen können.

Tah über seine Rolle im DFB-Team

Sehen Sie Ihr EM-Ticket in Gefahr oder gehen Sie davon aus, sicher dabei zu sein?

Sicher sein sollte man sich nie, aber man sollte sich auch nicht verrückt machen lassen. Erstmal spiele ich hier, damit wir mit Bayer 04 Erfolg haben, dann regelt sich das mit der Nationalmannschaft von alleine. Ich kann jetzt im Klub in der Rückrunde beweisen, dass der Bundestrainer und mein Vereinstrainer mir vertrauen können.

Antonio Rüdiger und Niklas Süle haben sich schwer verletzt, Mats Hummels spielt bei Joachim Löw derzeit keine Rolle. Einzig Gladbachs Matthias Ginter präsentiert sich gut. Wie sehr wurmt es Sie, dass Sie das entstandene Vakuum auf dieser Position für sich nicht genutzt haben?

Jonathan Tah

Für das DFB-Team im Einsatz: Jonathan Tah gegen Nordirland. imago images

Auch wenn ich die beste Hinrunde meines Lebens gespielt hätte, hätte ich jetzt nicht sagen können: Hier bin ich, hier kriegt mich keiner mehr weg. Man muss immer gute Leistungen bringen - im Verein und beim DFB.

Bayer ist in der Gruppenphase aus der Champions League ausgeschieden und muss in der Liga um die erneute Qualifikation für die Königsklasse bangen. Wünschen Sie sich mal mehr als nur ein Intermezzo auf der großen europäischen Bühne?

Wir waren in den vergangenen Jahren bis auf eine Ausnahme immer im Europapokal dabei. Aber es ist richtig, dass das Potenzial da ist, mehr zu erreichen und wir es nur punktuell genutzt haben. Dieses Jahr war es auch so. Du verpennst das erste Spiel zu Hause gegen Moskau, rennst dann die ganze Zeit hinterher und scheidest am Ende aus. Das stört alle, auch den Trainer. Weil er weiß, was wir können, es aber nicht gezeigt haben.

Wie sehr nervt Sie das?

Natürlich nervt das, aber es ist schwer, den einen ausschlaggebenden Grund zu finden.

Vergangene Saison hat Bayer 04 in der Rückrunde 34 Punkte geholt und noch die Königsklasse erreicht. Ist so eine Aufholjagd beliebig wiederholbar?

Kai kann immer noch dasselbe wie vorher.

Tah über die schwächere Hinrunde von Kai Havertz

Beliebig sicherlich nicht. Ich glaube aber, dass es möglich ist. Definitiv. Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass es möglich ist, wenn wir das abrufen können, was in uns steckt. Doch es bringt nichts, nur darüber zu reden.

Wie schätzen Sie die Chancen für Bayer auf Platz 4 ein?

Es ist komplett offen. Es liegt allein an uns.

Wen kann Bayer am ehesten einholen: Den BVB, der nur zwei Punkte weg ist, die Bayern, die fünf mehr haben oder doch eher Gladbach, die schon sieben Zähler voraus sind?

Wir tun gut daran, nur auf uns zu schauen. Wir müssen alles aus uns rausholen, dann werden wir die nötigen Punkte holen.

In der Hinrunde schien Bayer auf einem guten Weg, hatte in den Spielen gegen Atletico, in Moskau und München sowie gegen Schalke sich auch durch schwierige Phasen in diesen Partien durchgekämpft. Hat sich die Mannschaft in Sachen Widerstandsfähigkeit verbessert oder war dies nur eine Momentaufnahme wie die Niederlagen danach in Köln und gegen Hertha BSC es vermuten lassen?

Ich glaube schon, dass wir uns in den Partien in puncto Effektivität entwickelt haben. Zuvor hatten wir eine Phase, als es umgekehrt lief. Da hatten wir 70 Prozent Ballbesitz und eine Vielzahl von Tormöglichkeiten, konnten die aber nicht ausreichend nutzen.

Bayer hat nicht so spektakulär wie in der Rückrunde der Vorsaison gespielt. Wie sehr fehlt Julian Brandt?

Er war ein wichtiger Spieler für uns. Er wird auch in der Nationalelf eine wichtige Rolle spielen. Aber er ist nicht mehr da, und wir haben viele Spieler, die auf andere Art und Weise uns in der Offensive helfen können. Wir haben einen super Kader.

Auch für Kai Havertz scheint es ohne Brandt schwieriger zu sein.

Ich weiß nicht, ob das so ist. Natürlich verstehen sie sich auch privat sehr gut. Aber Kai kann immer noch dasselbe wie vorher.

Sportdirektor Simon Rolfes hat die Wechselhaftigkeit der Leistungen moniert. Ist angesichts dieser Schwankungen in der Hinrunde überhaupt ein Erfolg im DFB-Pokal oder in der Europa League möglich?

Die Schwankungen sind Vergangenheit. Die Hinrunde ist vorbei. Und gerade im Pokal braucht man nicht auf das schauen, was war. Wir sind weitergekommen. Es geht darum, Spiele zu gewinnen. Natürlich ist es möglich, in beiden Wettbewerben sehr weit zu kommen.

Ist für Sie ein Wechsel im Sommer vorstellbar, um wie es Bernd Leno 2018 mit seinem Wechsel zum FC Arsenal getan hat, einen neuen Reizpunkt für sich persönlich zu setzen?

Klar ist das irgendwann denkbar. Doch jetzt denke ich nicht darüber nach. Ich muss erstmal schauen, dass ich wieder auf mein Niveau komme, und mit meiner Leistung dafür sorgen, dass wir Erfolg haben.

Interview: Stephan von Nocks