Interview mit dem Sprinter und Eintracht-Fan

Degenkolb: "Ich bin dem Tod knapp von der Schippe gesprungen"

John Degenkolb

Verdrängt die täglichen Gefahren auf dem Rennrad: John Degenkolb. imago images

Im kommenden Jahr finden mit Eschborn-Frankfurt, den Cyclassics in Hamburg und der Deutschland-Tour, die am 23. August in Nürnberg enden wird, drei bedeutende Rennen in Ihrer Heimat statt. Wie sieht Ihr Plan aus?

Plan Nummer eins ist für mich, bei allen drei Events dabei zu sein, was mir in den letzten beiden Jahren bei der Deutschland-Tour leider nicht gelungen ist. In Frankfurt war ich in meiner Profi-Karriere jedes Jahr am Start. Gerade mit der Schlussetappe bei der Deutschland-Tour in meiner alten Heimat (Degenkolb ist in Weißenburg in der Nähe von Nürnberg aufgewachsen, d. Red.), das ist ein großes Event. Vielleicht kann ich danach mit Familie und Freunden ein großes Fest feiern...

Degenkolb kritisiert: PC und Glotze statt Engagement im Verein

Viele Rennveranstalter tun sich schwer, Sponsoren zu finden. Nürnberg, eine Stadt mit Radsporttradition, musste das Altstadtrennen aufgeben, wegen einer Etatlücke wurde 2016 die Bayern-Rundfahrt abgesagt. Wie kann sich der Radsport für die Zukunft besser aufstellen?

Viele Probleme rühren in erster Linie daher, dass die Kinder nicht mehr so viel rausgehen, wie es früher der Fall war. Es wird viel am PC gespielt, zuhause vor der Glotze gesessen, anstatt sich in einem Verein zu engagieren und die Kinder zum Sport zu bewegen. Man sollte sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass Sport wichtig ist und der Radsport nur mit einem ordentlichen Nachwuchs bestehen kann. Ich versuche es nach Kräften zu unterstützen, dass Kinder in Vereine gehen und die Kids mit Spaß am Sport dabei sind - egal ob es jetzt Radsport, Fußball oder andere Sachen sind. Am Ende ist es einfach gesund, Sport zu machen. Wenn die Kinder dann noch Spaß haben, ist es die beste Kombination.

Wie könnte sich der Radsport verändern, um interessanter zu werden? Bei Flachetappen weiß man als Zuschauer in den meisten Fällen, was passieren wird...

In diese Richtung gibt es ja Veränderungen. Die ASO (Veranstalter der Tour de France und der Deutschland-Tour, d. Red.) ist da schon ein Vorreiter, wenn es darum geht, neue Sachen auszuprobieren. Auch bei der Tour geht es gleich am zweiten Tag in den Bergen zur Sache. Der 'Formel-1-Start' bei der Tour ist ja auch so ein Beispiel - auch wenn es nicht funktioniert hat. Aber wenn es nicht ausprobiert wird, kann man sich kein Urteil darüber erlauben.

E-Bikes boomen, in Italien gibt es parallel zum Giro schon einen Jedermann-E-Giro. Glauben Sie, dass es auch mal eine Profiserie im E-Segment geben wird?

Vom jetzigen Standpunkt aus, kann ich mir nicht vorstellen, dass das ein Thema wird. Eher glaube ich, dass Virtual Competition mehr in den Vordergrund rücken wird. Da muss man auch dem Bund deutscher Radfahrer ein Kompliment aussprechen, dass er sich da engagiert. Gemeinsam mit meinem Kumpel Tim Böhme, der die German Cycling Academy ins Leben gerufen hat, werden beispielsweise Talente über die Trainingsplattform 'Zwift' gescoutet. Entsprechend ist der BDR da schon fortschrittlich unterwegs, versucht, den Trend mitzugehen und ihn nicht zu verschlafen.

John Degenkolb

Im Gespräch: John Degenkolb (mit kicker-Redakteur Tobias Rudolf). kicker

Zuletzt gab es starke Kritik aus anderen Sportarten wie Leichtathletik, Eishockey oder Basketball über mangelnde TV-Präsenz - von Fußball-Lobbyisten war die Rede. Der Fußball würde alles plattmachen. Wie sehen Sie das?

Es ist ein sehr schwieriges Thema. Fußball und Radsport kann man nicht vergleichen. Das große Plus des Fußballs ist, dass die Vereine mindestens alle zwei Wochen ein Spiel bei sich zuhause haben und dort das Stadion vollmachen können. Über die Zuschauereinnahmen und TV-Rechte kann der Klub damit Einnahmen akquirieren. Das ist den Radsportteams so natürlich nicht möglich. Wir müssen auf öffentlichen Straßen unterwegs sein, und der Veranstalter ist letztlich dafür verantwortlich, aus den Fernsehbildern Einnahmen zu akquirieren. Die Ausgangssituation ist also schon eine ganz andere.

