Bundesliga

Zum Tode von Hans Tilkowski: Viel mehr als der Torhüter beim Wembley-Tor

Ex-Nationaltorhüter im Alter von 84 Jahren verstorben

Hans Tilkowski: Viel mehr als der Torhüter beim Wembley-Tor

Hans Tilkowski

Hans Tilkowski (1935-2020) Getty Images

Im Frühjahr 1966 war er mit seinen Leistungen dafür verantwortlich, dass der BVB als erstes deutsches Team einen Europokal (der Pokalsieger) gewann. Und ein paar Wochen später stand er im Tor der deutschen Nationalmannschaft, die eine formidable Weltmeisterschaft spielte, deren Ende im Finale grausamer nicht sein konnte. "Er war nicht drin", sagte Hans Tilkowski später bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Geoff Hursts Schuss an die Unterkante der Latte. Doch der bedeutete in Wembley das letztlich entscheidende 3:2 für England, weil Linienrichter Tofik Bachramov die Kugel hinter der Linie gesehen hatte und Schiedsrichter Gottfried Dienst dieser "Sicht"weise folgte. Eine Entscheidung, die Hans Tilkowski nie verstand. Bezeichnend der Titel seiner Lebensgeschichte: "Und ewig fällt das Wembley-Tor".

Tatsächlich ist es natürlich viel mehr, was Tilkowski vorweisen konnte. Im ländlichen Dortmunder Stadtteil Husen wurde er 1935 geboren, dort wuchs er auf, dort trat er erstmals gegen einen Ball. SV Husen 19 hieß sein erster Klub, direkt nach dem Krieg spielte er für drei Jahre als Jugendlicher dort, wechselte nach Kaiserau, wo er erstmals mit dem "großen" Fußball in Berührung kam, ehe er als 20-jähriger Vertragsspieler zur Herner Westfalia ging, für die er sieben Jahre spielte.

"Warum schießt ihr immer dahin, wo der Til steht?"

Mit der Westfalia holte er 1958/59 die Westdeutsche Meisterschaft, hier avancierte er zum Nationaltorhüter. Tilkowski flog nicht durch sein Tor, er stand meist richtig und die Frage, die man Stürmern zu dieser Zeit häufig stellte, lautete: "Warum schießt ihr immer dahin, wo der Til steht?" Toni Tureks Ruhe, Fritz Herkenraths Nonchalance und Lew Jaschins Fähigkeit, den Flug des Balles zu verfolgen und prompt richtig zu stehen - das war die Mixtur, aus der Hans Tilkowski gemacht war. Dazu kamen gewaltige Abwürfe, die das Spiel schnell machten. Eine früh erlernte Fähigkeit: Als Schüler war Tilkowski Schulmeister im Weitwurf, schleuderte den Schlagball über 70 Meter weit.

Das berühmte Wembley-Tor von 1966

Hans Tilkowski schaut im WM-Finale 1966 dem Ball nach. Zur Frage, ob er wirklich hinter der Linie aufschlug, hatte der Keeper immer eine klare Meinung. picture alliance

Sachlichkeit und Übersicht strahlte er aus, umso schlimmer für ihn, als er 1962 dem "Flieger" Wolfgang Fahrian den Vortritt im Tor der Nationalmannschaft bei der WM in Chile lassen musste. Eine Entscheidung Sepp Herbergers, die Tilkowskis Karriere in der Nationalmannschaft unterbrach, sämtliche Ruhe und Gelassenheit fiel nach diesem Tiefschlag vom Westfalen ab, der erst zum Jahreswechsel 1963/64 auf Herbergers Drängen wieder zum DFB zurückkehrte und dort 1966 den traurigen Höhepunkt feierte.

"Der bezahlte Fußball ist nicht mehr meine Welt"

Ein Jahr nach Wembley verließ Tilkowski den BVB nach Querelen mit Trainer Heinz Murach, wechselte zur Frankfurter Eintracht, für die er noch 40 Spiele absolvierte, um 1970 ins Traineramt zu wechseln. Als Jahrgangsbester hatte er 1967 bei Hennes Weisweiler den Lehrgang absolviert, doch glücklich wurde er bei seinen Klubs nicht. 1981 absolvierte er nach Stationen in Bremen, München, Nürnberg und Saarbrücken bei AEK Athen seine letzten neun Monate als Coach und bilanzierte danach bitter: "Der bezahlte Fußball ist nicht mehr meine Welt. Zunehmend stärker dominiert das Geld alle Entscheidungen, und bei vielen Spielern klafft die Schere zwischen den finanziellen Ansprüchen und der Leistungsbereitschaft immer weiter auseinander. In diesem Gewerbe, das ist mir bewusstgeworden, hole ich mir Magengeschwüre, weil ich zu viel von dem hinunterschlucken muss, was mir auf der Zunge liegt. Und wenn ich es herauslasse, wie es meinem Naturell entspricht, bin ich ohnehin der Dumme."

Dies wollte er nicht werden, Tilkowski wandte sich hehren Dingen zu. In unzähligen Promi-Spielen stand er für den guten Zweck im Tor, als der Körper dies nicht mehr zuließ, organisierte er selbst caritative Veranstaltungen und sammelte viele hunderttausend Euro, mit denen geholfen werden konnte. In Herne wurde 2008 eine Schule nach ihm benannt.

Hans Tilkowski - ein Mann, der deutsche Fußball-Geschichte schrieb. Er verstarb am Sonntag, dem 5. Januar im Alter von 84 Jahren.

Frank Lußem