Bundesliga

Freiburgs Jonathan Schmid: In der Stille liegt die Kraft

Freiburgs Standardspezialist hält nun den Bundesliga-Rekord

Freistoßkönig Schmid: In der Stille liegt die Kraft

Jonathan Schmid

Traf traumhaft zum Sieg gegen Wolfsburg: Freiburgs Jonathan Schmid. imago images

Es gibt Spieler, die nach einem solchen siegbringenden Weltklasse-Freistoßtor mit breiter Brust und viel Getöse ihrer Freude freien Lauf lassen. Und es gibt Spieler wie Schmid, die selbst nach einer solchen Glanzleistung eher widerwillig im Fokus stehen und den obligatorischen Interview-Marathon für Matchwinner mehr pflichtschuldig als freudvoll absolvieren. "Für mich ist es auch ein bisschen nervig, weil ich es nicht mag, viel zu reden", gab Schmid offen zu.

Seine markante Frisur sowie offensichtliche Tattoos, etwa ein Anker und ein roter Kussmund unterhalb des linken Ohres, mögen auf einen extrovertierten Typen schließen lassen, charakterlich ist der Elsässer aber eher das Gegenteil. Er lässt lieber Taten sprechen. So nahm er in der 85. Minute einer bis dato intensiv umkämpften, aber fußballerisch enttäuschenden Partie nach einem Foul von Joshua Guilavogui an Lucas Höler parallel zum Ball Anlauf - und jagte diesen aus gut 25 Metern Torentfernung mit viel Drive über den Innenpfosten im linken oberen Kreuzeck ins Netz. Dass er danach mit der rechten Hand wedelte - die französische Geste für "Oh là, là" - ist schon als Gefühlsausbruch zu werten.

Sein deutscher Kommentar klang nüchterner: "Ich haben einen Riesen-Freistoß gemacht und bin einfach auch zufrieden mit der Mannschaft. Letzte Woche habe ich auch einen gemacht, der war näher am Tor, aber ich wollte wieder schießen." Beim 2:4 in Gladbach hatte Schmid den Ball von direkt hinter der Strafraumgrenze auch über die Mauer im linken oberen Eck versenkt, und es bereits in der ersten Halbzeit gegen den VfL erneut probiert, zunächst erfolglos. Dem Selbstbewusstsein in dieser Disziplin tat das keinen Abbruch, kurz vor der entscheidenden Szene macht er Christian Günter klar, dem anderen Freiburger Standardschützen, dass das wieder ein Fall für Schmid sei: "Ich hatte ein sehr gutes Gefühl, wusste, wenn ich ihn richtig treffe, kann er reingehen." Gefühlt, getan.

"Wir haben eine geile Truppe, schauen wir, wo es hingeht"

Damit sind für Schmid acht direkte Freistoßtore notiert - kein aktueller Bundesliga-Spieler hat mehr. Bayern David Alaba und Herthas Marvin Plattenhardt folgen mit je sieben auf den Plätzen. Aber auch dieser Rekord verursachte keine Ekstase bei Schmid. "Ich freue mich darüber, aber das Wichtigste ist, dass wir gewonnen haben." Bescheidenheit und das Kollektiv im Vordergrund - eine Musterphrase aus der Freiburger Schule, die "Johnny", wie ihn alle beim SC nennen, bereits zu A-Jugendzeiten prägte.

Das Kollektiv überzeugte an diesem Samstag defensiv, ließ aber im Angriffsspiel einige Wünsche offen, erzeugte kaum Gefahr. Für Schmid kein Problem: "Es war wichtig, dass wir defensiv gut standen, in den letzten Spielen waren wir zu offen. Wir wollten kompakt stehen und kontern. Ohne den Freistoß wäre es vielleicht 0:0 ausgegangen." Auch, weil sich bei zwei späten Wolfsburger Großchancen, die zuvor noch harmloser nach vorne spielten als der SC, das Glück hinzugesellte, hält der Freiburger Höhenflug an. Schmid wiederholte in diesem Zusammenhang das demütige Klub-Mantra ("auf dem Boden bleiben und weiter hart arbeiten"), benutzte dann aber doch ein sehr positives Attribut: "Wir haben eine geile Truppe, schauen wir, wo es hingeht."

Freiburg: Mit drei Punkten zur Weihnachtsfeier

Schmid ist durch seinen unermüdlichen Einsatz und fünf Scorerpunkte (vier Tore, ein Assist) ein sehr wichtiger Teil dieser Truppe - trotz einer zwischenzeitlichen Leistungsdelle und ab und an auftretender Defensivschwächen als rechter Außenverteidiger. Zum Abschluss des Gesprächs versicherte er den Journalisten dann noch zur großen Überraschung, dass er auch künftig wieder zu Freistößen antreten werde und stellte fest, dass es mit den drei Punkten doch schöner sei als ohne sie die SC-Weihnachtsfeier mit allen Mitarbeitern an diesem Sonntag im Europapark zu begehen.

Schmid verabschiedete sich, drehte sich um und schlug auf einmal energische Töne - in anderer Rolle und in seiner französischen Muttersprache. Für seine beiden Söhne - einer im Trikot der Equipe Tricolore gekleidet - gab es einen Rüffel, weil sie in der Interviewzone ihre Schuhe in den Händen und nicht an ihren Füßen trugen. Ordnung muss sein, zumal aus dem Stadion etwas kühle Luft hereinwehte. Die kleinen Sockenläufer dürften ihrem Papa aber nicht nachhaltig die Laune verdorben haben, nach dem Interview-Marathon begann für Schmid schließlich der angenehme Teil des Abends.

Carsten Schröter-Lorenz

Bilder zur Partie SC Freiburg - VfL Wolfsburg