2. Bundesliga

"Lieber hier und da ein wenig überpacen"

Jens Keller beim Derby in Fürth mit einer doppelten Premiere

"Lieber hier und da ein wenig überpacen"

Jens Keller

Gibt nun die Richtung beim Club vor: FCN-Coach Jens Keller vor seinem Debüt im Derby gegen Fürth. imago images

Alles sollte auf den nachverpflichteten Felix Dornebusch hinauslaufen. "Ich habe unseren Keepern noch nicht mitgeteilt, wer spielt, deswegen werde ich es jetzt auch hier nicht tun", so Keller am Freitagmittag bei seiner ersten Spieltags-PK als FCN-Coach. Was indes feststeht: Personalsorgen plagen ihm vor seinem Debüt nicht. Bis auf den Kreuzband-Rekonvaleszenten Virgil Misidjan und den von einer Achillessehnenreizung lädierten Georg Margreitter stehen ihm alle Feldspieler zur Verfügung.

Dies trifft erstmals in dieser Runde auch auf Neuzugang Fabian Schleusener zu, der im Sommer mit einem im Frühjahr erlittenen Schienbeinbruch aus Sandhausen kam - und nun nach Wochen des Aufbautrainings und des Sich-Herantastens endgültig den Anschluss geschafft hat. Nachdem der 28-Jährige am vergangenen Wochenende seine Pflichtspieltaufe in der U 21 bei deren 2:1 über Buchbach bestanden hat, ist er nun zumindest ein Kandidat für das Spieltagsaufgebot. "Bei ihm sieht es sehr gut aus. Ein Kandidat für die Startelf kann er nach der langen Pause noch nicht sein, aber eine Option für den Kader ist er auf jeden Fall", sagt Keller.

Spielersteckbrief Dornebusch

Dornebusch Felix

1. FC Nürnberg - Vereinsdaten

Gründungsdatum

04.05.1900

Vereinsfarben

Rot-Weiß

Die Einstellung ist kein Problem - die Defensive schon

Apropos sehr gut aussehen. Von dem Eifer seiner neuen Mannschaft zeigt sich der Trainer nach neun Tagen Trainingsarbeit sehr angetan: "Die Jungs geben Vollgas, es macht sehr viel Spaß, mit ihnen zu arbeiten." Ein Lob, das nicht überrascht. Es kommt in dieser Form wohl nahezu jedem Trainer über die Lippen, der gerade erst seinen Dienst antrat. Wenn eine Mannschaft in den ersten Tagen ihres neuen Bosses nicht vor Engagement sprüht, dann sind die oft zitierten Malz und Hopfen aber sowas von verloren.

Man sieht, dass die Mannschaft will, ihr aber die Sicherheit fehlt.

Jens Keller

Wobei sich dieses Problem in Nürnberg nie gestellt hat. Alle drei Vorgänger Kellers in diesem Kalenderjahr haben nie auch nur ein schlechtes Wort über die Einstellung der Mannschaft verloren. Und in dieser Tradition fuhr Keller fort, noch bevor er eine Einheit mit seiner Mannschaft bestritt und sie nur von Spieltagsvideos her kannte. "Man sieht, dass sie will, ihr aber die Sicherheit fehlt", urteilte er bei Dienstantritt.

Besagtes Manko lässt sich in der Tabelle leicht ablesen. Mit 27 Gegentoren stellt der Absteiger derzeit die schlechteste Defensive der Liga. Kein Wunder also, dass in den vergangenen Tagen das aggressive Spiel gegen den Ball das Thema auf dem Trainingsplatz war. Die Gleichung ist dabei sehr simpel: Schafft es Keller, der Defensivarbeit eine neue, stabile Struktur zu verpassen, kehrt die Sicherheit zurück - und damit angesichts des Offensivpotenzials auch zwangsläufig der Erfolg.

Wohl kein Angriffspressing, dafür ein "kühler Kopf"

Wie er das Sonntag bewerkstelligen möchte, bleibt wie gesagt unter Verschluss. Dass der Club aber wahrscheinlich kein Angriffspressing betreiben wird, davon kann man ausgehen. Kellers Vorgänger Damir Canadi hatte sich daran vergeblich versucht und es in den letzten Wochen seiner Amtszeit ohnehin nach Rücksprache schon in ein moderateres Mittelfeld-Pressing abgewandelt.

Entscheidend wird sein, ob Keller der Mannschaft ein besseres, sprich schnelleres und geschlosseneres Umschalten nach Ballverlust einimpfen kann. Daran haperte es dem FCN gewaltig, was wiederum eine Anfälligkeit für Konter zur Folge hatte. Und auch in puncto aggressive Zweikampfführung hatten die Franken zuletzt deutlich Luft nach oben. So gesehen erstaunt es nicht, dass Keller fürs Derby zwar einen "kühlen Kopf verordnet", ihm gleichzeitig aber lieber wäre, wenn die Mannschaft "hier und da ein wenig überpacen würde. Besser als zu verhalten zu agieren."

Keller und Grehtlein: Uneinigkeit beim Videobeweis

Für Keller, der am Tag des Derbys 49 Jahre jung wird, steht am Sonntag eine weitere Premiere an. Erstmals wird der Fußballlehrer bei einem Spiel mit Videobeweis verantwortlich sein. Dass er ein bekennender Verfechter davon ist, macht der zuletzt in der vergangenen Saison in Ingolstadt tätige Coach deutlich: "Es gibt weniger Fehlentscheidungen. Hätte es ihn in der vergangenen Saison schon gegeben, wäre Ingolstadt nicht abgestiegen."

Kurioserweise ist Aufsichtsrats-Vorsitzender Thomas Grehtlein da anderer Meinung. In der "Süddeutschen Zeitung" forderte er dieser Tage eine Abschaffung. Kurios ist daran vor allem, dass er als Aufsichtsrat - und damit Kontrollorgan des Vereins - sich darüber in der Öffentlichkeit äußert. Dies sollte eigentlich den fürs Tagesgeschäft Verantwortlichen vorbehalten sein.

Ultras erzwingen öffentlichen Teil des Samstagstrainings

Damit übrigens des Kuriosen nicht genug: Die Ultras haben es geschafft, dass das eigentlich nicht öffentliche Training am Samstag rund eine Viertelstunde für jedermann zugänglich gemacht wird. Die Ultras wollen der Mannschaft eine Ansprache halten, um sie noch einmal extra zu motivieren. Ein weiterer Beleg dafür, welchen Einfluss der FCN diese Fangruppierung zubilligt.

Christian Biechele

Derby-Spezialisten, Rekordspieler und die Nummer 1 in Franken