Bundesliga

Hennes Weisweiler - Jahrhundert-Trainer

Der legendäre Fußballlehrer wäre am Donnerstag 100 Jahre alt geworden

Hennes Weisweiler - Jahrhundert-Trainer

Hennes Weisweiler

Wäre am Donnerstag 100 Jahre alt geworden: Hennes Weisweiler. picture alliance

Es ist kein Tag für Anzüge und keiner für gedeckte Farben. Die Sonne strahlt über Köln, die Quecksilbersäule steigt deutlich über die 30-Grad-Marke. Ein Gute-Laune-Tag. Eigentlich. Doch Köln trägt Trauer: Der Roncalli-Platz vor dem Hohen Dom ist bevölkert von Tausenden Menschen, die Abschied nehmen von einem der größten Söhne der Stadt. Vor der Kathedrale verharren circa 15 000, rund 4000 Trauernde - mit ihnen die gesamte Fußball-Prominenz - wohnen dicht gedrängt dem Gottesdienst bei, nehmen still Abschied von Hennes Weisweiler, der am 5. Juli 1983, morgens gegen halb sieben, völlig überraschend aus dem Leben gerissen wird, nur 63 Jahre alt. Drei Wochen nach dem Double-Triumph mit dem Grasshopper-Club Zürich hört ein starkes Herz auf zu schlagen, urplötzlich und viel zu früh, doch jeder, der sich für Fußball interessiert, weiß: Hennes Weisweiler lebt weiter. In seinen Ideen, seinen Mannschaften, seinen Spielern.

100 Jahre alt wäre er am 5. Dezember 2019 geworden, der Mann, über den Jupp Heynckes sagt: "So wie ein Vater seine Kinder prägt, so prägte Weisweiler uns. Nie aufgeben, akribisch arbeiten, gegen den Strom schwimmen - das brachte er uns bei." Es sei kein Zufall, so Heynckes, dass viele ehemalige Weisweiler-Schützlinge (außer ihm unter anderem Berti Vogts, Winfried Schäfer, Rainer Bonhof, Horst Köppel, Uli Stielike, Herbert Neumann, Hannes Löhr) später erfolgreiche Trainer wurden: "Er hat von Anfang an, auch ganz bewusst, viele seiner Fähigkeiten auf uns übertragen."

"Tschik! Decken! Arschloch!"

Dabei präsentiert der 1919 in der bäuerlichen Provinz von Erftstadt-Lechenich nahe Köln geborene Weisweiler seinen Mitmenschen viele Facetten. Hier der Mensch, dort der Trainer. Hier der Netzwerker, der seine Tätigkeit als Dozent an der Sporthochschule in Köln ebenso für seine Klubs nutzt wie seinen Posten als Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung. Über Absolventen aus dem Ausland lässt er sich Talente empfehlen, die er häufig zu Top-Stars formt. Ulrik le Fevre, Allan Simonsen oder Henning Jensen sind nur drei Beispiele von vielen. Es gibt den intelligenten Theoretiker, der Lehrbücher schreibt, die bis heute zu den Standardwerken der Trainer-Ausbildung gehören. Aber es gibt auch den jähzornigen Hennes, der von einem auf den anderen Moment aus der Haut fährt, dass dem Gegenüber nicht viel bleibt, als schleunigst Deckung zu suchen. Der eine Woche lang nicht mit einem Spieler spricht, weil der sich erlaubt hat, nach einer Niederlage einem Bekannten am Straßenrand aus dem Bus zuzuwinken. Der seinen Spieler Zlatko "Tschik" Cajkovski vom Spielfeldrand aus brachial auffordert: "Tschik! Decken! Arschloch!" Was den späteren Trainer des FC Bayern nicht daran hindern wird, Weisweiler zeitlebens "Professor" zu nennen und geradezu hymnische Verehrung entgegenzubringen.

Jungen Spielern ist er die Vaterfigur, großen Stars kommt er häufig als böser Onkel daher. Wobei es der Karriere des Hennes Weisweiler nicht im Ansatz gerecht wird, ihn auf seine Auseinandersetzungen mit Top-Spielern zu reduzieren. Ob Günter Netzer in Mönchengladbach, Johan Cruyff in Barcelona, Wolfgang Overath in Köln oder Giorgio Chinaglia in New York. Diese Kräche gehören dazu, aber sie bedeuten nur einen ganz kleinen Teil seines Wirkens.

