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Gast-Kolumne: Warum die Kreisliga so wunderbar ist

Gast-Kolumne: Warum die Kreisliga so wunderbar ist (1/4)

Zwischen Backstreet Boys und Pferdesalbe

Spieler cremt sich ein

In Kreisligakabinen wird gecremt, was das Zeug hält. picture alliance

Sonntagmorgen, 10.45 Uhr in Deutschland. Der Handywecker prügelt einen mit Wucht aus dem drei Stunden andauernden Schlaf, der nach dem gestrigen Mannschaftsabend - zur Motivation und Teambuilding, so die Sprachregelung - dringend notwendig und wohlverdient war. Aber es hilft ja nichts, in einer halben Stunde ist Treffpunkt zum Derby gegen die Nachbarn aus dem ungeliebten Dorf. Schnell in den Trainingsanzug hüpfen und in Weltrekordzeit die Zähne putzen. Usain Bolt wäre neidisch bei diesen gemessenen Werten, nicht aber auf den Geschmack im Mund, der einfach nicht weggehen will. Kurz an sich gerochen, doch geduscht wird nach dem Spiel, im Sportheim, da kostet´s nämlich nix, und schließlich erwartet man für den regelmäßigen Mitgliedsbeitrag ja zumindest irgendeine Gegenleistung.

Fast pünktlich

Zum Frühstück gibt's die obligatorische Banane, denn sie verleiht Superkräfte und pusht einen zu absoluten Höchstleistungen, meint man sich zu erinnern. Der Nachtisch darf natürlich nicht fehlen, deshalb noch ein Stück Traubenzucker in Kombination mit drei Tabletten Magnesium (Orangengeschmack) in einem 150-Milliliter-Glas aufgelöst. Das schützt vor Krämpfen, wissen die alten Herren. Mit 15 Minuten Verspätung (trotz des Weltrekords im Zähneputzen) und Krampf in der Wade wird der Treffpunkt am Sportplatz erreicht. Doch wer glaubt, jetzt würde es Ärger geben, der irrt gewaltig. Tosender Applaus, Lobeshymnen, Jubelpsalmen vom Team. Offenbar hat man gestern gut performt.

"Mensch, absolute Weltklasse, nur 15 Minuten zu spät!", ist auch der Coach begeistert. "Eigentlich solltest du heute erstmal auf die Bank, aber Peter hat vor zwei Minuten abgesagt, seine Oma feiert Geburtstag." In der Kabine schlägt einem sofort der wundervolle Mix von Pferdesalbe, Finalgon und Schienbeinschoner-Schweiß entgegen. Hier riecht es einfach nach Zuhause. Aus der Musikbox dröhnt "Malle ist nur einmal im Jahr, ole ole und schalala", gefolgt von Backstreet Boys und ACDC. Wahnsinn, wie der Kabinen-DJ immer wieder für Überraschungen sorgt! Sofort steigt die Stimmung.

Goldener Schuh und silbernes Tape

So wird sich heiß gemacht auf das in Kürze beginnende Spiel, rein aus Prinzip singt man lauter als die Gegner nebenan. Nachdem der wichtigste Wettkampf des Tages, der Streit um Trikots in XL sowie Shorts mit oder ohne Innenhose, entschieden ist, und das goldene Schuhwerk mit silbergrauem Panzertape geflickt wurde, hebt der Coach inmitten der Kabine die Hand. Jeder weiß, was das bedeutet. Schlagartig herrscht Stille.

"So Männer, heute ist der Tag, auf den wir schon so lange warten und auf den wir uns seit einer ganzen Woche intensiv vorbereiten. Wir haben heute die Chance, mit einem Sieg auf den 13. Tabellenplatz zu springen und unsere Verfolger zu demotivieren. Dafür müsst ihr bereit sein, nicht weniger als euer Leben zu geben. Selbst wenn die drei aus der Ersten dabeihaben, die kochen auch nur mit Wasser. Denkt daran, es ist nass. Schießt auch mal aus der zweiten Reihe. Habt ihr den Torhüter gesehen? Der ist geschmeidig wie drei Meter Kanalrohr! Der Zehner hat zwar mal höher gespielt, lässt sich aber leicht provozieren, also ruhig mal nebenbei auf den Fuß steigen und ihn nach seiner Lieblingssportart fragen. Wenn wir ein Tor mehr als die schießen, reicht das schon. Jedes Spiel beginnt bei Nullnull. Auf geht's, flach spielen, hoch gewinnen. Alles geben, zusammenhalten. Füreinander laufen und Gras fressen."

Die letzte Silbe erstickt im Lärm. Brunftrufe, Kraftschreie und Stollendonnern versetzen die Nachbarkabine in Angst und Schrecken. Und man kann zwölf Männer (zwei Auswechselspieler sind noch auf dem Weg) dabei beobachten, wie sie sich, gegenseitig Fausthiebe auf Schulter und Brust versetzend, durch die schmale Türe zum Gang quetschen. Dann geht's raus auf den Platz, unter dem Jubel von 37 Zuschauern.

Der Autor: Tobias Sergeo

Tobias Sergeo

Tobias Sergeo, auch bekannt als "Kreisligalegende", betreibt die Social-Media-Seiten "Kreisligafußball - Das Bier gewinnt" auf Facebook sowie "Kreisligafussball.de" auf Instagram. privat

Tobias Sergeo ist Gründer und Inhaber der Social Media Seiten "Kreisligafußball - Das Bier gewinnt" auf Facebook sowie "Kreisligafussball.de" auf Instagram, mit aktuell zusammen über 800.000 Followern. Zudem verkörpert Sergeo als Partysänger die Kunstfigur "Kreisligalegende", mit der er u.a. in der Partyhochburg "Bierkönig" auf Mallorca auftritt.

Tobias Sergeo