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Abraham und Grifo: Die wichtigsten Aussagen einer denkwürdigen Verhandlung

Eintracht Frankfurt erwägt Berufungsverfahren

Abraham und Grifo: Die wichtigsten Aussagen einer denkwürdigen Verhandlung

David Abraham (l.), Vincenzo Grifo

Vincenzo Grifo (r.) geht auf David Abraham los. imago images

In entspannter, beinahe fröhlicher Atmosphäre begann um 11 Uhr die Verhandlung im großen Tagungsraum vier der Frankfurter DFB-Zentrale. Die Szenerie hatte zunächst etwas von einem freundlichen Plausch unter guten Bekannten. Hans E. Lorenz, Vorsitzender des DFB-Sportgerichts, streute gerade zu Beginn einige humorvolle Bemerkungen ein, um die Atmosphäre aufzulockern. So fragte er Abraham etwa, ob Lionel Messi schon damals so gut gewesen sei, als sie 2005 gemeinsam mit Argentinien U-20-Weltmeister geworden waren. Die beiden Spieler selbst äußerten gegenseitig größtmögliches Verständnis, versicherten sich ihres guten Verhältnisses, das in gemeinsamen Hoffenheimer Zeiten entstanden sei, und spielten die Vorfälle in der Schlussphase der Partie zwischen Freiburg und Frankfurt herunter.

Doch spätestens nach eineinhalb Stunden, als der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, Dr. Anton Nachreiner, sichtlich genervt von einer "Märchenstunde" sprach und den Angeklagten "blanken Unsinn" vorwarf, war es vorbei mit dem Frieden. Was war in den 90 Minuten zuvor passiert? Der kicker fasst die wichtigsten Aussagen der beteiligten Protagonisten zusammen.

David Abraham

Abrahams Aussagen wurden von einem Dolmetscher übersetzt: "Ein Freiburger Befreiungsschlag ging ins Seitenaus. Ich bin schnell hinterhergerannt und habe mich komplett auf den Ball fokussiert, um ihn schnell zurück ins Spiel zu bringen und vielleicht noch eine Chance zu kreieren. Ich sehe, wie der Ball von der Bank seitlich abgefälscht wird und hinter den Trainer gelangt. Ich habe den Blick auf den Ball gerichtet und noch versucht, um den Trainer herumzulaufen, einen Schlenker zu machen. Es macht für mich keinen Sinn, den Trainer umzurennen. Es war keine Absicht, ihn umzurempeln. Ich habe mich nur auf den Ball fokussiert und zu spät gesehen, dass da der Trainer steht. Unglücklicherweise war der Ball direkt hinter dem Trainer. Nach dem Vorfall habe ich mich noch auf dem Feld beim Trainer entschuldigt. Auch später in der Umkleide habe ich mich noch einmal nach seinem Befinden erkundigt, er hat meine Entschuldigung angenommen."

Vincenzo Grifo

"Ich habe meinen Trainer auf dem Boden gesehen, da kamen natürlich Emotionen hoch. Ich habe eine besondere Beziehung zu Christian Streich, und in dem Moment ist mein Trainer angegriffen worden. Es gab so viel Gerangel, so viel Tumult, mir war nicht bewusst, dass ich David im Gesicht angefasst habe. Das war definitiv keine Absicht, ich wollte ihn auf keinen Fall schlagen. Ich wollte ihn weghalten und schlichten. Das war für mich auch Neuland, wenn man seinen eigenen Trainer auf dem Boden liegen sieht." Abraham verteidigte seinen früheren Mitspieler: "Ich habe nicht gemerkt, dass mir jemand ins Gesicht gefasst hat. Meiner Meinung nach wollte er mich nur aus dem Getümmel herausziehen. Ich unterstelle ihm nichts Bösartiges."

Dr. Felix Brych, Schiedsrichter der Partie

"Ich würde schon sagen, dass der Bodycheck vorsätzlich war. Der Trainer stand in der Coaching Zone, Abraham ist ungebremst auf ihn zugelaufen und hat ihn mit dem Unterarm auf den Boden gecheckt, die Laufrichtung in den Trainer hinein war gegeben. Im Profifußball habe ich es noch nicht erlebt, dass ein Spieler so auf einen Trainer zuläuft und ihn checkt." Bevor Christian Streich um 12.04 telefonisch zugeschaltet wurde, bemerkte Nachreiner: "Ich bezweifle langsam, ob die Urteile noch so bleiben können, wie sie jetzt sind."

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Christian Streich

"Ich sehe David Abraham sehr, sehr schnell auf mich zukommen. Er ist ein temperamentvoller Spieler und war aufgebracht. David ist in mich reingerannt, ich hatte keine Körperspannung und die Hände in den Hosentaschen, da ich nicht damit gerechnet habe. Danach habe ich sofort an die Deeskalation gedacht und probiert, alles herunterzufahren, bevor schlimme Sachen passieren und die Fans beider Seiten sich schlagen. Ich schätze David total, aber er hat irgendwie die Kontrolle verloren. Bitterer für mich als das, was David gemacht hat, waren die Reaktionen, wie von einigen Leuten versucht wurde, beim Opfer einen Tatverdacht herzuleiten. Darauf will ich nicht weiter eingehen." Was Streich meinen könnte: Einige unterstellten ihm, dass er den Zusammenprall provoziert habe, in dem er einen halben Schritt zur Seite in Abrahams Laufrichtung gemacht hatte.

