Hoffenheim: Interview mit Frauen-Trainer Jürgen Ehrmann

Ehrmann über Platz zwei: "Das bestätigt unsere Arbeit"

Jürgen Ehrmann

Vereinstreue: Seit 2008 ist Jürgen Ehrmann Hoffenheims Chefcoach. imago images

Überrascht Sie der Höhenflug Ihrer Mannschaft oder hatten Sie insgeheim sogar ein bisschen damit gerechnet?

Dass wir auf dem zweiten Tabellenplatz stehen, ist sicherlich ein bisschen überraschend, aber es war unser Ziel, uns da vorne irgendwo einzugliedern. Wolfsburg und Bayern sind die stärksten Teams, dann kommt ein breites Mittelfeld, zu dem beispielsweise Essen, Frankfurt oder wir gehören. Dass wir es letztendlich so erfolgreich sind, war bisher verdient und bestätigt unsere Arbeit.

Was zeichnet Ihre Mannschaft aus?

Zum einen ein sehr großer Trainingsfleiß. Zum anderen, dass man bei uns nicht sagen kann, dass eine Spielerin alleine der entscheidende Faktor ist. Wir sind eine ausgeglichene Mannschaft und unser Spiel ist nicht auf einzelne Spielerinnen zugeschnitten.

Welche Spielerinnen müssen sich die Leser künftig merken?

In dieser Saison sind mit Isabella Hartig, Tabea Waßmuth, Lena Lattwein und Maximiliane Rall schon einige unserer Spielerinnen bei der Nationalmannschaft aufgetaucht, bis auf Lattwein blieben sie aber ohne Einsatzzeit. Diese vier sind sicherlich Spielerinnen, die auf sich aufmerksam gemacht haben. Es gibt aber auch noch andere im Kader, die gute Entwicklungen nehmen. Leonie Pankratz und Fabienne Dongus, unser Spielführerinnen-Duo, sind für uns sehr wichtige Spielerinnen, die nicht so oft erwähnt werden. Sie lenken die Mannschaft und gehen mit ihrer Einstellung immer voraus. Leider wird uns Fabienne aufgrund eines Innenbandrisses im Knie noch rund drei Monate fehlen.

Sie trainieren die TSG seit 2008, seit 2013 in der Bundesliga - sehen Sie es als Teil der Entwicklung, dass es dieses Jahr so gut läuft?

Wir haben damals in der Oberliga angefangen. Seitdem ist der Verein gewachsen und wir versuchen immer vorwärts zu kommen. Wir sind Teil eines innovativen Vereins, bei dem wir Möglichkeiten haben, die andere Mannschaften nicht haben, wie zum Beispiel das Training im Footbonaut oder der Helix. Unsere verletzten Spielerinnen werden im Reha-Zentrum in Zuzenhausen intensiv betreut. Zudem haben wir im Trainerteam einen hauptamtlichen Co-Trainer installiert, haben einen eigenen Athletiktrainer und mit Birgit Prinz eine Sportpsychologin. Es hat sich ein ganzer Stab entwickelt und das ist sicher ein Grund, warum wir auf eine tolle Entwicklung blicken können.

Was sind Sie persönlich für ein Trainertyp?

Ich arbeite nicht mit Druck, sondern mit Überzeugung. Man muss von dem überzeugt sein, was man tut, damit nicht gleich alles zusammenbricht, wenn mal was schiefgeht. Die menschliche Schiene spielt für mich auch eine große Rolle. Ich habe den Vorteil, dass ich zusätzlich noch an einer Berufsschule arbeite und bei der Entwicklung der Jugendlichen immer auf dem Laufenden bin. Bei über 20 Spielerinnen im Kader ist es nicht einfach, immer alle zufrieden zu stellen. Diesen Anspruch hatte ich mal, habe aber mittlerweile eingesehen, dass das nicht zu schaffen ist. Wenn jemand nicht spielt, ist er unzufrieden. Trotzdem versuche ich, den Spielerinnen das in Gesprächen nahezubringen. Wichtig ist für mich, dass im Trainerteam jeder Einzelne seine Stärken miteinfließen lässt.

Ist es für Sie das Modell der Zukunft, dass Frauenmannschaften in erfolgreiche Männerklubs integriert werden?

Es gab auch schon Frauenvereine, die an Profimannschaften angegliedert waren, bei denen es nicht so gut lief. Wenn der Verein das positiv unterstützt und die Frauen ihre Rolle im Verein finden, dann hat das mit Sicherheit Vorteile. Allerdings gibt es auch Klubs wie den 1. FFC Turbine Potsdam, die sehr gute Trainingsmöglichkeiten haben und außerdem durch eine tolle Atmosphäre überzeugen. Auch in Essen oder Sand wird gute Arbeit geleistet.

Was unterscheidet Hoffenheim von den anderen Vereinen der Liga?

Wir haben einen anderen Ansatz als Bayern oder Wolfsburg. Wir hatten in den vergangenen Jahren mit Luana Bühler nur einen externen Zugang, alle anderen Zugänge kamen aus der eigenen Jugend. Das ist ein schwieriger Weg, weil der Sprung von der 2. Bundesliga, in der unsere U20 spielt, in die Bundesliga groß ist. Wir wollen talentierte Spielerinnen Schritt für Schritt heranführen und ihnen Methoden an die Hand geben, um ihre sportlichen Ziele zu erreichen. Viele junge Spielerinnen bekommen bei uns Spielzeit, wenn sie ihre Leistung bringen und fleißig sind. Entsprechend ist dann auch ihre Entwicklung. Diese konstante Förderung von jungen Spielerinnen haben wir uns auf die Fahne geschrieben. Außerdem steht bei uns neben der sportlichen Karriere auch die schulische beziehungsweise berufliche Laufbahn im Fokus. Die Vereinbarkeit von Sport und Schule oder Beruf ist unabdingbar und wird bei uns durch hauptamtliche Mitarbeiter intensiv unterstützt. Das wissen die Spielerinnen sehr zu schätzen und das Aufbauen eines zweiten Standbeins klappt in Hoffenheim hervorragend.

Interview: Susanne Müller