Eishockey

Toronto: Dauernde Krise beim Krösus - Coach Babcock entlassen

Keefe übernimmt Traineramt

Toronto: Dauernde Krise beim Krösus - Coach Babcock entlassen

Mike Babcock (Mi.)

Ist nicht mehr Coach der Toronto Maple Leafs: Mike Babcock (Mi.). Getty Images

Seit dem letzten Stanley-Cup-Sieg 1967 warten die zahlreichen Fans in Kanadas größter Stadt bereits auf einen weiteren Titelgewinn - und damit länger als an jedem anderen NHL-Standort. Während Toronto bis Anfang der 2000er Jahre, zuletzt in der Ära von Mats Sundin, zumindest meist die Play-off-Qualifikation schaffte, stürzten die Maple Leafs in den letzten eineinhalb Jahrzehnten ab. Zwischen 2004 und 2013 fanden die Play-offs stets ohne Toronto statt. Nach der 3:4-Erstrundenniederlage gegen Boston 2013 folgten drei weitere Jahre ohne Endrunde.

Ein Grund für die dauerhafte Talsohle liegt zweifelsohne auch in der großen Popularität des Eishockeys in der Drei-Millionen-Metropole. Ähnlich wie in traditionsreichen Fußballstandorten klafften Anspruch und Wirklichkeit lange Zeit weit auseinander. Die Geduld und Ruhe für einen kompletten Neuaufbau, wie er in der NHL dank des Draftsystems durchaus erfolgversprechend ist, fehlte.

Toronto Maple Leafs - Vereinsdaten
Toronto Raptors - Vereinsdaten
FC Toronto - Vereinsdaten

Gründungsdatum

11.05.2006

Shanahan leitete Zeitenwende ein

2014 entschieden sich die Eigner der Maple Leafs Sports & Entertainment, die neben dem NHL-Team auch den amtierenden NBA-Champion Toronto Raptors, das MLS-Team FC Toronto (Meister 2017) sowie die Farmteams der drei Klubs besitzen, schließlich dennoch dazu, das finanziell äußerst erfolgreiche, aber sportlich schlingernde Flaggschiff des Konzerns von Grund auf neu auszurichten. Auch die nötige Zeit wurde dafür eingeplant.

Brendan Shanahan kam als Präsident, der Lou Lamoriello als neuen General Manager verpflichtete und damit nach drei Jahrzehnten aus New Jersey weglockte. Mit Mike Babcock wurde ein Coach aus Detroit geholt, der wie Lamoriello (drei) bereits einen Stanley-Cup-Sieg vorzuweisen hatte - und zwei olympische Goldmedaillen. Nach Auslaufen von Lamoriellos Dreijahresvertrag 2018 übernahm Lamoriellos Assistent Kyle Dubas, zum damaligen Zeitpunkt erst 32 Jahre alt, den Manager-Posten.

Shanahans Verpflichtung, gepaart mit hohen Draftrechten, führten dazu, dass die Maple Leafs in Willie Nylander (2014), Mitch Marner (2015) und schließlich Auston Matthews (2016) sogar als Nummer eins im Draft gleich drei hochkarätige junge Stürmer an Land zogen. Unter Babcocks strenger Anleitung folgten mit dem aufstrebenden Kader gleich drei Play-off-Teilnahmen in Folge. Doch spätestens des dritte Erstrundenaus im Frühjahr 2019, einmal mehr erst im siebten Spiel und einmal mehr gegen Angstgegner Boston, führten zum wohlbekannten lauten Rumoren im Umfeld.

Babcock verliert das Vertrauen der Spieler

Wenn schon jetzt endlich wieder Play-offs, dann doch bitteschön schnell auch um den Titel mitspielen - da war es wieder, das hohe Anspruchsdenken. Im Zentrum der Kritik stand dabei längst auch Babcock, der 2015 mit einem Achtjahresvertrag, dotiert mit 6,25 Millionen Dollar pro Saison, zum bestverdienensten Coach der NHL-Geschichte avancierte.

Schon bei den Red Wings, die er zwischen 2005 und 2015 betreute und 2008 den Titel gewann, hatte sich in seinen letzten Jahren in Michigan angedeutet, dass Babcocks Art zu coachen mittlerweile ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Schon in Detroit wurden immer wieder Missstimmungen, auch mit Starspielern wie Henrik Zetterberg oder Pavel Datsyuk, kolportiert. Die heutige Generation junger Spieler verlangt indes, nicht nur im Eishockey, statt rauer Befehle von einer Art Alleinherrscher hinter der Bande eher nach Erklärungen und Kommunikation - und dies zumindest nahezu auf Augenhöhe.

Wie zur Bestätigung wehrte sich Babcock gegen die aufkommenden Vorwürfe bis zuletzt auf eher egozentrische Weise. So kritisierte er seine Spieler öffentlich, forderte mehr Einsatz und erklärte zudem, dass er für seinen Job stets so hart wie möglich arbeite und fügte über sich in der dritten Person an: "Ich habe grundsätzlich schon immer auf Mike Babcock gewettet. Und das werde ich weiter tun."

Nachwuchscoach Keefe kommt mit Titelerfahrung

Nun allerdings - trotz noch bis 2023 laufenden Vertrags - wird er dies nicht länger als Coach der Maple Leafs machen, die 2:4-Niederlage bei den Vegas Golden Knights in der Nacht auf Mittwoch war seine letzte Partie mit dem Team. Am Nachmittag (Ortszeit) gab der Klub schließlich bekannt, dass er Babcock vom Dienst freistellt.

Mit Sheldon Keefe, dem Coach des AHL-Farmteams Toronto Marlies, steht nun der Nachfolger aus den eigenen Reihen schon bereit. Der 39-Jährige bildete die Talente des NHL-Klubs in der AHL bereits seit 2015 aus. 2018 gewann er mit den Marlies die Meisterschaft in der AHL. Es war der erste Titelgewinn eines in Toronto beheimateten Eishockey-Profi-Teams - seit eben jenem Stanley-Cup-Sieg der Maple Leafs 1967.

Joachim Meyer