Bundesliga

Kerem Demirbay im Interview: "Ich habe nicht geliefert!"

Leverkusens Rekordeinkauf blickt auf eine für ihn enttäuschende Halbserie zurück

Demirbay im Interview: "Ich habe nicht geliefert!"

Kerem Demirbay denkt weiter positiv:

Kerem Demirbay denkt weiter positiv: "Ich bin mir sicher, dass ich dem Verein helfen kann und werde." Bayer 04/Jörg Schüler

Aus Bayer 04 Leverkusens Trainingslager in La Manga berichtet Stephan von Nocks

Herr Demirbay, wie groß ist für Sie der Anreiz, in der Champions League zu spielen?

Nächste Saison? Sehr groß. Und wir wissen, welche Qualität wir haben. Wir wollen am Ende in der Champions League spielen und haben gute Chancen.

Von den Punktabständen her scheint Platz 4 mit zwei Zählern Abstand nahe zu ein. Doch auf diesem Platz steht der BVB. Ist die Tabelle nicht trügerisch?

Ja, aber ich glaube, dass die Punktabstände jetzt nicht viel darüber aussagen, wie es am Ende aussehen wird. Die Klubs, die kontinuierlich punkten, werden oben landen. Und wir sind hoffentlich einer davon. Du musst so konstant punkten wie Leipzig. Dann wirst du auch mal Herbstmeister.

Der BVB hatte Probleme und ist zwei Punkte voraus, die Bayern schon fünf. Gladbach scheint vom Potenzial her am ehesten einholbar, ist aber schon sieben Zähler voraus. Muss wieder eine Aufholjagd wie im Vorjahr her?

Natürlich. Es wird nicht einfach. Doch wir müssen auf uns schauen, nicht auf die anderen. Wenn wir konsequenter sind, haben wir gute Möglichkeiten. Wenn wir uns für die Europa League qualifizieren, sind wir aus meiner Sicht nicht ans Ziel gekommen, das wir uns setzen sollten. Dafür haben wir viel zu viel Qualität.

Was fehlt Bayer bislang in dieser Saison, um ein echtes Spitzenteam zu sein?

Definitiv auch ein Stück Glück.

Aber doch nicht nur.

Natürlich nicht. Auch die Cleverness, das Abgezockte. Auch mal aus dem Nichts Tore zu machen. Wir müssen ein Gespür dafür entwickeln, unsere Chancen auch zu nutzen.

Welchen Beitrag können Sie in der Rückrunde leisten, damit es besser läuft?

Ich bin hierhergekommen und wollte jedes Spiel machen. Dann habe ich schnell mitbekommen, dass es hier etwas anders läuft. Dass es ein anderer Konkurrenzkampf ist. Wenn du hier nicht ablieferst, bist du draußen. Und meiner Meinung nach habe ich in den ersten sechs Monaten nicht abgeliefert. Abgeliefert in dem Sinne, was ich von mir selbst erwarte. Von dem, was ich kann. Das habe ich nicht. Da möchte ich wieder hin. Mein Spiel finden und der Mannschaft helfen. Dafür hat der Verein mich geholt.

Ich muss wieder den totalen Spaß an meinem Fußball finden.

Kerem Demirbay

Was ist für Sie entscheidend, wieder zu Ihrer Topform zu finden?

Ich muss wieder den totalen Spaß an meinem Fußball finden. Eine gewisse Lockerheit, nicht immer zu verbissen sein. Keiner kann mir vorwerfen, dass ich nicht gewollt habe. Keiner kann sagen: Der gibt nicht alles. Doch ich kenne einfach nicht die Situation, drei Spiele nur auf der Bank zu sitzen und keine Minute zu spielen. Ich brauche wieder diese Selbstverständlichkeit. Die muss ich wieder reinkriegen. Das hat viel mit der Birne zu tun.

Vom 13. bis zum 16. Spieltag hatten Sie nur einen Einsatz, eine Einwechslung in der 80. Minute in München, zu verzeichnen. Wie schwer war diese Phase für Sie zu verdauen?

