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NFL: 55 Touchdowns in einer Saison: Derrick Henry ist die Walzmaschine

Running Back der Tennessee Titans überzeugt am laufenden Band

55 Touchdowns in einer Saison: Henry ist die neue Walzmaschine der NFL

Mit 2:4 waren die Tennessee Titans noch mit Quarterback Marcus Mariota in die Regular Season gestartet. Doch dann war Schluss, die Geduld mit dem 26-jährigen Second-Overall-Pick von 2015 (13.207 Yards, 76 Touchdowns und 44 Interceptions in 63 Partien) aufgebraucht. Also schickte Head Coach Mike Vrabel den vor der Spielzeit aus Miami gekommenen Ryan Tannehill aufs Feld - und der 31-Jährige lieferte konstant ab. Nach sieben Siegen bei nur drei Niederlagen lief das Team aus Nashville mit einer Bilanz von 9:7 ins Ziel ein und erreichte so die Play-offs. Und der Dank galt natürlich zu großen Teilen Tannehill, der sich nach seiner Dolphins-Zeit schon auf dem Abstellgleis befunden hatte und nun eine Art Wiedergeburt durchlebt.

Doch es gibt noch einen zweiten Mann, dem groß gedankt wird: Derrick Henry. Der Running Back nämlich ist das passende Puzzleteile, was für reihenweise Kopfzerbrechen bei den Gegnern sorgt. Denn stets müssen sich die Kontrahenten der Titans entscheiden: mehr in die Laufverteidigung investieren, um dann Pässe von Tannehill zum Beispiel auf den starken Rookie-Receiver A.J. Brown zu kassieren? Oder eben mehr Zuspiele verhindern, nur um dann zwangsweise Platz für Henry freizulassen?

Über 100 Kilogramm pure Masse

Denn eines ist klar: Wenn dieser Henry nach der Ballübergabe im Backfield ein, zwei Schritt Anlauf nehmen kann, dann kracht eine schier unaufhaltbare Masse von über 110 Kilogramm bei 1,91 Meter Körpergröße auf einen ein.

Das Erstaunliche dabei ist aber, dass der inzwischen 26-jährige Läufer nicht nur gerade läuft. Er versteht es auch, mit schnellen Bewegungen kleinere Lücken zu erspähen, abzukappen, Körpertäuschungen zu setzen oder seinen brachialen Stiff Arm einzusetzen, mit dem anstürmende Gegner in bester "Beast Mode"-Manier weggestoßen werden.

Derrick Henry ist Running Back bei den Tennessee Titans.

Nur ganz schwer aufzuhalten und einer der Top-Spieler in den Play-offs der NFL 2020: Running Back Derrick Henry. imago images

"Er ist ein körperliches Phänomen, er läuft gut mit dem Ball. Ein guter Kerl, ein harter Arbeiter. Es macht Spaß zu sehen, wie er Erfolg hat", sagt Panthers-Star Christian McCaffrey über seinen Berufskollegen. "Er hat einen guten Blick. Für seine Größe sieht er die Dinge gut. Er hat gute Schnelligkeit. Er findet schnell in den Raum und ist schwer zu fassen, aber er ist auch sehr stark und kraftvoll. Als Läufer kann er wirklich alles", findet zum Beispiel Patriots-Trainer Bill Belichick, der das Ausmaß des Könnens hautnah erleben musste. Denn am vergangenen Wild-Card-Wochenende beim 13:20, als tatsächlich rund um Foxborough (Massachusetts) ein Wettersturm namens Henry die Runde machte, strich der NFL-Sturm Henry exakt an seinem 26. Geburtstag mit 34 Läufen 182 Yards Raumgewinn ein, lief zu einem Touchdown und erreichte insgesamt über 200 Scrimmage Yards (Play-off-Rekord). Und er war mit seiner Leistung Hauptverantwortlicher dafür, dass New England als amtierender Champion direkt scheiterte. Man könnte auch formulieren: Henry trampelte über die Pats hinweg.

Thomas hat mit den Ravens einen Plan

Vor dem nun bevorstehenden Gastspiel beim großen Super-Bowl-Favoriten, den Baltimore Ravens um MVP-Top-Kandidat Lamar Jackson, meldet sich diesbezüglich auch Ravens-Star-Safety Earl Thomas zu Wort und sagt: "Wir wissen, dass sie sich auch gegen uns auf den Lauf verlassen werden. Das hat man schon gegen die Patriots gesehen. Tannehill hat gerade einmal 15-mal für 72 Yards geworfen, in einem Play-off-Spiel - und hat trotzdem gewonnen. Das zeugt davon, wie sehr Henry das Spiel bestimmt." Eine Warnung hat Thomas aber auch gleich parat, inklusive Kritik für New Englands Abwehr: "Letzte Woche wirkten die Jungs nicht sonderlich interessiert daran, ihn zu tackeln. Unser Gedankengut ist da schon anders. Wir wollen ihn umstellen."

"Der unglaubliche Henry"

Doch auch mit solchen Situationen weiß sich Henry auseinanderzusetzen - und zwar seine ganze Karriere über. Denn auch in jungen Jahren auf der Yulee High School in Florida, wo er in seiner vierten, letzten Saison in gerade einmal 13 Spielen mit 462 Carries 4261 Yards (9,2 Yards pro Carry) sowie unwirkliche 55 Touchdowns markierte, war der Running Back von den Gegnern genauso das Objekt der Begierde wie später auf dem Top-College von Alabama. Auch hier beim Alabama Crimson Tide Football Team überzeugte er besonders im dritten und letzten Jahr mit 2219 Yards, 28 Touchdowns sowie dem Gewinn der Heisman Trophy 2015. Kurzum: Hier wie dort rannte "Der unglaubliche Henry" über seine Gegner hinweg, auch wenn sie ihn umstellten. Er war schlicht zu groß, zu mächtig, zu stark.

Die Befürchtungen, dass dieser Top-Athlet nach dem Draft 2015 (2. Runde, 45. Stelle; vor ihm wurde in der Kategorie der Running Backs lediglich Cowboys-Star Ezekiel Elliott in der 1. Runde an vierter Stelle gezogen) in der großen NFL unter lauter Top-Athleten nicht mehr so arg den Unterschied machen kann, bestätigten sich ebenfalls nicht. Denn seit seinen zwei Profi-Lernjahren hinter dem inzwischen zurückgetretenen DeMarco Murray dreht Henry immer mehr auf, 1059 Yards und zwölf TDs 2018 sprechen genauso wie 1540 Yards (Top-Wert der Saison) und 16 TDs 2019 für sich. Genauso wie die Tatsache, dass sich der 26-Jährige in bislang 62 NFL-Spielen (804 Carries, 3.833 Yards, 38 TDs) insgesamt nur sechs Fumbles geleistet hat.

Es dürfte Geld regnen

Was ihn außerdem auch finanziell am meisten freuen dürfte: Seine bislang beste Saison kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn sein aktueller Rookie-Vertrag läuft nach dieser Saison aus, Gespräche mit den Titans soll es noch keine gegeben haben, er wäre somit Free Agent vor der Regular Season 2020. Es dürfte Top-Angebote hageln - und somit eine Menge Geld.

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