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Stöcker: "Für einen Olympia-Boost brauchen wir Erfolge"

Interview mit Bundestrainer vor dem Quali-Event in Toulouse

Stöcker: "Für einen Olympia-Boost brauchen wir Erfolge"

Bundestrainer der DAV-Sportkletter: Urs Stöcker.

Hat ein zweites Olympia-Ticket fest im Blick: Bundestrainer der DAV-Sportkletter Urs Stöcker. picture-alliance

Herr Stöcker, die Spannung steigt - wie sind Ihre Schützlinge Jan Hojer und Yannick Flohé in Form?

Wir haben eine zweiwöchige, harte Trainingsphase in Innsbruck und Hilden hinter uns. Die beiden sind total fit und auf einem sehr ähnlichen Level. Ich bin gespannt, wie sie das in Toulouse zeigen können.

Was muss passieren, dass Sie als Bundestrainer mit dem Wettkampf in Toulouse zufrieden sind?

Wenn beide das Finale der besten Acht erreichen, wäre das super. Und dann sollen sie es unter sich ausmachen, wer der Bessere ist. Stand jetzt gibt es für uns neben Alex Megos nur einen weiteren Olympia-Platz - und den bekommt derjenige, der in Toulouse besser performt.

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Zuletzt waren beide bei der deutschen Meisterschaft im Lead gefordert. Hojer wurde Erster, Flohé Dritter. Wie haben Sie den Wettkampf dort erlebt?

Hojer hat dank seiner Souveränität gewonnen, die er einfach in den entscheidenden Momenten gezeigt hat. Seine Europameistertitel (2015 im Bouldern, 2017 im Bouldern und Olympic Combined, Anm. d. Red.) und seine WM-Medaillen (Dritter bei der Boulder-WM 2014, Dritter bei der Combined-WM 2018, Anm. d. Red.) zeigen, dass er in wichtigen Wettkämpfen voll da sein kann.

Olympic Combined, das für Tokio 2020 erfundene Format. Wie finden Sie diesen Dreikampf aus Speed, Bouldern und Lead?

Jan Hojer beim Speedklettern.

Jan Hojer beim Speedklettern. DAV

Ich war schon immer ein Verfechter von Kombinationswertungen. Deswegen will ich auch nicht die einzelnen Disziplinen auf- oder abwerten. Ich finde dieses Format sehr attraktiv und super spannend für die Zuschauer. Und der, der am Ende Gold um dem Hals hängen hat, ist wirklich der beste Kletterer.

Viele Athleten hadern mit dem Speedklettern. Können Sie das nachvollziehen?

Zumindest in Deutschland hat Speedklettern keine hohe Wertigkeit. In den osteuropäischen Ländern oder in Asien sieht das anders aus. Ich finde den Schnelligkeitsaspekt auch in der Ausbildung junger Kletterer enorm wichtig. In Deutschland ist diese Disziplin leider zu lange vernachlässigt worden.

Der Weg nach Tokio ist für Sportkletterer enorm schwierig, da es pro Nation und Geschlecht nur je zwei Plätze gibt. Fiel es den Athleten schwer, auch angesichts des neuen Combined-Modus, voll auf die Karte Olympia zu setzen?

Ja, das war schon eine schwierige Grundsatzentscheidung. Wir haben im Jahr 2017 nur gescoutet, haben überlegt, welcher DAV-Athlet könnte für Olympia in Frage kommen. 2018 war dann geprägt von vielen gemeinsamen Trainingseinheiten, zudem haben wir die Athleten in viele Wettkämpfe geschickt, um zu sehen, wie sie mit der hohen Frequenz zurechtkommen und wie sie sich in allen drei Disziplinen entwickeln können. Und das Jahr 2019 war das Qualifikationsjahr, da ging es nur darum, zu performen.

Wie sind Sie mit diesem Prozess seit 2017 zufrieden?

Wir haben bei den Männern mit Alex Megos, Jan Hojer und Yannick Flohé auf die absolut richtigen Athleten gesetzt. Megos ist bereits für Olympia qualifiziert, die beiden anderen haben sehr reelle Chancen. Aber bei den Frauen war es von Anfang an klar, dass die Olympia-Qualifikation eine sehr schwierige Mission wird. Auch hier haben wir mit Alma Bestvater, Afra Hoenig und Hannah Meul auf die richtigen gesetzt, aber es hat bis jetzt nicht funktioniert. Eine Chance gibt es noch bei der Europameisterschaft im Frühjahr, aber die Siegchance ist eher klein.

Yannick Flohé beim Bouldern

Yannick Flohé beim Bouldern - der 20-Jährige wurde dieses Jahr in dieser Disziplin WM-Dritter. DAV

Haben Sie eine Erklärung, warum es bei den Damen nicht wie erhofft lief?

Uns macht das Loch im Lead extrem zu schaffen. Wir sind in dieser Disziplin schon im Jugendbereich sehr schwach aufgestellt und das zieht sich bis oben durch. Im Bouldern können wir international sehr gut mithalten, im Speed sind wir im europäischen Vergleich wettbewerbsfähig, aber im Lead fehlt es.

Das ungeliebte Speed-Klettern - ist diese Disziplin am einfachsten zu trainieren?

Ja und Nein. Alex Megos war vor zwei Jahren noch bei 12 Sekunden, das kann man im Sprint mit 20 Sekunden auf 100 Meter vergleichen. Mit so einer Zeit muss man natürlich erst gar nicht antreten. Jetzt liegt seine Bestzeit bei 7,57 Sekunden. Die wirkliche Arbeit beginnt eigentlich jetzt, denn unter sieben Sekunden zu kommen, ist unheimlich harte Arbeit. Die Trainingszeit bis Olympia reicht aber keinesfalls, um beim Speed ganz vorne mitzumischen.

