Bundesliga

Basics und Buddhas: Klinsmanns schwierigste Saison

Rückblick: Woran der neue Hertha-Trainer bei Bayern scheiterte

Basics und Buddhas: Klinsmanns schwierigste Saison

Klinsmann 2009 bei seinem letzten Spiel als Bayern-Trainer und beim ersten Training mit der Hertha.

Klinsmann 2009 bei seinem letzten Spiel als Bayern-Trainer und beim ersten Training mit der Hertha. imago images

Der FC Bayern lädt absolut unvermutet zu einem Termin ins Hotel Sheraton. Beim eigentlich so durchlässigen Rekordmeister ist nichts vorab durchgesickert. Die Bosse sind deshalb sehr stolz auf sich und noch mehr auf den Coup, den sie am damaligen 11. Januar 2008 verkünden.

Jürgen Klinsmann wird vom 1. Juli an Trainer an der Säbener Straße. Er fliegt zur Mittagszeit aus Los Angeles ein und wird - Bayern goes to Hollywood - in einer wuchtigen Inszenierung präsentiert. Es fehlt nur der rote Teppich.

Nur Beckenbauer dämpft die Euphorie: "Mutig"

Und da sitzt er nun. Mittendrin zwischen den Obersten des Klubs, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, weiter außen Karl Hopfner und Franz Beckenbauer. Rummenigge preist Klinsmann als "unseren absoluten Wunschkandidaten", dem Vorstandsvorsitzenden ist die Idee in einer vorweihnachtlichen Sitzung 2007 gekommen, kurz davor hatte Ottmar Hitzfeld seinen Ausstieg zum Saisonende mitgeteilt. Nur FCB-Präsident Beckenbauer dämpft die Begeisterung, er ordnet die Entscheidung als "mutig" ein.

Klinsmanns Stab und die fremde Welt der Bundesliga

Klinsmann darf sich in seinen Stab zehn Zuarbeiter aus fünf Nationen holen, vier Fitness-Beauftragte, seine Assistenten heißen Nick Theslof und Martin Vasquez, sie kommen aus den USA und Mexiko in die für sie völlig fremde Welt der Bundesliga.

Klinsmanns neuer Job: Das machen die anderen WM-Helden von 1990

Die Trainingsanlage wird millionenteuer zum Leistungszentrum aufgepeppt - mit Entspannungszonen, Playstation, Billardtisch, Tischtennisplatten und einem Auditorium. Sprachen sollen die Profis dort in der Mittagspause lernen oder sich Yogaübungen hingeben. Klinsmann spricht davon, ein Energiefeld aufzubauen. Auf dem Dach des Klubzentrums sitzen Buddhas. Von einer "perfekten Oase" schwärmt Rummenigge. Der Ansatz des neuen Trainers klingt so simpel wie selbstverständlich: Er will jeden Spieler jeden Tag besser machen - es ist der originäre Auftrag eines jeden Fußballlehrers. Denn in der Logik wird dann auch das Team besser. Seine Ideen, seine Visionen rufen im Umfeld und der Öffentlichkeit Zweifler auf den Plan, wer Klinsmann aber zuhört, der kann nicht leugnen: An sich ist das ein guter Plan.

Ich freue mich auf einen Querdenker, wir haben einen Mann gesucht, der eine eigene Meinung hat.

Uli Hoeneß im Juli 2008

"Natürlich weiß ich, auf was ich mich hier einlasse", sagt Klinsmann an diesem Freitag, "ich freue mich riesig drauf." Der Elan des Sommermärchen-Gestalters von 2006 ist gewaltig wie eh und je, seit der Heim-WM kennt ihn die Nation als mitreißenden Heißmacher, der eine Mannschaft zu Höchstleistungen pushen kann. Er hat die DFB-Auswahl reformiert, ihr eine offensive Spielkultur verpasst, spricht Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch und gilt als konfliktfähig. "Ich freue mich auf einen Querdenker", betont Hoeneß, da noch Manager des FCB, "wir haben einen Mann gesucht, der eine eigene Meinung hat."

Dämpfer zum Auftakt - Am 7. Spieltag Tabellenelfter

Am 15. August startet die Liga, aber gleich der Auftakt verläuft nicht nach Wunsch. Gegen den HSV heißt es trotz 2:0-Führung nur 2:2. Am 20. September wird es zum ersten Mal ungemütlich. Beim 2:5 gegen Bremen offenbart die Mannschaft grundsätzliche Defizite: Die Taktik passt nicht, die Defensivarbeit ebenso wenig. Das Zweikampfverhalten? Puh ... "Als Trainer", sagt Klinsmann, "lernt man aus Niederlagen immer mehr. Wir werden wieder aufstehen." Was er aber nicht ahnt: Die Spieler haben schon begonnen, an ihm zu zweifeln, an seinem Trainingsprogramm, seinen Ansprachen. Alles ist emotional, aber das Fachliche kommt zu kurz. Die Profis vermissen Ansagen und Kommandos, Klinsmann überschätzt ihre Lust auf Eigenständigkeit. Fußballer wollen keine Sprachen lernen oder Yogaübungen - schade eigentlich, denn die Zeit dafür hätten sie -, sie wollen die Basics pauken, sie wollen einen Plan. Nach sieben Spieltagen und einem 3:3 gegen Bochum sind die Bayern nur Elfter.

Kein Befreiungsschlag trotz des 5:0 in Lissabon

Am 25. Februar 2009 gewinnt der FCB sein Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League bei Sporting Lissabon mit 5:0. Klinsmann, intern wie extern längst angezählt, scheint ein Befreiungsschlag gelungen zu sein. Doch wer nach dem Abpfiff den Spielern zuhört, der erfährt zwischen den Zeilen, dass die Mannschaft sich nach einer schwachen Anfangsphase auf dem Platz selbst umorganisiert und ihre Spielweise geändert hat, nicht der Trainer. Hoeneß ist ebenfalls nicht mehr überzeugt von diesem Coach, Rummenigges Vertrauen schwindet parallel dazu. Am 5. April, dem Tag nach dem 1:5 in Wolfsburg, rückt Klinsmann erstmals öffentlich von seinen Spielern ab. Am 8. April verlieren die Münchner krachend mit 0:4 in Barcelona. Was jetzt folgt, ist nicht mehr aufzuhalten.

Am 25. April heißt es 0:1 gegen Schalke, die Münchner verpassen es auf Rang drei liegend mit dem Spitzenreiter Wolfsburg nach Punkten gleichzuziehen. Es ist Klinsmanns letztes Spiel. Nach seiner Entlassung bedankt er sich "von Herzen für eine ereignisreiche Zeit". Der Vorstand wünscht ihm "alles Gute für die Zukunft". Hoeneß holt einen alten Freund zurück. Jupp Heynckes.

Wolfsburg, das die Bayern mit Ex-Trainer Felix Magath gedemütigt hatte, wird erstmals Deutscher Meister. Die Münchner gewinnen das Saisonfinale gegen den VfB Stuttgart 2:1 und qualifizieren sich als Vize-Meister direkt für die Champions League.

Bernd Salamon

kicker.tv Hintergrund

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