Der Club vor einem gefährlichen Heimspiel gegen das Schlusslicht

Derby als Mutmacher? Woran Keller arbeiten muss

Jens Keller

Jens Keller, der neue Trainer des 1. FC Nürnberg. imago images

Dass der vor gut drei Wochen geschasste Damir Canadi nicht das Hauptproblem der Franken gewesen sein kann, dies zeigte sich bereits im ersten Spiel ohne ihn als Verantwortlichen: Beim 1:5 zu Hause gegen Bielefeld jedenfalls war keine Mannschaft zu sehen, die befreit vom angeblich so hemmenden Trainer es nun allen zeigen wollte und - bitterer wie früher 0:3-Rückstand hin oder her - zumindest verbissen um jeden Zentimeter Rasen kämpfte. Als bestes Beispiel dafür diente Ondrej Petrak, der dienstälteste Profi beim Club. Er, zweifelsfrei mit viel Potenzial gesegnet, durfte da zum ersten Mal von Beginn an ran, nachdem ihn der Ex-Trainer zuvor links liegengelassen hätte. Die Gelegenheit zu demonstrieren, wie falsch Canadi lag, ließ der 27-Jährige mit einem erschreckend blutleeren Auftritt an sich vorbeirauschen. Bezeichnend auch, dass er es nun beim neuen Trainer Jens Keller gegen Fürth nicht einmal in den Spieltagskader schaffte. Der mit einem gut dotierten Vertrag bis 2021 ausgestattete Mittelfeldspieler wird in der Winterpause ein heißer Streichkandidat sein, schließlich muss Sportvorstand Robert Palikuca in dem üppigen Kader erst mal Platz schaffen, ehe er ihm wie angedacht weitere Neuzugänge zuführen kann.

Würde man nur die erste Hälfte in Fürth werten, müsste man zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass dies dringend notwendig sei. Dass der Club unter seinem neuen Coach ein spielerisches Feuerwerk abbrennt, das war angesichts von sechs sieglosen Pflichtspielen in Serie und der daraus resultierenden Verunsicherung nicht zu erwarten. Dass der Club dafür aber als Ausgleich sich im Behaupten-Wollen in Zweikämpfen hervortun würde, das durfte man sehr wohl erwarten. Über den Kampf aus der Krise und ins Spiel zu finden? In Hälfte eins Fehlanzeige.

Durchgang zwei als Mutmacher

Nur gut, dass der FCN dies nach der Pause vehement korrigierte. Und da es der letzte Eindruck ist, der zählt, gilt das Derby nun sogar als Mutmacher. Die Null hinten nach zuvor acht Gegentoren in zwei Spielen, das gute Debüt von Keeper Felix Dornebusch, die vielversprechenden Eindrücke von Fabian Schleusener bei seiner Kurzpremiere - in der Summe ergibt dies Zuversicht. "Die zweite Hälfte war ein klarer Schritt nach vorne. Im nächsten Spiel brauchen wir jetzt Tore, Tore, Tore", so Stürmer Michael Frey angesichts der vielen Chancen, die sein Team nach der Pause in Fürth hätte liegen lassen. Die von Iuri Medeiros in der 90. Minute war in der Tat ein ganz dickes Brett, zuvor allerdings war es beim Absteiger mit zwingenden Chancen auch nicht gerade üppig bestellt.

Wiesbaden - ein gefährliches Spiel

Egal, erstens ist dies ein Stück weit Ansichtssache, und zweitens für die anstehende Partie gegen Aufsteiger Wehen Wiesbaden auch gänzlich irrelevant. Ein Sieg ist da alleine vom Selbstverständnis her absolute Pflicht - und dies macht die Partie wiederum gefährlich. Das zuletzt gegen Kiel überforderte Schlusslicht muss doch eine gemähte Wiese sein für eine Mannschaft wie die des Club, die sich selbst ihres großen Potenzials rühmt. Dass der Absteiger Potenzial hat, das steht auch außer Zweifel, aber ob es wirklich so groß ist, wie es ihr auch von außen attestiert wurde, ist in Anbetracht des ersten Saisondrittels längst mit einem Fragezeichen zu versehen.

Team-Hierarchie: Keller muss daran arbeiten

In der jetzigen Situation, mit dürren zwei Punkten Abstand auf einen direkten Abstiegsplatz, erübrigt sich die Frage nach dem Wie-viel ohnehin. Mentalität vor Talent heißt nun die Devise am Samstag wie in den nächsten Wochen. Nicht zu vergessen selbstredend mannschaftliche Geschlossenheit. Der letzte Aufstieg 2018 resultierte nicht zu einem unerheblichen Teil aus dem Umstand, dass die Club-Mannschaft eine verschworene Einheit darstellte. Bedingt durch den radikalen Umbruch im Sommer stellt sich die nun anders da, der umgekrempelte Kader hat sich noch nicht gefunden. Und Canadi ist auch deswegen gescheitert, weil es ihm nicht gelang, eine Team-Hierarchie zu erzeugen.

Somit muss sein Nachfolger nicht nur aufbauend auf der zweiten Hälfte in Fürth weiter an einer stabilen Defensivstruktur auf dem Spielfeld feilen. Nein, langweilig wird es Jens Keller gewiss nicht.

Chris Biechele

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