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Vom Berserker zum Wrack - und nun in Neapel: Gestatten, Gennaro Gattuso!

Weltmeister von 2006 folgt auf "Vater" Ancelotti

Vom Berserker zum Wrack - und nun in Neapel: Gestatten, Gattuso!

Gennaro Gattuso ist Milan-Legende und italienischer Weltmeister von 2006.

Hat für seine Mannschaften immer sein letztes Hemd gegeben: Gennaro Gattuso, Milan-Legende und Weltmeister von 2006. imago images

Die Zeit schreitet unermüdlich voran - und sie ist auch an einem gewissen Gennaro Gattuso in all den Jahren vorbeigezogen. War der Weltmeister von 2006 zu aktiven Zeiten noch der Inbegriff des schier unüberwindbaren Abräumers, präsentiert sich der heute 41-Jährige als engagierter Trainer an der Seitenlinie.

Seiner Art ist der oft nur "Rino" genannte Italiener aber immer treu geblieben - und will damit nun seinem neuen Klub Neapel eine frische Dosis Leidenschaft verpassen. Schließlich stehen die Süditaliener nach sieben sieglosen Serie-A-Spielen (fünf Remis) auf Rang sieben und damit nicht dort, wo sich der stolze Klub und auch Gattuso auskennen: in Champions-League-Gefilden. "Ich habe schon immer wie ein Spieler gedacht - und tue das auch als Trainer", hat der neue SSC-Coach und Nachfolger von Carlo Ancelotti bei seiner offiziellen Vorstellung in Süditalien am Mittwoch gesagt. "Die Stimmung der Fans im Stadion hängt auch immer davon ab, mit welcher Intensität das Team auf dem Rasen agiert. Es liegt also ganz an uns, wieder neue Euphorie in Neapel zu entfachen."

Gattuso, "der Alptraum der Spieler"

Und wenn ein Herr Gattuso über Begriffe wie "Feuer", "Leidenschaft" oder "Euphorie" im Fußball redet, dann spricht ein waschechter Experte. Schließlich hat das alles der am 9. Januar 1978 im kalabrischen Corigliano Calabro geborene Italiener über all seine aktiven Jahre (1995-2013) bei der AC Perugia, den Glasgow Rangers, Salernitana Calcio, Milan und dem FC Sion wie kaum ein anderer verkörpert.

AC Mailand hat 2007 zum bis dato letzten Mal die Champions League gewonnen.

Der zweite große Wurf: Gennaro Gattuso gewinnt an der Seite seines Freundes Andrea Pirlo nach 2003 zum zweiten Mal die Champions League. imago images

Was genau den Profi "Rino" dabei ausgezeichnet hatte? Wer Spiele von ihm gesehen hat, weiß das ganz genau. Für all die anderen hier die Kurzfassung: Als Staubsauger vor der Abwehr verbreitete der Mittelfeld-Berserker quasi immer den "Geist von Gattuso" in seinen Mannschaften. Er arbeitete, er ackerte, er warf sich mit bis zu den Knöcheln abgerutschten Stutzen samt dreckigen Knien in sämtliche Zweikämpfe und hielt seinen vom reinen fußballerischen Können talentierteren Akteuren den Rücken frei. Gattuso war dabei stets unermüdlich, hing sich an die Fersen seiner vielen Top-Gegenspieler über die Jahre ("Meine Arbeit ist es, der Alptraum der Spieler zu sein"), schenkte diesen mit seiner Verbissenheit nichts und heimste so über die Jahre auch reichlich Lob wie Anerkennung ein.

Nach Toren, Siegen oder auch Niederlagen wusste der 368-malige Serie-A-Akteur (neun Tore), 79-malige Champions-League-Profi (ein Treffer) und 73-malige Nationalspieler (ein Tor) sogar manchmal nicht so recht wohin mit seiner überschüssigen Energie. Also wurden Trainer, Betreuer, Mitspieler angesprungen, mit liebevollen Backpfeifen und herzhaften Griffen an Schulter oder Hals versehen. Gegenspieler oder Offizielle der Kontrahenten wurden natürlich auch nicht verschont und in fairem Rahmen "behandelt".

