Bundesliga

Verletztenmisere bei Werder Bremen: Frank Baumann räumt Fehler ein

"Der Austausch war in dieser Phase nicht optimal"

Werders Verletztenmisere: Baumann räumt Fehler ein

Frank Baumann im Gespräch mit Florian Kohfeldt

Bremer Macher im Gespräch: Frank Baumann (l.) analysiert mit Cheftrainer Florian Kohfeldt. imago images

Aus dem Bremer Trainingslager auf Mallorca berichtet Thiemo Müller

Konkret sprach Baumann während seines Rück- und Ausblicks unter anderem über...

... die Forderung von Kapitän Moisander nach einem teamintern kritischeren Umgang: "Ich stimme Niklas zu, dass wir die Dinge nicht einfach so über uns ergehen lassen dürfen. Im Spiel, aber auch schon im Training. Ich denke, man konnte hier bereits erkennen, dass mehr Leben auf dem Platz ist. Dass sich die Spieler damit auseinandersetzen, wenn wir eine klare Chance vergeben oder ein Gegentor bekommen."

... die Bedeutung des aktuellen Trainingslagers: "Wir haben schon die Hoffnung auf einen Neustart. Durch die Rückkehr einiger Verletzter und durch die Vorbereitung, in der wir an den Abläufen, den Automatismen arbeiten können, um auch wieder mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Die Testspiele am Montag gegen Monza und am kommenden Sonntag gegen Hannover sind gute Gradmesser, so dass sich bis zum ersten Rückrundenspiel in Düsseldorf jeder athletisch auf Top-Niveau bringen kann."

... die Kaderzusammenstellung: "Wir haben eine sehr gute Mischung aus Führungsspielern, mannschaftsdienlichen Spielern und Individualisten. Auch die Altersstruktur passt, finde ich. Was wir nicht so haben, sind die dominanten Typen. Die hätten uns vielleicht gerade in der schwierigen Phase zuletzt geholfen. Aber es ist in der gesamten Gesellschaft so, nicht nur im Fußball, dass diese dominanten Typen nicht mehr häufig zu finden sind. Als Extrembeispiel würde ich mal Steffen Effenberg nennen. Auch Max Kruse war aus meiner Sicht nicht so ein Typ."

Wir hatten da vielleicht eine zu brave Mannschaft.

Frank Baumann

... die Fehler im Zusammenhang mit der Verletztenmisere: "Wir haben natürlich hinterfragt, woran es lag. Und im Rückblick mussten wir schon sagen, dass wir zu wenig Regeneration hatten. Es werden zwar viele Daten erhoben über die Belastung der Spieler, aber das Gefühl aus der Mannschaft heraus bleibt sehr, sehr wichtig. Wir hatten da vielleicht eine zu brave Mannschaft, aus der keiner vielleicht mal rechtzeitig zum Trainer gegangen ist und gesagt hat: Man sollte mal einen Tick weniger machen. Max Kruse war da als Kapitän ein wichtiger Indikator in der Mannschaft, der in solchen Fragen den Kontakt zum Trainer gesucht hat. Dazu muss man auch sagen, dass der Austausch zwischen den einzelnen Bereichen - also Athletik, Sportmedizin, Physiotherapie - in dieser Phase nicht optimal war. Seit September haben wir das aber verbessert durch andere Abläufe, mehr und bessere Kommunikation."

... unterschiedliche Verletzungsursachen: "Ein Unfall, wie er zum Kreuzbandriss von Niclas Füllkrug führte, lässt sich nicht verhindern. Aber gerade bei Neuzugängen wie Benni Goller oder Ömer Toprak kann es schon sein, dass die ungewohnte Art der Belastung mit zu den Muskelverletzungen beigetragen hat."

Wenn man immer besser werden will, läuft man Gefahr, zu ehrgeizig zu werden.

Frank Baumann

... die Eigenverantwortung der Spieler: "Jeder muss auch selbst ehrliche Rückmeldung geben, wie belastet er sich fühlt und wo er Probleme hat. Du musst deinen Körper kennen und dich damit beschäftigen, wo du weniger oder vielleicht auch mehr machen musst. Da müssen wir die Spieler noch mehr in die Verantwortung nehmen, aber auch schulen. Wenn man immer besser werden will, läuft man Gefahr, zu ehrgeizig zu werden. Manche Verletzungen waren aus meiner Sicht Folge von Überehrgeiz. Wir leben alle davon, nie zufrieden zu sein. Aber vielleicht ist es auch mal gut, konstant mit 95 bis 98 Prozent zur Verfügung zu stehen. Immer mehr ist nicht immer besser. Trotzdem werden wir immer um die letzten Prozent kämpfen. Es ist nun mal ein schmaler Grat."

... den durch die Verletzungen ausgelösten Teufelskreis: "Wir hatten in der Hinrunde zu viele Spieler, die keine fünf, sechs Wochen Vorbereitung hatten. Daraus ergeben sich Folgen, für die Verletzungsprävention, aber auch im athletischen Bereich, beispielsweise für Laufleistung oder Sprintwerte. Und durch die Ausfälle ging natürlich Qualität verloren, genauso Automatismen gerade in der Defensive. Dadurch wiederum erhöht sich die Gefahr von individuellen Fehlern. Irgendwann verliert man darüber dann auch Sicherheit und Selbstvertrauen, die gerade für unsere Art von Fußball aber enorm wichtig sind."

... das sportliche Fehlen von Max Kruse: "Wir haben immer betont, dass er ein wichtiger Spieler war. Aber es bringt nichts, hinterherzujammern. Wenn der Kader uns einigermaßen zur Verfügung steht, ist er immer noch stark genug, um weiter oben zu stehen. Natürlich war Max jemand, der sich gerade in schwierigen Situationen auf dem Feld gezeigt hat. Aber so einen Charakter haben wir in Niclas Füllkrug, auch wenn er ein anderer Spielertyp ist, ja ganz bewusst wieder verpflichtet. Deswegen sage ich: Niclas fehlt uns mehr als Max."

... die psychische Verfassung des Teams: "Es ist natürlich eine unerwartete Situation, in die wir geraten sind. Auch wenn wir immer wieder betont haben, dass wir trotz ambitionierter Ziele uns im Normalfall angesichts unserer Möglichkeiten grob zwischen Platz acht und zwölf einordnen würden. Und dass wir, wenn vieles gegen uns läuft, auch mal unten reinrutschen können. Trotzdem hatten wir natürlich eine andere Erwartungshaltung. Deshalb ist es wichtig, wie wir die Situation annehmen. Das haben wir nach dem Urlaub mit der Mannschaft auch noch mal thematisiert. Abstiegskampf bedeutet auch, sich bewusst zu sein, dass man absteigen kann. Dass es kein Traum ist, aus dem man in zwei Wochen aufwacht und sich befreit haben wird. Trotzdem ist genauso wichtig, sich vor Augen zu halten, wie man da wieder herauskommt, und dass man die entsprechende Zuversicht und Überzeugung aufbaut."

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