Bundesliga

Riskantes Rütteln und "faule Äpfel": Was bezweckt Glasner?

Kommentierende Analyse zur Lage beim VfL Wolfsburg

Riskantes Rütteln und "faule Äpfel": Was bezweckt Glasner?

Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner

Geht auf Distanz zu seinen Spielern: Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner. imago images

Das Rumoren beim VfL Wolfsburg wird lauter. Unzufriedene Fans, die keinesfalls illusorische Ziele in Gefahr geraten sehen, sondern einfach nur den fußballerischen Substanzverlust beklagen. Ein unzufriedener Geschäftsführer Jörg Schmadtke, der bemängelt, "dass wir in dieser Saison ein paar Dinge liegengelassen haben, die wir mit mehr Konsequenz hätten mitnehmen können". Und ein fast schon frustriert wirkender Trainer Oliver Glasner, der nach Wochen der internen Kritik nun öffentlich auf Konfrontationskurs zu seiner Mannschaft geht. Seine Kernbotschaft: Viele Spieler legen sich, wenn der Druck einigermaßen erträglich ist, auf die faule Haut. Als der VfL am Sonntagabend seine Weihnachtsfeier veranstaltete, versuchte Glasner, seine samstäglichen Zündstoff-Sätze einzuordnen. "Es ging auch darum, vielleicht etwas wachzurütteln", erklärte der 45-Jährige gegenüber dem NDR-Sportclub. "Mal die Dinge anzusprechen, die nicht ganz so angenehm sind."

Die öffentliche Suche nach "faulen Äpfeln" im Kader

Nun ist es das gute Recht eines Cheftrainers, Missstände auch nach außen hin anzuprangern, wenn er das Gefühl hat, die interne Kritik führt nicht zum gewünschten Effekt. Und doch ist es ein arg riskantes Rütteln des Fußballlehrers, der problematische Prozesse in Gang gesetzt hat. Zum Beispiel Fragen, warum er nicht längst in puncto Aufstellung reagiert hat auf diejenigen, die es sich bequem gemacht haben. Oder das nun öffentliche Suchen nach den "faulen Äpfeln" innerhalb des Kaders, die den Gesamterfolg gefährden und offenbar nicht bereit sind, den neuen Weg unter dem neuen Trainer mitzugehen. Klar ist: Wer in den nächsten Wochen seinen zuletzt sicheren Stammplatz verliert, ist gebrandmarkt als einer derjenigen, die Glasner am Samstag scharf ins Visier genommen hat.

Verbaler Zickzackkurs

Verwunderlich erscheint dabei der verbale Zickzackkurs des Trainers. Noch am Donnerstag hatte er im Interview mit Amazon den "guten Weg", auf dem sich seine Mannschaft schon seit Saisonbeginn befinde, wiederholt unterstrichen, ebenso die internationalen Ambitionen. Er sagte zudem: "Es gibt ein paar Dinge, die noch nicht so funktionieren, wie wir uns das vorstellen, aber die Spieler sind bereit, hier einen etwas anderen und neuen Weg mitzugehen." Rund 48 Stunden und ein 0:1 in Freiburg später war auf einmal alles anders. Die Spieler seien zu bequem, und wer den Weg nicht mitgehen wolle, polterte Glasner sichtbar enttäuscht los, der bekommt fortan Probleme. "Das werde ich natürlich nicht dulden."

Was ist da passiert? Hatte sich tatsächlich über Wochen etwas angestaut, was Glasner schon regelmäßig zum Vorschein hatte kommen lassen, ehe es nun endgültig komplett aus ihm herausplatzte? Ist die Mannschaft, die in den vergangenen anderthalb Jahren so häufig für ihren Einsatz und ihre Mentalität gelobt wurde, auf einmal wieder träge und disziplinlos wie in den Relegationsjahren? Passen die Aussagen des Trainers ("Jetzt legt der eine oder andere die Beine hoch...") zu diesem Team, das pro Spiel 117,1 Kilometer läuft und damit ligaweit auf Rang fünf steht? Und welche Möglichkeiten hat Glasner, Korrekturen innerhalb der Mannschaft vorzunehmen, wenn er sein umstrittenes 3-4-3-System weiterhin unangetastet lässt?

Schlager nach Comeback gesetzt - Wer muss weichen?

Klar ist: Wenn Xaver Schlager, einer der vorgesehenen Fixpunkte dieser Mannschaft, nach seinem Knöchelbruch endgültig wieder im Vollbesitz seiner Kräfte ist, wird er im zentralen Mittelfeld seinen Platz einnehmen. Dann könnte Kapitän Josuha Guilavogui wie schon zu Saisonbeginn zurück ins Abwehrzentrum rücken, ein Innenverteidiger müsste seinen Platz räumen. John Anthony Brooks hatte kürzlich schon einmal der Bannstrahl des Trainers getroffen, offiziell war es fehlende Form, die den Amerikaner sogar einmal auf der Tribüne sitzen ließen. Auf der linken Außenbahn muss Jerome Roussillon um seinen Platz zittern, was eines der Kernprobleme in den Mittelpunkt rückt. Der Franzose, in der Vorsaison einer der besten Spieler der Bundesliga, findet unter dem neuen Trainer und in der neuen Ausrichtung bislang überhaupt nicht zurecht. Die entscheidende Frage: Ist Roussillon bereit, sich auf die neue Rolle einzulassen? Muss Glasner das bestmögliche System finden, um die Qualität des Franzosen wieder zum Vorschein zu bringen? Der Schweizer Renato Steffen wäre jedenfalls der erste Ersatz.

In der Offensive dürfte der unumstrittene Wout Weghorst als Spitze gesetzt sein, dahinter hat Glasner bislang ohnehin schon am meisten variiert. Meist spielt Joao Victor, der den Glasner-Fußball aus gemeinsamen Linzer Zeiten schon bestens kannte, aber immer wieder natürliche Umstellungsprobleme von der österreichischen an die deutsche Bundesliga offenbart. Ansonsten wechseln sich Josip Brekalo, Felix Klaus, Admir Mehmedi und gelegentlich Lukas Nmecha auf den Halbpositionen ab, abgesehen vom zwischenzeitlich verletzten Mehmedi haben alle im Laufe der Hinrunde dramatisch an Form verloren.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir auch sagen, dass er recht hat.

Pavao Pervan

Mönchengladbach, Schalke, München - die drei Liga-Gegner bis zur Winterpause haben es in sich. "Es wird nicht ganz einfach", stellt Maximilian Arnold fest. Die Wolfsburger Situation ist bei 20 Punkten und Platz neun alles andere als prekär, und doch sagt Ersatzkeeper Pavao Pervan, dessen Wort Gewicht hat innerhalb der Mannschaft, gegenüber dem NDR: "Ich glaube, dass jeder begriffen hat, worum es geht. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir auch sagen, dass er recht hat." Er ist Oliver Glasner, der Trainer, der zumindest eines schon mal geschafft hat. Beim VfL, der aktuell im Niemandsland der Tabelle steht, wird wieder ganz genau hingeschaut.

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