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Vor dem JuniorCup: Vogts, Kircher und VfB-Trainer Willig über das Turnier

Mercedes-Benz JuniorCup: Vogts über Klinsmann, Willig über den VfB und Kircher über die Schiedsrichter

"Immer eine Auszeichnung, dabei sein zu können"

Mercedes-Benz JuniorCup

Expertenrunde: Talk im Rahmen des Mercedes-Benz JuniorCup. imago images

Anfang Januar ist es jedes Jahr soweit. Acht Spitzenmannschaften aus der Bundesliga und Europa treffen in Sindelfingen aufeinander. Der Mercedes-Benz JuniorCup ruft und alle kommen. Diesmal sind in der Gruppe A Eintracht Frankfurt, die Glasgow Rangers, RB Leipzig und SK Rapid Wien am Start. In Gruppe B sind der VfB Stuttgart, FC Porto, Borussia Mönchengladbach und Manchester United vertreten. "Ich habe schon sieben- oder achtmal in Sindelfingen gepfiffen", erzählt Kircher, der von seinen Erfahrungen im Glaspalast schwärmt. "Es war immer fantastisch. Ich kann mich erinnern, dass ich als Oberliga- oder Verbandsligaschiedsrichter immer gehofft habe, für den JuniorCup nominiert zu werden." Die Gründe liegen für den früheren FIFA-Schiedsrichter auf der Hand. "Volle Hütte, enge Halle, tolle Atmosphäre, unheimlich schneller Fußball, Riesenqualität der Spieler und Mannschaften. Ich habe mich immer gefreut dabei zu sein. Es war und ist immer eine Auszeichnung, dabei sein zu können."

Eine Freude, die seinen Nachfolgern auf den Rasenplätzen der Republik immer öfter genommen wird. Gewalt gegen Schiedsrichter kommt verstärkt vor und ist dem Ingenieur ein Dorn im Auge. "Das ist ein gesellschaftliches Problem", meint der dreifache Familienvater. "Der Respekt hat deutlichst abgenommen." Was er eine "erschreckende Entwicklung" nennt. "Jetzt gilt es, über den DFB und die Landesverbände einen Lösungsweg zu finden, um diese Geschichte gemeinsam wieder schnell rauszukriegen."

Vieldiskutiertes Thema: der Videobeweis

Für die öffentliche Kritik an den zuweilen strittigen Entscheidungen durch Videoschiedsrichter hat er Verständnis. Dennoch sieht der 50-Jährige auch die Vorteile. "Wenn ich im Rückblick ein paar meiner Entscheidungen reflektiere, muss ich sagen: Vielleicht wäre es nicht schlecht gewesen, ich hätte früher auch den Videoschiedsrichter gehabt." Dass die Technik allerdings auch Opfer verlange, liege in der Natur der Sache.

Was am Wochenende Mario Gomez und der VfB am eigenen Leib erleben mussten. Dreimal stand der Ex-Nationalspieler in Sandhausen zentimeterweise im Abseits. Dreimal wurden seine Tore aberkannt. Der VfB unterlag 1:2 und der Stürmer war angefressen. "Wenn ich die Technik habe, wenn ich so ein Bild also anhalte, dann habe ich keinen Toleranzbereich mehr. Dann gibt es nur noch schwarz und weiß und keinen Graubereich mehr", sagt Kircher. "Das ist ein Stück weit der Nachteil des Videoassistenten, beziehungsweise der Technik. Man versucht alles haarklein aufzulösen. Dann ist kein Ermessensspielraum mehr möglich."

Den es auch in Berlin nicht gab, als die Hertha mit 1:2 gegen Dortmund verlor und ein Tor von Davie Selke aberkannt wurde. Ebenfalls wegen einer minimalen Abseitsstellung, die dem Klub aus der Hauptstadt die Chance auf einen möglichen (Teil)Erfolg nahm. Trotzdem glaubt Berti Vogts, dass die Hertha über kurz oder lang auf dem richtigen Weg ist. Unter der Regie von Jürgen Klinsmann, seinem einstigen Spieler im DFB-Team, dessen Engagement überraschend kam. "Ich hatte nicht damit gerechnet. Ich dachte, er sitzt dort im Aufsichtsrat und kommt nur alle paar Wochen nach Deutschland, um seine Mutter zu besuchen und anschließend nach Berlin zu fliegen", sagt der frühere Bundestrainer. "Ich traue ihm zu, dass er da eine gute Saison spielt." Allerdings nicht als Wunderheiler. "Er braucht natürlich Zeit, um die Mannschaft auf seinen Stil umzustellen."