"Ausdrückliches Entgegenkommen" für Abraham

Nachreiner war angesichts der Ausführungen zunehmend genervt und sichtlich aufgebracht, den Spielern warf er eine "Märchenstunde" und "blanken Unsinn" vor, außerdem sprach er von "Schutzbehauptungen" und bemerkte: "Wenn Herr Grifo ihn aus dem Getümmel herausholen wollte, frage ich mich schon bei welcher Veranstaltung ich bin..." Die ursprünglich gegen Abraham verhängte Strafe von sieben Wochen Sperre und 25.000 Euro Geldstrafe bezeichnete er als "ausdrückliches Entgegenkommen".

Außerdem warf er die Frage auf, ob eine Tätlichkeit außerhalb des Spielfeldes gegen einen Offiziellen in der Rechtsprechung genauso gesehen werden könne wie auf dem Platz unter Spielern: "Ich meine schon, dass diese Attacke einen anderen Stellenwert hat, selbst wenn sie in der Hitze des Gefechts passiert." In der Konsequenz beantragte Nachreiner eine Erhöhung der Strafe: "Das Ergebnis dieser Verhandlung kann aus meiner Sicht nur sein, dass ich bei Herrn Abraham eine Sperre von acht Pflichtspielen sowie 25.000 Euro Geldstrafe beantrage." Dabei verwies er auch auf die drei Roten Karten, die Abraham seit 2017 gegen Ingolstadt (rohes Spiel, Liga), Erndtebrück (Notbremse, DFB-Pokal) und Flamengo (Tätlichkeit, Testspiel) gesehen hatte.

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Eintracht-Anwalt Schickhardt zeigte dafür keinerlei Verständnis. "Es gibt keinen Ansatzpunkt, einen Vorsatz als erwiesen anzusehen. Wie das konstruiert werden soll, würde ich gerne mal wissen. Es war ein Unfall, der von ihm hätte verhindert werden müssen. Es gab kein Motiv", betonte der renommierte Sportrechtsanwalt. Abraham sei geläutert, weitere Vorfälle nicht zu befürchten: "Das passiert ihm nie wieder, das garantiere ich Ihnen." Schickhardt forderte, etwa ein Drittel der Strafe für bis zu fünf Jahre, also wohl bis Abrahams Karriereende, zur Bewährung auszusetzen.

"Ein klarer und eindeutiger Fall des direkten Vorsatzes"

Lorenz schloss sich weder der einen noch der anderen Forderung an, er bestätigte das ursprüngliche Urteil und sah davon ab, die Sperre auf die Europa League auszudehnen. "Natürlich liegt kein Fall der Fahrlässigkeit vor, und auch keiner der Absicht, sondern ein klarer und eindeutiger Fall des direkten Vorsatzes. Die Intention war tatsächlich den Ball zu holen und den Einwurf schnell auszuführen, aber sein Koordinationsvermögen ist ausgeprägt genug, um auch in hohem Tempo um den Trainer herumzulaufen. Das hat er nicht getan, sondern ihn mit einem Bodycheck wie ein Eishockeyspieler abgeräumt", erklärte Lorenz und ergänzte: "Der Vorsatz ist vielleicht eine Sekunde vor dem Kontakt entstanden, und leid getan hat es ihm wahrscheinlich eine Sekunde nach dem Kontakt."

Die Strafe sei wegen Abrahams früherer Platzverweise "absolut im unteren Bereich", eine Bewährung könne in "einem solchen Fall" nicht gegeben werden. Das Urteil sei ein "Entgegenkommen" gegenüber Eintracht Frankfurt und Abraham. Süffisant bemerkte Lorenz: "Vier Rote Karten in drei Jahren: Das schafft nicht mal unser Freund Ibisevic."

Eintracht-Anwalt Schickhardt: "Wir halten das Urteil für nicht richtig"

Schickhardt ist mit dem Ausgang des Verfahrens nicht zufrieden: "Wir halten das Urteil für nicht richtig. Aus unserer Sicht muss es eine schwere Strafe sein, aber unserer Meinung nach müssten von fünf, sechs oder sieben Spielen zwei zur Bewährung ausgesetzt werden." Die Eintracht hat binnen einer Woche die Möglichkeit, ein Berufungsverfahren vor dem DFB-Bundesgericht zu beantragen. Dort würde der Fall noch einmal komplett neu aufgerollt werden, Schickhardt will sich in Ruhe mit dem Spieler und dem Verein besprechen, sagte jedoch abschließend: "Ich persönlich neige zum Berufungsverfahren." Möglich also, dass nicht einmal der Sitzungsmarathon vom Dienstag ausreichte, um diese Sache abschließend zu klären.

Julian Franzke / Carsten Schröter-Lorenz

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