Bundesliga

Starkes Schalke: Das sind die Gründe für den Aufschwung

Analyse zum Formhoch beim Tabellendritten

Starkes Schalke: Das sind die Gründe für den Aufschwung

"Unglaubliche Stimmung": Bei Schalke läuft aktuell vieles, wie es sein soll. imago images

Was für ein Fehlstart. Schon wieder verliert Schalke die ersten fünf Spiele, wie schon zwei Jahre zuvor. Nach dem 13. Spieltag steht S04 mit 14 Zählern auf Rang 12, entlässt im März Domenico Tedesco nach einem 0:7 bei Manchester City und landet mit Interimscoach Huub Stevens nach wochenlangem Abstiegskampf auf Rang 14. Nach einem schnöden 0:0 gegen Stuttgart und 33 Punkten ist sie endlich zu Ende. Die Saison 2018/19 im Schnelldurchlauf.

Seit dem Sommer ist Schalke kaum wiederzuerkennen. Die Knappen haben elf Punkte mehr als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison auf dem Konto, kein anderes Team hat sich derartig verbessert. Königsblau befindet sich mittendrin in der Spitzengruppe. Die Gründe dafür? Sie lassen sich nicht gerade an einer Hand abzählen.

Wagner bringt Schwung - auch im taktischen Bereich

Einen Löwenanteil hat natürlich David Wagner. Der Eurofighter von 1997 besitzt eine Schalker Vergangenheit, das hilft ihm. "Ich weiß genau, was dieser Verein ist. Wo der Erstkontakt kam, wusste ich: Ja, das will ich machen", sagte er kurz nach Amtsantritt. Störfeuer wie den Wirbel rund um Clemens Tönnies oder die Personalie Nabil Bentaleb hält er von der Mannschaft weg. Wagners Optimismus und seine positive Ausstrahlung wirken - vor allem im Vergleich zu so manchem Vorgänger - erfrischend, Pressekonferenzen arten nicht in hohle Phrasendrescherei aus. Man hört ihm gerne zu.

Das scheint auch seinen Spielern so zu gehen, denn sie setzen seine Anweisungen um. Wagner ändert auch schon mal die Ausrichtung während des Spiels, siehe Union Berlin: "Der Trainer hat in der Pause taktisch etwas umgestellt. Cali (Daniel Caligiuri, d. Red) und ich haben in der zweiten Hälfte etwas offensiver gespielt und damit versucht, die gegnerische Abwehr zu überlaufen", verriet Suat Serdar. "Das hat sich am Ende ausgezahlt." In der Tat. Auf diese Weise fiel Serdars Siegtor. Schalkes taktische Vielseitigkeit war bei dieser Partie das Ass im Ärmel.

Schalke steckt nicht mehr so schnell auf

Das Union-Spiel war auch ein Beleg für eine weitere neue Charaktereigenschaft. Die Mannschaft steckt Rückschläge viel besser weg als vergangene Saison, diesmal den unberechtigten Elfmeter zum 1:1. Nicht das erste Mal, dass sich Schalke aufrappelte: Gegen Hertha BSC am 3. Spieltag lief in der ersten Hälfte wenig zusammen, nach dem 0:0 in Gladbach und dem 0:3 gegen den FC Bayern drohte mal wieder ein Fehlstart. Doch die Königsblauen erzwangen trotz des Drucks und bis dato null geschossenen Toren den ersten Saisonsieg (3:0). Gegen Mainz gewann S04 trotz des Ausgleichs in der 75. Minute und einem deutlichen Leistungsabbau dank Harits Treffer in der 89. Minute noch mit 2:1, noch krasser ist das Beispiel Augsburg. 0:1 und 1:2 lagen die Knappen zurück, gewannen aber mit 3:2. Auch auf den 1:2-Anschlusstreffer in Bremen reagierte Schalke erstaunlich cool. Das kannte man aus der Vorsaison so nicht.

Harit, Serdar und Mascarell wie ausgewechselt

Genauso, wie manche Spieler im Vergleich zu 2018/19 nicht wiederzuerkennen sind. Allen voran Harit: In der Vorsaison war er nur Mitläufer, der Kopf nach dem schicksalhaften Autounfall im Sommer 2018 nicht frei. Nun ist er es, das belegen sechs Tore, vier Assists und die kicker-Note von 2,88. Riesensprünge haben auch Suat Serdar (fünf Tore, Note 2,78) und Vizekapitän Omar Mascarell (Note 3,08) gemacht, der Spanier wurde jüngst zum Schalker Spieler des Monats gewählt. "Diese Saison ist ganz anders", sagte Mascarell im vereinseigenen TV. Die Stimmung innerhalb der Mannschaft sei "unglaublich".

Auch Mascarell ist es unter anderem zu verdanken, dass Schalke personelle Probleme kompensiert hat, in Bremen half er nach den Ausfällen von Salif Sané und Benjamin Stambouli erfolgreich im Spielaufbau aus. Dass Schalke generell in der Abwehr ordentlich steht, liegt aber vor allem an starken Neuzugängen. Rechtsverteidiger Jonjoe Kenny (ein Tor, zwei Assists, Note 3,27) hat sich mit seiner engagierten, aggressiven und offensiven Spielweise längst in die Fan-Herzen gespielt, Ozan Kabak (zwei Tore, ein Assist, Note 2,25) zeigt nach seinem verletzungsbedingten Ausfall zu Saisonbeginn inzwischen seine ganze Klasse.

Raman bringt neue Qualität ins Spiel

Ganz vorne hat sich Benito Raman inzwischen etabliert, nachdem die Torjäger um Guido Burgstaller und Mark Uth bislang leer ausgegangen sind. Der Ex-Düsseldorfer traf zweimal im Pokal in Bielefeld, einmal in Bremen, nun auch fulminant gegen Union. Das Pressing hat mit seinen unzähligen aggressiven Sprints auf den letzten Mann des Gegners eine Qualität bekommen, die Schalke seit Jahren, ja, wenn nicht seit einem Jahrzehnt, vermissen ließ.

Und dann ist da natürlich auch ein ganz banaler Grund: Schalke hat in dieser Saison keine Dreifachbelastung, kräftezehrende internationale Auftritte fallen weg. Die jungen Stammspieler Kenny (22), McKennie (21), Kabak (19), Serdar (22) und Harit (22) können ihre Wucht und ihr Tempo in der Liga voll zur Geltung bringen.

Bleibt nur noch abzuwarten, ob Schalke auch ein weiteres Problem in den Griff bekommt, mit dem es sich seit Jahren herumschlägt: fehlende Konstanz. Die letzten Spiele bis zur Winterpause (in Leverkusen, gegen Frankfurt, in Wolfsburg und gegen Freiburg) werden einen Hinweis geben, ob S04 auch in diesem Bereich dazugelernt hat.

Christoph Laskowski

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