Sie sind ja bekennender Fan von Eintracht Frankfurt, haben auch eine Dauerkarte. Nervt da nicht der Blick auf die Gehälter der Fußballer? Wissen Sie, wie hoch der Mindestlohn eines WorldTour-Fahrers ist?

Rund 40.000 Euro?

Ja, fast. 2018 lag er bei 38.115 Euro, das sind gerade mal 3176 Euro pro Monat. Für 2019 gab es dann zwei Prozent mehr. Dafür, dass Kopf und Kragen riskiert wird, ganz schön wenig, oder?

Diesen Vergleich sollte man nicht ziehen, es steht und fällt halt mit dem Interesse, das bei den Leuten geweckt wird. Wenn wir unsere Fan-Base da draußen so vergrößern, dass die alle voll drauf abfahren, noch mehr Radsport zu schauen, dann kann sich das in relativ kurzer Zeit, damit meine ich in fünf bis zehn Jahren, ändern.

Degenkolb: Ich war Zeuge von dem tragischen Unfall

Sie wechseln zur kommenden Saison das Team und verlassen Trek Segafredo in Richtung Lotto Soudal. Eigentlich wäre Bjorg Lambrecht dort ihr Teamkollege, wenn er nicht bei der Polen-Rundfahrt tödlich verunglückt wäre. Wie gehen Sie mit dieser ständigen Gefahr um?

Ehrlich gesagt, versucht man das unterbewusst ganz oft auszublenden. Ich war Zeuge von dem tragischen Unfall und habe es live miterlebt. Das ist schon immer wieder aufs Neue ein einschneidendes Erlebnis. Ich bin dem Tod bei einem Unfall auch knapp von der Schippe gesprungen (2016 im Training, d.Red.). Deswegen ist es schon etwas, womit man immer wieder konfrontiert wird. Aber dadurch, dass ich trotzdem den Spaß und die Freude an dem Sport nicht verliere, versuche ich es auszublenden.

"Was könnte jetzt das Dümmste sein, was er macht?"

Im Rennen haben Sie die komfortable Situation, dass die Straßen oft gesperrt sind, was Unfälle trotzdem nicht verhindert. Im Training ist es noch gefährlicher, auch Ihr schwerer Unfall passierte im Training. Wie nehmen Sie die Situation derzeit wahr? Schließlich spulen Sie tausende Kilometer ganz alleine und ohne Begleitfahrzeug ab. Hat sich da etwas in den letzten Jahren geändert?

Ob sich die Situation geändert hat, weiß ich nicht. So richtig sicher war es noch nie, sich als Rennradfahrer im öffentlichen Verkehr zu bewegen. Man muss einfach Vorsicht walten lassen. Meine Herangehensweise ist die, mich bei allen Verkehrsteilnehmern immer zu fragen: 'Was könnte jetzt das Dümmste sein, was er macht?' Mein Motto ist insofern immer, auf alles gefasst zu sein, was passieren könnte, sehr vorausschauend und mit Überblick zu fahren. Das klappt zu 99 Prozent, bei dem einen Prozent steckst du nicht drin, dann passiert halt so ein Unfall wie 2016...

Sind Sie derzeit schon wieder im Training? Wie viele Wochen im Jahr machen Sie richtig Pause?

Seit einigen Tagen habe ich wieder mit dem Aufbautraining angefangen. Davor habe ich drei Wochen komplett gar nichts gemacht. Gut, am Strand habe ich fürs gute Gewissen und, um den Körper in Shape zu halten, ein paar Übungen gemacht.

Das ist für mich auch eine Lebenseinstellung, nicht jeden Scheiß an der Ecke zu holen.

John Degenkolb über Ernährung

Den Körper in Shape halten, ist ein gutes Stichwort. Pizza, Süßigkeiten, Bier - müssen Sie jetzt wieder auf alles verzichten, sobald das Training losgeht?

Nein, nicht komplett. Aber Ernährung ist ein extrem wichtiger Punkt - nicht nur im Profisport-Bereich. Ich glaube, selbst wenn ich kein Leistungssportler wäre, würde ich versuchen, mich ausgewogen und bewusst zu ernähren. Das ist für mich auch eine Lebenseinstellung, nicht jeden Scheiß an der Ecke zu holen. Gute Ernährung gehört ganz allgemein zu meinem Leben dazu.

Hat sich in den letzten Jahren die Art des Trainings geändert? Trainingscomputer, Powermeter, Daten über Daten...

Ja, es kommt schon immer wieder neuer Input und es gibt neue Philosophien. Aber das Grundkonstrukt, dass zunächst eine gewisse Grundlage aufgebaut werden muss, bevor man in den Kraftbereich geht, bleibt eigentlich immer gleich. Mittlerweile ist es so, dass mehr High Intensity Training - also wirklich voll ans Limit - gemacht wird. Aber dafür sind die Einheiten dann kürzer. Das ist auf jeden Fall ein großes Thema.

Ihr Motto für 2020?

Endlich zuhause in Belgien und bei den Klassikern angekommen(lacht).

Interview: Tobias Rudolf