2. Bundesliga

1. FC Nürnberg: Von Trendwende ist beim Club keine Spur

Die Abwärtsentwicklung beim 1. FCN schreitet voran

Von Trendwende gibt's beim Club keine Spur

Konsterniert: Die Profis des 1. FC Nürnberg nach der 1:3-Niederlage in Stuttgart.

Konsterniert: Die Profis des 1. FC Nürnberg nach der 1:3-Niederlage in Stuttgart. imago images

Doch der Reihe nach. In den Wochen zuvor hörte man von Spielern wie von Verantwortlichen stets den sehnlichen Wunsch "wenn wir nur mal in Führung gehen würden". Voilà, in Stuttgart war es soweit, dies sogar verdammt früh durch Michael Freys Hammer in der 10. Minute. Eine perfekte Steilvorlage für die taktische Marschroute des Tiefstehens und des Räume-dicht-Machens. Dafür hat Trainer Jens Keller erstmals in seiner Ägide den rustikalen Kämpfertypen Lukas Jäger auf die Sechs gestellt, und die zuletzt überforderte Doppelsechs Johannes Geis/Hanno Behrens auf die Halbpositionen davor beordert.

Der Druck des VfB wuchs mit jeder Minute an

"Unser Plan ging richtig auf, wir wollten Stuttgart viel Ballbesitz geben", meinte der Trainer. Und in der Tat, der Club verbaute dem VfB zunächst gut das Zentrum, dem Topfavoriten fiel wenig bis nichts ein, deren Fans quittierten dies mit gellenden Pfiffen. Was der Club indes aus dieser für ihn eigentlich so guten Ausgangslage machte, entsprach dann aber seinem Tabellenstand: nämlich wenig, bis nichts. Entlastungsangriffe starten, gefährliche Nadelstiche setzen, die Räume nutzen, die der anrennende VfB nicht zu knapp bot? Fehlanzeige, die Nürnberger gaben die Bälle so schnell wieder her, wie sie sie gewannen. Die logische Folge: Der Druck des VfB wuchs mit jeder Minute an, deren Torerfolge waren somit nur eine Frage der Zeit.

Der Matchplan des 1. FCN war zum Scheitern verurteilt

Anders ausgedrückt: So war der Matchplan des FCN zum Scheitern verurteilt. Der Trainer indes machte dafür in erster Linie den Schiedsrichter verantwortlich. Erst zwei sehr fragwürdige Entscheidungen hätten den VfB auf die Siegstraße gebracht. Gut, streitbar waren die Situationen, die dem 1:1 und dem 2:1 des VfB vorausgingen, aber auch vertretbar. Schleusener bekam den Ball, wenn auch unglücklich, nach einem Eckball auf den abgespreizten Ellenbogen, den Handelfer zum 1:1 konnte man geben. Und bei Endos resolutem Kopfballduell mit Geis vor dem 2:1 lag kein glasklares Foul vor, wie Keller meinte. Man kann, muss es aber nicht abpfeifen - und da der Schiedsrichter eine großzügige Linie fuhr, ließ er weiterlaufen.

Dass der Club aber nur dadurch aus dem Konzept und damit auf die Verliererstraße kam, ist eine waghalsige Theorie. Schon vergessen, der VfB erzielte bereits in der letzten Viertelstunde der ersten Hälfte zwei Tore? Diese wurden dann zwar zu Recht einmal wegen eines überflüssigen Fouls Gomez' und das andere Mal wegen einer hauchdünnen Abseitsposition aberkannt, doch wie bereits erwähnt: VfB-Treffer lagen spätestens nach dem vermeintlichen und im Anschluss aberkannten 1:1 in der 27. Minute in der Luft.

Die Verzweiflung muss groß sein

Und wenn Keller das 1:1 und das 1:2 nun dazu sogar veranlasst, drei Wochen zurückzugehen, um mit einer Schiedsrichterentscheidung beim 0:0 in Fürth zu hadern, muss die Verzweiflung schon groß sein. In die gleiche Richtung geht es, wenn Keller betont, dass die Leistungsdaten gut seien und belegen, dass die Mannschaft wolle. Nur zur Einordnung: Der VfB lief 124,12 Kilometer, der FCN 123,07. Damit keine Missverständnis aufkommen: Dies war ganz und gar nicht spielentscheidend. Dass beim Club die Verunsicherung metertief sitzt, ist angesichts von mageren fünf Pflichtspielsiegen im ganzen Jahr 2019 verständlich. Doch das Mindeste, was man von einer Profi-Mannschaft erwarten kann, ist dann, dass sie rennt, kämpft, eben alles gibt. Diese Selbstverständlichkeit muss man eigentlich gar nicht groß erwähnen. Und dies ist nicht das Problem, der Wille ist der Mannschaft nicht abzusprechen.

Aber, vielleicht fehlen ihr ja die Grundlagen? Wenn Stürmer Frey nun davon spricht, dass der Mannschaft in Stuttgart am Ende "die Kraft gefehlt hat", lässt dies konditionelle Defizite vermuten, was wiederum einer Breitseite gegen Ex-Coach Damir Canadi gleichkäme. Dagegen sprechen zwei Dinge: erstens der Leistungstest in der vergangenen Woche. Richtig gute Werte soll er an den Tag gebracht haben. Und zweitens der Trainingsumfang in den vergangenen Wochen. Der war nämlich nicht so, als würde Keller ein konditionelles Problem sehen.

Der einstige große Zusammenhalt ist Geschichte

Somit kommt man zwangsläufig zur Kernursache der bösen Schieflage: die Kaderzusammenstellung. Vor dem Duell gegen den VfB meinte Sportvorstand Robert Palikuca noch, dass "man über die individuelle Qualität" des von ihm im Sommer umgekrempelten Kaders "nicht diskutieren müsse". Falsch, muss man sehr wohl, siehe die bisherigen Leistungen. Und selbst wenn die Qualität so hoch ist, wie behauptet, dann passen die Puzzleteile nicht zusammen - sportlich wie menschlich. Ungeachtet, dass es nach einem so großen Umbruch immer dauert, ehe sich eine geschlossene Einheit bildet, so lässt sich doch festhalten: Der einstige große Zusammenhalt ist Geschichte, Gruppen, Grüppchen und Einzelkämpfer sind die Gegenwart.

So gesehen ist es kein Wunder, dass der Trainerwechsel komplett verpuffte - er musste es. Seit dem Rauswurf von Damir Canadi hat der FCN in vier Spielen einen Punkt geholt, zwei Tore geschossen und zehn kassiert. Kellers Bilanz liest sich mit einem Remis bei zwei Niederlagen und 1:5-Toren ein wenig freundlicher, doch es ist bezeichnend, wenn er den Montagabend als Schritt nach vorne wertet. Kurz: eine Trendwende zeichnet sich derzeit nicht mal schemenhaft am Horizont ab. Und doch ist sie greifbar: einfach die beiden Heimspiele gegen Kiel und Dresden gewinnen, fertig! Wobei, einfach?

Christian Biechele

So lange laufen die Verträge der Zweitliga-Trainer