Dennoch braucht man beim Olympic-Combined-Format aufgrund der Multiplikation der Einzelergebnisse mindestens ein Spitzenergebnis. Wie sehen Sie die drei deutschen Kandidaten im Vergleich zur Weltspitze?

Alex Megos ist im Lead ganz vorne dabei. Die Frage ist, wie er sich im Bouldern entwickeln kann, so dass er an die Weltspitze rankommt. Er hat diese Klasse in diesem Jahr schon aufblitzen lassen, jetzt muss er Konstanz reinbekommen. Bei Jan Hojer ist das Bouldern das Steckenpferd, im Speed ist er mit 6,5 Sekunden im Spitzenbereich dabei. Yannick Flohé kann im Bouldern und Lead sehr weit vorne dabei sein und für Überraschungen sorgen.

Die Stärke im Kopf ist bei den Wettkämpfen oft entscheidend. Wer von den dreien ist das Mentalitätsmonster?

Hojer und Flohé bestreiten schon lange Wettkämpfe und haben Nervenstärke auch schon in wichtigen Momenten gezeigt. Megos hat in dieser Hinsicht etwas mehr zu kämpfen, weil er erst seit zwei Jahren wieder voll dabei ist. Wir haben in unserem Team mit Kai Engbert einen Psychologen dazu genommen. Er schult unsere Athleten, um auf Knopfdruck liefern zu können, aber auch um die richtigen Entspannungsmomente zwischen den einzelnen Disziplinen einbauen zu können. Man darf auch den Teamspirit nicht unterschätzen, der sich im Rahmen eines Wettkampfs entwickelt. Gerade für Megos ist dieser sehr wichtig, für Hojer anderseits sehr viel weniger. Ich hoffe sehr, dass wir als Team nach Tokio fahren.

Was erhoffen Sie sich prinzipiell davon, dass das Sportklettern jetzt olympisch ist?

Das Sportklettern wird durch Olympia einen Schub erfahren. Aber für einen echten Boost brauchen wir Erfolge. Wenn die Deutschen gut abschneiden, ergibt sich das von alleine. Wir haben derzeit bei den Herren ja auch ein paar Gesichter, die für Erfolge stehen. Aber planbar ist der Erfolg natürlich nicht, das macht Sport ja so faszinierend. Unsere Aufgabe heißt jetzt allerdings nicht, irgendwelche Medaillen-Vorgaben zu machen, sondern wir müssen zusehen, dass wir uns auf die Wettkämpfe optimal vorbereiten.

Schaut man sich die Siegerlisten des Jahres an, stehen fast immer Japaner vorne. Was macht die japanischen Kletterer so stark derzeit?

Die Japaner sind seit Jahren in der Nationenwertung beim Bouldern und im Lead ganz vorne. Allerdings wird ihr Erfolg auch ein wenig überbewertet. Ihr Vorteil ist, dass sie eine große Dichte an Spitzenleuten haben, die im Raum Tokio zusammen trainieren und so einen großen Konkurrenzkampf täglich erleben.

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Ein Modell mit Vorbild-Charakter?

Auf jeden Fall. Wir haben mit dem Olympia-Perspektivkader gesehen, dass kleine, sehr leistungsambitionierte Gruppen die einzelnen Athleten deutlich stärker machen - die gute Bouldersaison von Afra Hoenig lässt sich zum Beispiel so erklären. Ab 2017 haben wir mit Köln und München/Stuttgart Stützpunktregionen definiert und versuchen, das Netz auch mit Blickrichtung auf die Spiele in Paris 2024 weiter auszubauen.

Klare Analyse und offene Worte: Urs Stöcker.

Klare Analyse und offene Worte: Urs Stöcker. DAV

Sie sind seit 2017 beim DAV. Wie schaut es mit Ihrer persönlichen Perspektive aus?

Ich habe einen Vertrag bis Ende 2020. Dann sind die Olympischen Spiele vorbei und man wird beurteilen können, wie meine Arbeit war. Aktuell denke ich, dass es für beide Seiten nicht so schlecht aussieht und dass es weitergeht. Andererseits: Ich habe einen hohen Leistungsanspruch an mich selbst. Wenn ich diesem nicht mehr genüge, dann kann ich gut damit leben, wenn ich nicht mehr da bin.

Das Aufwärmen für Tokio 2020 fand bei der Kletter-WM in Hachioji statt. Wie haben Sie die Atmosphäre dort im August wahrgenommen?

Das war etwas ernüchternd, die Stimmung in der Halle etwas außerhalb von Tokio war sehr steril. Die Japaner sind als Publikum sehr zurückhaltend. Innsbruck 2018 oder Paris 2017 war in dieser Hinsicht natürlich eine ganz andere Nummer. Ich denke und hoffe, das wird bei Olympia dann anders.

Haben Sie die Wettkampfstätte der Sportkletterer in Tokio schon besichtigt?

Ja, allerdings war das damals noch ein Parkplatz. Aber prinzipiell ist es eine coole Location. Geklettert wird auf einer Außenanlage auf einer Art Halbinsel, das Meer und der Hafen sind nicht weit weg. Allerdings wird es natürlich in Sachen Klima eine ziemliche Herausforderung, heiße Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit sind definitiv nicht ideal zum Klettern. Auch das ist eine Herausforderung für uns.

Interview: Bernd Staib

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