Sieg und Titel in der Langstrecken-Challenge

Ein Royal Flush im Porsche-Ärmel

Das Frikadelli Racing Team um Nick Tandy (l.), Dennis Olsen (M.), Mathieu Jaminet (r.) jubeln nach dem Rennen in Südafrika

Das Frikadelli Racing Team um Nick Tandy (l.), Dennis Olsen (M.), Mathieu Jaminet (r.) jubelt nach dem Rennen in Südafrika. Porsche

Nein, grausamer geht nicht. Du hast in den vier Saisonrennen zuvor dreimal Platz 2 belegt, du kommst als Führender der Meisterschaft zum großen Finale nach Kyalami, du stehst am Start der unendlich langen Neun-Stunden-Hatz aussichtsreich auf Rang 3 und freust dich auf die erste Kurve, in der du Plätze gutmachen und dem Titelgewinn noch ein Stück näher kommen willst.

Doch stattdessen? Gibt deine Zündspule nach weniger als 400 Metern auf, dein Auto wird von jetzt auf gleich so langsam, als machtest du eine Vollbremsung, dann bekommst du auch von hinten noch Schläge, weil bei den Verfolgern keiner auch nur im Geringsten mit diesem Defekt rechnen kann. Der Rest ist fürchterlich. Genau aber das ist es, was Maximilian Buhk (26) widerfährt in den ersten Sekunden des Rennens, dem Abschluss einer Saison mit fünf Langstrecken-Auftritten auf fünf Kontinenten.

In der Box verfolgen seine beiden Teamkollegen Raffaele Marciello (25, Italien) und der Münchner Maro Engel (34) wehr- und hilflos das Geschehen. Denn der gelbe Mercedes-AMG GT3 mit Startnummer 999 kann noch nicht einmal die Runde zu Ende fahren und irgendwie an die Box zurückhumpeln. Die Streckenmarshalls müssen den leblosen Rennwagen zu einem Seitenausgang hinausbefördern. 30 Minuten danach verlässt Engel, den Helm in seiner Tasche verpackt, die Box, auch er geknickt, wenngleich er keine Chance mehr auf den Titel hatte: "Ich geh jetzt mal rüber zum Kleinen und ihn ein bisschen trösten."

Durch Buhks Aus ist Götz plötzlich der erste Titelanwärter

Trost, den benötigt nach der 540-Minutenschlacht mit zwischenzeitlichem Weltuntergangswetter auch Maximilian Götz. Der 33-jährige Unterfranke, ab 2015 für zwei Jahre mit Mercedes in der DTM unterwegs, hat die Saison im selben Auto wie Buhk begonnen, sitzt aber für die letzten beiden Läufe im Schwesterauto des SPS-Teams. So sollen die Chancen auf den Fahrertitel breiter verteilt werden. Durch Buhks Aus ist Götz plötzlich der erste Titelanwärter. Als er im Tropensturm der Schlussphase sein Auto übergibt, liegt es auf Rang 2, der Titel scheint greifbar nahe. Doch 25 Minuten vor dem Rennende geben die Verantwortlichen die Hatz noch einmal frei. Götz' Teamkollege Yelmer Buurman (Niederlande) kann auf der nassen Piste dem Druck der jetzt extrem starken Porsche-Armada nicht standhalten. Das Blatt wendet sich in Minutenschnelle - in den letzten 25 Minuten fällt er auf Rang 5 zurück.

Wenn er im Regen das Auto fährt, dann muss man mit allem rechnen.

Dennis Olsen über Nick Tandys schwieriges Rennen

Mit dem Engländer Nick Tandy am Steuer, holt sich der Porsche 911 GT3 R des aus der Eifel stammenden Frikadelli-Teams in Windeseile Rang 1. Es ist Teil eines Pokers, bei dem Porsche im entscheidenden Moment den Royal Flush in Händen hält. Um die Titelchancen auf drei Fahrer zu verteilen, hat man die in der Wertung gleichauf liegenden Dirk Werner (Würzburg), Matt Campbell (Australien) und Dennis Olsen auf drei unterschiedliche Autos verteilt.

Olsen, ein aus der hauseigenen Nachwuchssichtung hervorgegangener 23-jähriger Norweger, muss zittern, ob Kollege Tandy das Auto heil nach Hause bringt. "Wenn er im Regen das Auto fährt, dann muss man mit allem rechnen", schildert er nach der Zielflagge seinen Zustand zwischen Machtlosigkeit und größter Hoffnung.

Wendungen sind hier ganz normaler Alltag

Als der das sagt, ist die Erinnerung noch frisch an die Phase kurz vor Rennhalbzeit. Da war es Tandy, der im Kampf um Platz 1 nicht nur das in Führung liegende Schwesterauto von GPX Racing umdrehte, sondern selbst auch erst im Kies zum Stehen kam, viel Zeit verlor und auch noch eine Durchfahrtsstrafe kassierte. Wendungen wie diese sind in der Intercontinental GT Challenge ganz normaler Alltag. Kann es sein, dass wir uns haben verleiten lassen zu glauben, die Alleinfahrten der Formel 1 mit ihrem so oft vorhersagbaren Rennausgang seien der echte Motorsport?

Stefan Bomhard