Zeit, die auch beim VfB Stuttgart gefragt ist. Die Schwaben erleben in der 2. Liga eine schwere Zeit. "Man kriegt es überall mit. Man lebt und leidet mit", sagt Willig. Der Trainer der VfB-U-19 wünscht sich, "dass aus dieser Krise, die es zweifellos gibt, weil man sich im Umfeld mehr erhofft hatte, etwas wächst. Dass ein Zusammenhalt entsteht und dass man sich als Weihnachtsgeschenkt neun Punkte unter den Baum legt". Damit der Aufstiegsanwärter wieder Ruhe findet.

Ob man Meister, Vizemeister oder Dritter wird, ist für die Entwicklung, Spieler oben reinzubringen, sekundär.

Stuttgarts U-19-Trainer Nico Willig

Ruhe, die der Traditionsklub braucht, um sich eine Liga höher und dort tabellarisch weiter oben wieder ansiedeln zu können. Inklusive des ins Auge gefassten Neuaufbaus seiner Jugendarbeit. Ein ureigenstes Qualitätsmerkmal des schwäbischen Renommierklubs als Talentschmiede. Dazu sei gute Ausbildung wichtiger als Titel. "Spiele um Titel sind gut für die Entwicklung der Spieler", sagt der 38-Jährige. "Das sind ganz enge Spiele auf höchstem Niveau. Das macht Spieler besser. Denn am Ende sollen sie ja in die Bundesliga und dort auf höchstem Niveau spielen. Deswegen braucht man solche Spiele." Allerdings seien ein Pokal oder eine Schale zweitrangig. "Ob man Meister, Vizemeister oder Dritter wird, ist für die Entwicklung, Spieler oben reinzubringen, sekundär."

Diese Entwicklung haben sich die Stuttgarter auf die Fahne geschrieben. Anders als andere Klubs, wie Willig berichtet. "Im Nachwuchsbereich entwickelt sich momentan ein Wettbewerb, in dem sich viele Vereine, die im Aktivenbereich keine hohen Ablösesummen bezahlen wollen, versuchen, früher internationale Spieler zu bekommen." Talente, jung und überschaubar teuer, sportlich wie finanziell vielversprechend. Mit kuriosen Folgen. "Damit treffen wir in der U-19-Bundesliga auf Mannschaften, die aus Australiern, Amerikanern, Franzosen, Niederländern, Belgiern oder Schweden bestehen. Und der Trainer coacht sie in mehreren Sprachen. Diese Entwicklung wollen wir als VfB nicht mitgehen. Diese Entwicklung wird uns im deutschen Fußball nicht voranbringen."

Vogts stolz auf seine Jugendtrainer-Tätigkeit

Eine Meinung, die auch Vogts vertritt. "Ich war auch jahrelang Jugendtrainer beim DFB", sagt der 72-Jährige. "Für mich galt eine Meisterschaft gar nichts. Für mich galt nur: Wen bringst du raus, damit er später A-Nationalspieler wird?" Und das hat gut geklappt. "19 Spieler aus der Weltmeistermannschaft von 1990 hatten vorher bei mir gespielt. Darauf bin ich sehr, sehr stolz."

Mit Blick auf die Bundesliga hat Vogts dagegen durchaus die Meisterschaft im Blick. Sein Ex-Klub Gladbach erwartet als Tabellenführer die Bayern. "Wenn Borussia es hinbekommt, sie am Samstag zu schlagen, wird es schwer für die anderen Mannschaften." Zwar traue er auch RB Leipzig "eine Menge" zu, aber sollte Gladbach siegen, "dann muss man sie auf dem Zettel haben. Dann wird es schwer, will man sie oben wegholen". In Sindelfingen könnten die jungen "Fohlen" ebenfalls ein Wörtchen mitreden, wenn es Anfang Januar um den JuniorCup geht. "Die Borussia hatte immer guten Nachwuchs." Möglicherweise diesmal auch so gut, dass ein Borussen-Talent am Ende - wie alle Jahre durch den kicker - zum besten Spieler des Turniers gekürt werden könnte.

George Moissidis