Für mich war es nicht einfach. Aber das ist vorbei. Ich muss nach vorne schauen. So bin ich es auch angegangen. Der Verein hat mich geholt, weil er um meine Qualität weiß. Ich habe gesagt: Immer weiter! Und das werde ich auch jedem jungen Spieler sagen. Der Schlüssel zum Erfolg ist harte Arbeit und Hartnäckigkeit.

Jeder weiß, was Kai Havertz kann. Und jeder weiß, was ich kann.

Kerem Demirbay

Kai Havertz hat gerade auch eine schwierige Phase. Wie ordnen Sie sein schweres Halbjahr ein?

Mir steht es nicht zu, seine Situation zu bewerten. Was ich bewerten kann, ist, dass er ein guter Junge ist, dem ich wünsche, dass er wieder sein Spiel durchziehen kann und sich von außen nicht beeinflussen lässt. Er hat eine enorme Qualität, die uns auch weiterhilft. Er wird schon seinen Weg gehen. Und zu den Pfiffen der Fans: Er ist noch so ein junger Spieler und hat so eine Ruhe in seiner Art und Weise, wie er Fußball spielt. Das ist außergewöhnlich. Ein Fußballer kann aber nicht immer Top-Leistungen abliefern. Gerade, wenn er wie Kai noch sehr jung ist. Doch er findet seinen Weg. Man sollte ihn in Ruhe lassen. Das Einzige, was ihn in seiner Entwicklung vielleicht noch ein bisschen bremsen kann, sind negative Energien von außen. Nur weil er diese sechs Monate nicht so gespielt hat, wie es jeder da draußen gerne hätte, ist er doch kein schlechterer Spieler. Nur weil ich jetzt sechs Monate nicht abgeliefert habe wie erwartet, bin doch auch ich grundsätzlich kein schlechterer Spieler. Jeder weiß, was Kai kann. Und jeder weiß, was ich kann.

Sie haben im November Trainer Peter Bosz dafür gelobt, wie er mit Ihnen in Ihrer schweren Phase umgegangen ist und wie er mit Ihnen kommuniziert hat. Sie sagten, Sie seien total entspannt. War das nach diesen vier Spieltagen mit nur elf Minuten Spielzeit immer noch so?

Nicht mehr wirklich. Aber es ist normal, dass man die Lockerheit dann irgendwann auch mal verliert. Wir hatten sehr viele Spiele. Darauf müssen sich die Trainer vorbereiten und sie haben nicht die Zeit, es jedem Spieler immer recht zu machen. Ich habe vor ein paar Tagen mit dem Trainer gesprochen. Wichtig ist es, immer bei sich zu bleiben, keine negative Stimmung, keinen Druck zu machen mit Äußerungen wie: Ich will spielen. Er hat gesagt: Arbeite hart, dann wird es belohnt. Das hat mich aufrecht gehalten. Das war eine sehr schwere Phase für mich. Aber jede Phase geht zu Ende. Ich hoffe, für mich jetzt. Dafür werde ich alles tun.

Im Trainingslager hatten sie direkt einige auffällig starke Aktionen, wurden auch vom Trainer gelobt. Wie wichtig sind solche kleinen Erfolgserlebnisse?

Natürlich merkst du so etwas. Ich versuche, mich an kleinen Dingen festzuhalten. Am Mittwoch habe ich nach dem Training noch zehn Freistöße geschossen: Dreimal habe ich Aluminium getroffen, vier Dinger habe ich reingehauen, drei daneben gesemmelt. Ich versuche, die positiven Dinge aufzunehmen. Ich höre das Lob vom Trainer. Gut, Kerem! Gut, Junge! Superstark! Dadurch findet man wieder die Lockerheit und das Vertrauen in sich selbst. Das ist ganz wichtig. Ich mache einfach weiter und hoffe, ich bleibe gesund. Denn ich bin mir sicher, dass ich dem Verein helfen kann und werde.

Wie wichtig wäre für Sie so ein persönliches Erfolgserlebnis gleich im ersten Rückrundenspiel?

Manchmal ist es nur eine Situation, ein Freistoß, der reingeht. Solche Situationen können Dosenöffner sein. Aber die muss man sich erarbeiten.

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