Ein Dickschädel, der nachgibt

Hennes-Weisweiler-Allee

Die Hennes-Weisweiler-Allee in Mönchengladbach. picture alliance

Dass der Dickschädel bereit ist, eigene Überzeugungen zu überprüfen und nötigenfalls über den Haufen zu werfen, beweist er in Mönchengladbach. Nach dem Bundesliga-Aufstieg 1965 und einer zweijährigen Anlaufzeit begeistert die Borussia mit ihrem Offensivfußball, der allerdings im entscheidenden Augenblick Erfolg kostet. Nach zwei dritten Plätzen fordert Günter Netzer den Trainer auf, defensive Sicherungen einzubauen. Zunächst protestiert der Offensiv-Apostel, dem "ein 6:5 lieber ist als ein 1:0", und schleudert seinen Spielern entgegen: "Von euch lasse ich mir meinen Namen nicht kaputt machen." Dennoch stimmt er der Verpflichtung zweier Routiniers für die Abwehr zu. Und siehe da: Mit Ludwig Müller und Klaus-Dieter Sieloff kassiert die Borussia nur 29 Tore in 34 Spielen, und am Ende der Saison reckt Hennes Weisweiler die Schale in die Höhe, ein Jahr später erneut und wieder mit der besten Abwehr.

50 Jahre ist er alt, als er erstmals Deutscher Meister wird. Kein Fakt belegt eindrucksvoller, wie beharrlich er auf dieses Ziel hingearbeitet hat. Bundestrainer hätte er werden können als Nachfolger von Sepp Herberger, er verzichtet zugunsten der täglichen Arbeit mit einer Klub-Mannschaft und wird nun reich belohnt. Drei Meisterschaften mit der Borussia, dazu ein Pokalsieg runden seine elfjährige Tätigkeit am Bökelberg ab, die er 1975 mit dem Sieg im UEFA-Cup gegen Twente Enschede quittiert. Dem Intermezzo in Barcelona folgen vier erfolgreiche Kölner Jahre mit zwei Pokalsiegen und der Meisterschaft 1978, in diesem Jahr holt er als dritter Trainer überhaupt das Double. Im Streit trennt man sich, es folgen die Stationen New York und Zürich, Meister wird er auch dort mit seinen Klubs.

Elf Jahre Mönchengladbach, elf Jahre 1. FC Köln (in drei Etappen) - der Jahrhundert-Trainer Hennes Weisweiler hat es geschafft, sich in diesen beiden Fußball-Gemeinden - die sich gemeinhin den Dreck unter den Fingernägeln nicht gönnen - in die allererste Reihe der Idole zu siegen, zu schimpfen, zu lachen. Und das ist fast mehr wert als jeder Titel.

Hennes Weisweiler

Geboren 5. 12. 1919 in Lechenich, gestorben am 5. 7. 1983 in Aesch/Schweiz

Seine Vereine als Trainer:
07/48 - 06/52 1. FC Köln
07/52 - 06/54 Rheydter SV
07/54 - 06/55 Assistent DFB
07/55 - 06/58 1. FC Köln
07/58 - 06/64 Viktoria Köln
07/64 - 06/75 Bor. Mönchengladbach
07/75 - 06/76 FC Barcelona
07/76 - 04/80 1. FC Köln
05/80 - 11/81 Cosmos New York
07/82 - 07/83 Grasshoppers Zürich

Größte Erfolge:
UEFA-Cup-Sieg 1975 (mit Mönchengladbach)
Deutscher Meister 1970, 1971, 1975 (mit Mönchengladbach), 1978 (mit Köln)
DFB-Pokalsieger 1973 (mit Mönchengladbach), 1977, 1978 (mit Köln)
US-Meister 1980 (mit Cosmos New York)
Schweizer Meister 1983 (mit Grasshoppers)
Schweizer Pokalsieger 1983 (mit Grasshoppers)

Frank Lußem

Hennes Weisweiler: Monument und Mensch