Draxler über seinen umstrittenen Schalke-Abgang

"Was hast du für einen Sohn? Warum ist der nach Wolfsburg gegangen?"

Julian Draxler

Von Schalke nach Wolfsburg nach Paris: Julian Draxler. imago images

Schalke war für Julian Draxler kein Arbeitgeber wie jeder andere. "Wenn wir verloren haben", erzählt der Nationalspieler im DAZN-Interview, "musste ich mir nicht nur von den Fans anhören, dass ich scheiße bin, sondern auch von meinen Nachbarn, meiner Familie und den Freunden meiner Familie." Auf dem Geburtstag seines Onkels beispielsweise, da habe nach einer Schalker Niederlage jemand gesessen und ihm gesagt, "was für ein Arschloch ich doch bin". Ruhrpott eben, "da nimmt man kein Blatt vor den Mund".

Draxler ist nur ein paar Kilometer neben dem Schalker Vereinsgelände geboren worden, kam als 8-Jähriger zum Verein und feierte mit 17 unter Felix Magath sein Profi-Debüt. "Schalke wird immer mein Lieblingsverein bleiben", versichert er und weiß trotzdem, dass ihn die Fans der Knappen dafür nicht zwingend umarmen werden. "Die Art und Weise, wie ich mich nach so einer langen Zeit im Verein verabschiedet habe, war… mehr als unglücklich."

Draxler, du Arschloch - ich kann das verstehen.

Draxler über Schmähplakate von Schalke-Anhängern

Im Sommer 2015 hatte der heute 51-malige Nationalspieler das Gefühl, seinen Jugendverein verlassen zu müssen, um seine Karriere voranzutreiben, auch mit Blick auf die EM 2016. "Damals stand ein Wechsel zu Juventus Turin zur Debatte. Das Problem war, dass der Fußball auch ein Geschäft ist und ich nicht alleine entscheide." Alles müsse bei so einer "Business"-Sache eben passen, "und das war bei Juve nicht der Fall".

Also ging Draxler einen Weg, bei dem klar war, "dass das nichts für sieben oder acht Jahre" werden würde und wechselte "bewusst als Brücke" zum VfL Wolfsburg. "Wolfsburg hatte finanzielle Möglichkeiten, Wolfsburg hat mir Champions League geboten, Wolfsburg hat mir eine gute Mannschaft geboten."

"Mit etwas Pech gerätst du an den Falschen, der was getrunken hat..."

Auf Schalke kam diese Entscheidung weniger gut an. "Dass die Leute Schwierigkeiten haben zu verstehen, dass du nach Wolfsburg gehst, wenn du nicht in diesem Business Fußball lebst, und dann einer ein Plakat hochhält, 'Draxler, du Arschloch' - ich kann den verstehen. Du wirst angepöbelt, bekommst dumme Sprüche ab." Mit etwas Pech, sagt er, "gerätst du an den Falschen, der was getrunken hat und dir auch noch an den Kragen will. Die Familie fängt an sich zu streiten. Bei unseren Familienfesten sind nur Schalke-Fans. Da müssen sich dein Vater und dein Bruder plötzlich für dich rechtfertigen. Da wird gefragt: 'Was hast du eigentlich für einen Sohn? Warum ist der nach Wolfsburg gegangen? Was soll das? Wie konnte der so werden? Der war doch früher nicht so.'"

Nach wie vor, glaubt Draxler, sei es der richtige Karriereschritt gewesen, "Schalke 04 zu verlassen", trotzdem war er froh, als "das Kapitel Wolfsburg geschlossen war", weil es beim VfL nicht mehr lief. Nach anderthalb Jahren und 18 Torbeteiligungen in Niedersachen zog er weiter nach Frankreich. "Als ich nach Paris kam, habe ich nur so vor Energie gesprüht. Nachdem ich in dem halben Jahr zuvor mental unter der Situation gelitten hatte, gab es plötzlich nichts Schöneres, als morgens zur Arbeit zu gehen. Das hat man auch auf dem Platz gesehen. Bei PSG zählte nur noch das Hier und Jetzt."

mkr