Gattuso inmitten von Stars und neben Pirlo

All diese Eigenschaften machten Gattuso in der Hochphase seiner Karriere zu einem festen Bestandteil von Milan wie der italienischen Nationalmannschaft. Beide Teams gewannen so auch dank dieser Zweikampfmaschine die ganz großen Titel: Den WM-Titel 2006 sicherte sich "Rino" so an der Seite von Stars wie Gianluigi Buffon, Andrea Pirlo, Francesco Totti, Luca Toni oder Fabio Cannavaro - und in der Modemetropole Mailand gewann er als Teil der AC-Traummannschaften in den 2000er Jahren gleich zweimal die Champions League (2003, 2007). Die Kollegen von damals? Paolo Maldini, Alessandro Nesta, wieder Pirlo, Clarence Seedorf oder Filippo Inzahgi. Beim 2002er Jahrgang schloss sich zudem noch Aushängeschild Andriy Shevchenko an, beim 2007er etwa Kaka.

Angesichts dieser Dichte an Größen an seiner Seite fühlte sich Gattuso oft wie im Film - zumal später noch so glamouröse Akteure wie Ronaldinho (2008-2010), David Beckham (2009 und 2010), Zlatan Ibrahimovic (2010-2012) oder Kevin-Prince Boateng (2010-2013), die weitaus mehr am Ball konnten als er selbst, seinen Weg bei Milan kreuzten. Was er dazu sagte? So etwas zum Beispiel über Feingeist Pirlo: "Er hat mich monatelang geärgert, weil er einfach nicht die Klappe halten kann und ständig Witze macht. Ich habe ihn deswegen öfter geschlagen als Bud Spencer Terrence Hill." Oder nochmals über Pirlo: "Als ich ihn das erste Mal spielen sah, dachte ich, ich muss den Beruf wechseln. Ich habe 20 Jahre mit ihm gespielt und in schwierigen Momenten habe ich einfach zu ihm abgegeben. Neben ihm habe ich mich immer sicher gefühlt. Ich wusste, was ich machen musste - und er hat sich um den Rest gekümmert. Er hat mir in meiner Karriere weitaus mehr geholfen als ich ihm."

Gattuso: "Die Seele von Milan"

Carlo Ancelotti und Gennaro Gattuso sind inzwischen Trainer.

Früher Mentor und Schützling, heute Trainerkollegen und sich schätzende Menschen: Carlo Ancelotti und Gennaro Gattuso. imago images

Dabei lobten andere Gattuso ständig. So dichteten die Fans des Milan-Lokalrivalen Inter einst: "Der Mensch stammt von Gattuso ab." Zu sagen hatte auch Ancelotti etwas, auf den er eben jetzt als Trainer von Neapel folgt. "Carletto" schrieb zum Beispiel Anfang Januar 2018 in einem offenen Brief zum 40. Geburtstags seines früheren Schützlings Folgendes: "Inzwischen sehe ich dir an der Seitenlinie zu - und du gibt's wie immer alles: Du schreist, läufst auf und ab, weist deine Spieler zurecht. Für mich bist du der richtige Mann am richtigen Platz. Dein Spirit, dich jedes Mal aufs Neue aufzuopfern, kann jede Hürde aus dem Weg räumen. Du warst schon immer ein Kämpfer - und ich habe dich damals als Aktiver niemals aufgeben oder mit einem sauberen Trikot das Feld verlassen sehen. Du warst besonders im Finale 2007 die Seele von Milan. Ich hoffe nun, dass du noch lange auf der Milan-Bank bleibst, du hast es dir verdient."

Letzteres ist zwar nicht eingetroffen, weil "Rino" selbst nach 18 Monaten als Milan-Trainer und "wenig Schlaf" als selbsternanntes "Wrack" bei seiner großen Liebe hinwarf ("Ich habe kaum geschlafen in den letzten anderthalb Jahren"). Doch mit ziemlicher Sicherheit wird Ancelotti seinem früheren Spieler Gattuso auch jetzt den Erfolg an der Seitenlinie der Neapolitaner gönnen. Überlassen hat er ihm dabei ein kleines Präsent: Der neue Trainer übernimmt nämlich ein Team, das sich trotz der Schwierigkeiten in der Liga im erlauchten Kreise der 16 besten Mannschaften Europas wiederfindet. Und dazu sagt Gattuso: "Ancelotti ist wie ein Vater für mich, in all den Jahren war er immer in meiner Nähe und half mir in vielen Situationen. Er hat alles gewonnen, ich dagegen muss noch viel beweisen." Er verfolge deswegen ab sofort das Ziel, "schnellstmöglich viele Punkte zu sammeln und Plätze gutzumachen", um sich für die Königsklasse zu qualifizieren. "Wir müssen diesen heiklen Moment überwinden."

Wie das funktionier soll? Natürlich mit purer Leidenschaft und vollem Einsatz, den ein gieriger, schreiender und auch mal an seinen Spielern zerrender Gattuso selbst an der Seitenlinie vorlebt. Der Geist von Gennaro, er lebt nun in Neapel.

mag

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