Als Chef des eigenen Teams in neuer Rolle

Timo Bernhard - vom Fahrer zum Boss

Timo Bernhards Porsche 911 GT3

Timo Bernhards Porsche 911 GT3 ist beim Saisonfinale der Intercontinental GT Challenge im südafrikanischen Kyalami im Einsatz. Porsche

kicker: Mit Ende 30 stehen Sie an der Schwelle vom aktiven Rennfahrer zum Teamchef und Teambesitzer - wie fühlt sich das für Sie an, Timo Bernhard?

Timo Bernhard: Es ist schon etwas ganz Anderes, auch wenn Motorsport mein Begleiter von Kindesbeinen an war, also die letzten bald 30 Jahre. Irgendwie bin ich da organisch hineingewachsen, ganz zu Beginn einfach als kindlicher Fan meines Vaters, bevor meine Eltern meine gesamte Karriere mit begleitet haben. Vor sechs, sieben Jahren haben wir angefangen, das Team aufzubauen, parallel zu meiner aktiven Karriere. Deshalb war mein Vater gerade in dieser Zeit so enorm wichtig für das junge Team. Jetzt wird es mit jedem Tag immer professioneller, was aber bedeutet, dass mehr und Kapazitäten von meiner Seite her mit einfließen. Die Aufgabenbereiche werden größer, die Rennen bedeutender - und das nötige Potenzial ist da. Aber wie angedeutet: Das kostet enorm viel Zeit.

kicker: Der GT-Sport mit Autos, die im Allgemeinen als Männerträume gelten, ist dazu die richtige Nische?

Bernhard: Unser Einstieg erfolgte ja im Porsche-Carrera-Cup Deutschland, dann sind wir ins GT-Masters gewechselt. Vergangenes Jahr in Spa kam es zum ersten Kontakt mit der Intercontinental GT Challenge, und jetzt sind wir schon mitten im ersten Übersee-Renneinsatz. Daran sieht man bereits, wie es sich aufbaut. Inzwischen hat das Team acht Festangestellte, wo wir vorher nur freie Mitarbeiter beschäftigt hatten, sogenannte Weekend-Warriors. Alles muss organisch wachsen, und der GT-Sport mit seinen vielen Plattformen ist der richtige Schlüssel zum Öffnen der Türen. In meiner Situation war es naheliegend, mit Porsche zusammenzuarbeiten. Von dort bekomme ich den Support und alle notwendigen Hilfestellungen. Auch vom Know-how her ist es die perfekte Basis - national genauso wie weltweit.

kicker: Aber es dürfte ein Unterschied sein, ob man am Monatsende einen Scheck bekommt oder welche ausstellt?

Bernhard: Klar, das ist Business, und als solches muss man es sehen, denn wir haben es da mit großen Werten zu tun, mit denen wir nicht spielen, sondern sorgfältig umgehen und arbeiten. Ich habe ja beides, denn noch bin ich ja auch aktiver Rennfahrer. Aber abseits vom ganzen Wissen, das man sich über die Jahre erarbeitet hat und durch das man tief im Thema verwurzelt ist, darf man den Businessgedanken nicht unterschätzen. Das zu kombinieren ist das Spannende an meiner momentanen Situation. Das große Ziel ist jetzt, irgendwann so gut aufgestellt zu sein, dass wir ein echtes Werksteam sind. Aber das ist ein Traum, der mittelfristig oder gar langfristig zu sehen ist. Bis hierher sind wir jedoch auf einem guten Weg und haben schon einiges vorzuweisen. Trotzdem fühle ich eher, immer noch am Anfang oder mitten im Aufbau zu stecken.

Rennfahrer Timo Bernhard ist nun selbst Rennstall-Boss.

Rennfahrer Timo Bernhard ist nun selbst Rennstall-Boss. J. Tap (hochzwei)

kicker: Ein Mann, mit dem Sie über mehr als zehn Jahre Ihre vielen Langstreckensiege zwischen Le Mans, Daytona oder dem Nürburgring gefeiert haben, fährt hier in Kyalami erstmals für Ihr Team: der Franzose Romain Dumas. Wie behandelt Boss Timo Bernhard seinen Freund Romain Dumas? Wie fühlt sich das an?

Bernhard: Wir haben so viele tolle Momente zusammen erlebt, auch Niederlagen und harte Momente. Unsere größten Erfolge haben wir als Duo eingefahren, und für uns gilt tatsächlich, dass geteilte Freude doppelte Freude ist. Also, es ist eine sehr enge Beziehung, diese Verbindung ist durch nichts zu erschüttern. Deshalb war ich schon stolz, dass Porsche ihn hier beim Finale zu mir ins Team gesetzt hat. Mir gibt es das Kribbeln, dass ich ihm dann natürlich die bestmögliche Ausgangsvoraussetzung bieten möchte. Er ist ein Weltklasserennfahrer mit Riesenerfolgen, und in dem Moment switche ich dann um zum Teambesitzer und erkenne ihn als eine Art Qualitätsmerkmal.

kicker: Einer aus Ihrem Fahrer-Trio, Dirk Werner aus Würzburg, steckt noch mitten im Kampf um den Fahrertitel, der am morgigen Samstag entschieden wird. Was kann ihm das KÜS Team75 Bernhard an Extrapower mitgeben, damit es am Ende nach Möglichkeit noch klappt?

Bernhard: Wir sind hier, um zuallererst ein Topergebnis abzuliefern, um auch ihm dadurch jede Chance zu bieten und für Porsche einen sauberen Einsatz hinzubekommen. Ich sehe das als große Gelegenheit für unser Team, all das zu zeigen, was wir können. Was in unserer Macht steht, beginnend ab der Fahrzeugvorbereitung, über die Trainingssitzungen bis zur Set-up-Erstellung und der Renndurchführung wollen wir da mit hineinpacken. Das ist Motivation genug.

Interview: Stefan Bomhard