Hertha: Der neue Trainer hat viel Arbeit vor sich

Standards, Konter, Torschüsse: Wo Klinsmann ansetzen muss

Jürgen Klinsmann bei der Pressekonferenz

Hat den Plan vor Augen: Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann. imago images

Es ist eine Woche, die es in sich hat bei Hertha BSC - für alle Beteiligten. "Es waren intensive Stunden - auf allen Ebenen", sagte Manager Michael Preetz am Freitag. "Wir haben Entscheidungen getroffen, die mit einigen Veränderungen einhergingen. Im ersten Schritt ging es ums Kennenlernen." Vieles muss sich einspielen und finden - innerhalb des neuen Trainerteams, aber auch zwischen dem Staff und der Mannschaft. In Borussia Dortmund, dem großkalibrigen Gegner am Samstag, sieht Preetz "genau die richtige Aufgabe, um zu zeigen, dass wir Aufbruchstimmung verbreiten wollen".

Klinsmann konstatierte am Tag vor seinem Debüt auf der Hertha-Bank: "Ich habe versucht, mir so schnell wie möglich ein Bild zu machen. Alle sind sehr offen, alle stehen hinter diesem Prozess. Man spürt eine unglaubliche Energie hier. Wir freuen uns ungemein auf das Spiel." Dass den ersten 90 Minuten unter seiner Regie eine große Bedeutung zukommt, ist dem Weltmeister von 1990 bewusst: "Viel hängt von morgen ab - nicht unbedingt vom Ergebnis, sondern eher von der Präsentation der Mannschaft. Wenn alles da ist, was wir im Training gesehen haben, ist mir nicht bange." Klinsmanns Aufgaben-Katalog beim nach vier Niederlagen in Serie auf Platz 15 abgestürzten Hauptstadt-Klub ist umfangreich.

Defensive: 25 Gegentore nach zwölf Spielen - löchriger war Herthas Deckung zuletzt in der Abstiegssaison 2009/10 (damals 26 Gegentore nach zwölf Spielen). Haarsträubende individuelle Aussetzer, zuletzt von Rot-Sünder Rune Jarstein in Augsburg, gingen einher mit viel zu großen Abständen zwischen den einzelnen Spielern und Ketten auf dem Platz. In den letzten Wochen unter Klinsmann-Vorgänger Ante Covic verkam Hertha in der Liga (0:4 in Augsburg, 2:4 gegen Leipzig) und im Pokal (5:4 n.E., 3:3 n.V. gegen Zweitligist Dresden) zur Schießbude. Auffällig: sechs Gegentore nach Fernschüssen - Ligahöchstwert. In der Schlussviertelstunde kassierte Hertha bereits neun Gegentore (nur Mainz mehr, 12).

Standards: Nach eigenen Standards war Hertha in dieser Saison erst viermal erfolgreich, nur Mainz, Paderborn und Wolfsburg sind nach ruhenden Bällen harmloser (je drei Tore). Auf der anderen Seite kassierte Klinsmanns neues Team an den ersten zwölf Spieltagen bereits zehn Gegentore nach Standards, zuletzt in Augsburg wieder zwei. Nur Bremen (elf Gegentore) ist in dieser Kategorie noch anfälliger. Fünf Gegentore per Elfmeter sind ligaweit der Höchstwert.

Konter: Bereits fünf Gegentore nach Kontern - das ist ligaweit der Höchstwert zusammen mit Augsburg. Das Rückzugsverhalten und die Staffelung - Klinsmann und seine Co-Trainer Alexander Nouri und Markus Feldhoff müssen dafür sorgen, dass bei Hertha nach Ballverlusten nicht mehr so oft wie zuletzt Alarmstufe Rot herrscht.

Offensive: Der Vorsatz des Sommers, nach dem Wechsel von Pal Dardai zu Ante Covic torgefährlicher, dynamischer und wuchtiger zu werden, verkümmerte zuletzt immer mehr. 118 Torschüsse nach zwölf Spielen - niemand in der Liga schoss seltener aufs Tor. Der frühere Stürmer Klinsmann muss Herthas zuletzt mutlose Offensive reanimieren. "Wir haben am Donnerstag Torschusstraining gemacht, damit die Jungs ihre Zielrohre einstellen", sagte Klinsmann am Freitag. "Ein Stürmer, das habe ich selbst durchlebt, lebt viel von Selbstvertrauen und Energie in einer Mannschaft. Ich hoffe, dass sie morgen mit viel Mut reingehen und ein paar reinknipsen." Sturm-Routinier Vedad Ibisevic - von Dardai 2016 zum Kapitän ernannt, von Covic im Juli im Amt bestätigt - behält auch unter Klinsmann die Binde: "Er ist der Leader hier. Vedad ist enorm wichtig für diese Mannschaft und genießt hohe Wertschätzung bei mir." Den zuletzt aufs Abstellgleis geratenen Salomon Kalou nannte Klinsmann "einen super Kerl und einen ganz wichtigen Spieler für uns". Auch den holprig in die Saison gestarteten Davie Selke (erst ein Tor) hat Klinsmann weit oben auf seinem Zettel. Co-Trainer Nouri kennt Selke aus dessen Bremer Zeit. Selke, so war am Freitagabend zu hören, hat gute Karten auf ein Startelf-Ticket gegen Dortmund. Und für Rekord-Transfer Dodi Lukebakio, bisher in unterschiedlichen Rollen mit wechselhaften Auftritten, muss Klinsmann die Rolle finden, in der der Belgier für die Mannschaft am wertvollsten ist.

Laufleistung: Mehr Feuer, mehr Gier, mehr Selbstvertrauen - all das muss der neue Cheftrainer mit seinem Stab dieser zuletzt zutiefst verunsicherten Mannschaft injizieren. Ein größeres Pensum wäre auch nicht verkehrt: Mit 112,8 Kilometern pro Spiel läuft Hertha bislang am drittwenigsten in der Liga. Nur Köln (111,8 km) und Düsseldorf (111,7 km) unterbieten Herthas Marke.

Achse: Auf dem Papier hatte Klinsmann-Vorgänger Covic eine Achse - auf dem Platz nicht. Mit Niklas Stark, Karim Rekik, Marko Grujic und dem zuletzt in der Versenkung verschwundenen Ondrej Duda hatten zentrale Spieler im ersten Saisondrittel vor allem mit sich zu tun. In Augsburg patzte dann auch noch der sonst so zuverlässige Stammkeeper Rune Jarstein. Klinsmann nimmt jetzt mit Blick auf die zuletzt poröse Abwehr vor allem seine Defensiv-Abteilung in die Pflicht: "Von Grujic, Stark, Boyata, Kraft erwarten wir Führung. Die gestandenen Spieler sind gefragt." Klinsmanns Credo mit Blick auf den Samstag lautet: "Wir wollen die richtigen Botschaften ausgeben." Die wichtigste Botschaft muss die Mannschaft senden, am Samstag, ab 15.30 Uhr.

Steffen Rohr